BACKWOOD CREATURES, SONIC DOLLS
D-Frankfurt am Main, AU - 21. März 2003
Eine weitere Woche als Lohnknecht lag zurück. Und Söldner aus Anglo-Amerika waren in den Irak einmarschiert. Warlords aus Anglo-Amerika... Klingelt´s? 13. Februar 1945 ... Dresden ... das Höllenfeuer ... entfacht durch 244 englische Kampfbomber. Drei Stunden später ... eine zweite Angriffswelle. Doppelt so viele Bomber ... 529! ... Tags darauf noch mal Mordbrenner ... diesmal 311 aus USA ... Dresden brannte auf fünfzehn Quadratkilometern. Die Fliehenden auf den Elbwiesen wurden von Tieffliegern abgeknallt. - - Als Versöhnung stiftete England dem Wiederaufbau der Frauenkirche ein neues Turmkreuz... - - Ich wollte weg, heute, zur Frühlingsgleiche. Das besetzte Haus in Rödelheim war das Ziel, ein Punkabend. Fünfzig Rockabillies, Tollenträger und Studenten waren gekommen, aber auch einige unglaubliche Klugscheißer. Nadeln, Nieten und Stachelfrisuren sah man heute nicht. Auch gab es keine Haßmusik. Nein, heute stand Frohsinn vom Rhein auf dem Plan. Unter diesen Vorzeichen ging´s runter in den Keller......
Es waren die SONIC DOLLS aus Köln, Düsseldorf und Dortmund, die ab 22.35 Uhr als Erste das Funkenmariechen tanzen ließen. Zwei, drei Gitarrengriffe - Hey-ho, let´s go! Vor sechs Jahren hatten Youngspound, Beaver, ToMo_01 und Eric J. President schon einmal in Frankfurt gespielt. Aber mit dem Nationalgetränk „Ebbelwei“ hatten sie immer noch Berührungsangst. Sie befanden es als „ein übles Zoich is, bei dem es einem die Schuhe auszieht.“ Und dabei hatte Stöckeschwinger ToMo 01 „extra ein Leibchen von der bekannten Äppler-Marke angezogen“ - eins in rot mit dem geschwungenen Brausesymbol. Für diese Beleidigung gelobten die Sonics eine Umbenennung in „Sonic Bad Minds“. Und Sechssaitenschrubber Youngspound war deswegen so rund gefressen, weil er mal Eishockeyspieler war... Na ja, Überschall war´s nicht ganz, was die Jecken da vom Stapel liessen. Hierzu fehlte speziell dem Fronter das Charisma. War eben Punkrock. Nichts Bedrohliches. Die Lieder trugen Botschaften wie „Searching for Action“, „Where the Punks are“, „Pin-up Girl“, „Time and Time Again“ und „Starved for Love“, und ich schlug die Zeit mit Trinken und Quatschen tot. Mit zwei Zugaben machten die Dolls ihre Dreiviertelstunde voll. Sie waren nicht zwingend berauschend, zuweilen mau, zuweilen ganz nett. Punkrock eben...
Eine halbe Stunde vor Mitternacht standen die BACKWOOD CREATURES aus der Cockcity Cologne im Licht. Die waren als das „fehlende Bindeglied zwischen den Ramones und den Beach Boys“ angerückt. Mit „Rocknroll-injiziertem Pop Punk und großen behaarten Eiern“ wollten die Creatures eine Brise Sonne und Meer nach Rödelheim bringen. Gleich zum Auftakt fiel die Bassgitarre. Doch dann floß der Saft, und Tommy Toilet, Leif Let´s Go, Nilz Nonchalant, Tough Timo sowie Heini Heartbreaker skandierten „Bah, bah, bahh...“, sie sangen von der „No.1“, vom „Back To You“ und brachten das unglaublich gute „Listen up, Girl!“ sowie „Riot“. Allesamt nette Grüße vom kölschen Backwood Beach. Mit Sonne, Sand und Meer und kreuzbraven Frisuren. Derweil Bushs Söldner den zweiten Tag bombten, surften und verloren sich die Kings of Beach auf zahmen Singalongs und „Babababa... ba bababa...“-Refrains. Doch wenn meine Begleiterin mitwippt, kann es nicht verkehrt gewesen sein. Ich eliminierte Bier. An der Bar der AU ist dies wunderbar. Von den BCs blieb der Gitarrist in bester Erinnerung, dessen Hubschrauberposen denen eines gewissen Dregen verflucht nah kamen. Den Arsch riß sich auch der Rest der gutgelaunten Besetzung auf. „Sheena´s out of Punk!“ beendete den regulären Teil, und mit „At the Sonic Ballroom“ ging es in die Verlängerung. Der Sänger stürzte innerhalb von zwei Minuten zwei Bier (und wandelte damit in meinen Spuren), es folgten „I Want You So, I Need You So“ und „No Sense“, und halb eins setzte mit Ramones´ „Rockaway Beach“ eine olle Kamelle das i-Tüpfelchen auf den Abend der Kölschtrinker.
 
Anderntags... Blick in den Spiegel. Ich hab´ nie mit Lemmy gepennt, doch so etwa könnte der auf die 60 zusteuernde Ahnvater des Rock ´n´ Roll nach einer durchzechten Nacht aussehen. Eine Streicheleinheit für die Seele stiftete die Verkäuferin beim allsonnabendlichen Einkauf beim Fleischer mit: „J u n g e r M a n n, was häddese dann gern?“ Und im Irak tobten Warlords aus Amerika. Same shit, different day!
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 22. März 2003