BAD SECTOR, JANITOR
D-Rüsselsheim, Das Rind - 10. Februar 2006
Rüsselsheims führender Kulturtempel, Das Rind, lockte zum Einstieg ins winterolympische Wochenende mit einer Schwarzen Nacht voller Musik ohne Gitarren. Reine Elektrokultur. Mal was anderes, sagten wir uns... Halb neun war ich mit meiner Konzertkumpeline dort, wo Hessen besonders flach und eintönig ist. Wohin der Blick in der Motorcity auch ging: er stieß auf Beton, Dunkelheit, Neonlicht und Jugend mit schleimigem Wesen und Goldkette am Hals. Nach einem Blitzmarsch durch die Innenstadt standen wir - kurz vorm Fall in den Main - vorm Klub in der Mainstraße Nummer elf. Für 13 Euro durften wir hinein ins vormalige Lichtspielhaus. Im Eingangsbereich befand sich eine Bar mit Aufgang zu einer verglasten Empore. Ebenerdig lag der Konzertsaal in Form eines hohen fünfeckigen Kubus. Und zwar gänzlich in Tintenschwarz, das nur von Wandbehängen aus blutrotem Samt durchbrochen wurde. Etwa 150 Personen hatten sich versammelt. Sie trugen elegantes Schwarz, adrette Abendrobe, Militär oder Barock. Alles war schwarz! So daß sich nur die weißen Gesichter des Publikums ausmachen ließen. Jenes war von nicht wenigen Menschen einer subtilen Elite durchsetzt. Erhabene Melodien von Carl Orff erfüllten die Luft. Die Szenerie atmete Ewigliches.
Der Mann, der glaubte, er sei Gott. Ein Gott, der tötet. Ein Gott, der haßt und vergewaltigt. Ein Gott der tragischen Schönheit, der Unordnung und Verführung. Ein Gott, der die Welt mit Terror regiert. Dieser Gott bestieg nun die Kanzel. Der JANITOR. Der Janitor von heute Nacht rekrutierte sich aus einem kleinen Trupp aus Schweden: BJ Nilsen und Generalfeldmarschall Lina Baby Doll (von Deutsch Nepal). Ein gekrächztes „Welcome“ war es, welches Punkt zehn im Krawall postmoderner, elektronischer Welten verhallte. In elektronischen Universen aus dunkler Spiritualität, experimenteller Psychedelik und surrealem Industrial. Erzeugt einzig von elektrischen Platinen, Nilsens gelegentlicher Bassgitarre, und dem ausgesprochen verzerrten, rohen und zugleich melancholischen Organ des Chefideologen Lina. Flakscheinwerfer durchschnitten den im Raum liegenden Dunst. Nachdem die ersten drei Teile noch häßlicher, monoton-maschineller Natur waren, schickten Janitor ab der Mitte - unter Einfluß germanischem Zauberelixiers - zwar noch immer empirisch-imperiale, jedoch etwas verdaulichere Brocken durch die Endstufe. Es war, als würden sich die Wave-Ikonen Alien Sex Fiend mit den Drone-Doomern Sunn auf einen schwebend-militärischen „Tanz den Mussolini“ treffen. Nicht zu sagen, welche Stücke das Doppel kredenzte. Sie dürften Namen wie „Bestraffningen“, „In the Head of a Burning Anita“, „Mother´s Womb“ oder „Pzykadelische Jugend“ getragen haben. Und wenn mich nicht alles täuscht, fand die Schwarze Szene viel Gefallen an der Neuen Schwedischen Kunst. Botschaften aus dem Jenseits, sphärische Effekte, das Hämmern eines rasenden Pulses und eine mit „Running riot with no rules is coming to your town“ angesagte Zugabe, beendeten ein sehr individuelles Erlebnis.
Anschließend ging das toskanische Faktotum Massimo Magrini alias BAD SECTOR ans Netz. Mit noch minimalerer Ausrüstung als Janitor. Außer schwarzer Kleidung trug der Italiener eine Brille mit kleinen Scheinwerfern sowie Kontaktpunkten an den Fingern.und verwandelte damit die Elektronik eines Klapprechner und einer Orgel in Töne. Die Technik stammte dazu von einem sowjetischen Unternehmen. Magrini beschrieb seine Kunst als „Tief emotionalen Dark Ambient Noise“. Inhaltlich ging´s um die sowjetische Raumfahrt. Sämtliche Titel waren eine Hommage an den Raketenpionier Konstantin Tsiolkowsky. Sie skizzierten den kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur und huldigten kosmischen Missionen, wie dem ersten Mann (Juri Gagarin, Wostok 1, am „April 12, 1961“), sowie der ersten Frau im All (Walentina Tereschkowa, am „June 16, 1963“). Bei Bad Sector verschmolzen Loops, Samples, Delays und trancige Klanglandschaften zu einem weltfremd blubbernden Kosmodrom. Das so Generierte wurde von original sowjetischen Funksignalen durchbrochen und von fluoreszierenden Erdbahnen an der Wand optisch unterlegt. Wobei über all der Kunst auch starker Zweifel schwebte. Denn die steuernden Knöpfe wurden vom Meister nicht berührt, sondern wie von einem Dirigenten per hypnotisierendem Darüber-Hinweggleiten bedacht. War alles Schmu? Die Erklärung folgte per E-Post: Magrini trug an seinen Fingern Infrarotsensoren, die mit dem Mikro-Controller verbunden Midi-Informationen aussandten. Durch Bewegungen konnte er damit einige Klangparameter des Klapprechners steuern. Klang schwierig, war nach Aussage des Meisters aber sehr einfach. Punkt 0.09 Uhr setzte die sowjetisch-italienische Raumkapsel auf dem Blauen Planten auf.
 
Im Gehen stellte sich uns ein gewisser Eisenvater vom Ambient- und Funeral-Doom-Projekt Rostiges Riesenrad respektive Sinistra vor. Doch unsere letzte Heimfahrt trieb zur Eile. Der Abzug aus Rüsselsheim glich einer Flucht aus einer vom Verfall gekennzeichneten Autostadt.
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 13. Februar 2006 (61. Jahrestag der Zerstörung Dresdens durch Feindflieger)
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
JANITOR
(22.00-23.00)
Titel unbekannt
 
BAD SECTOR
(23.20-0.09)
1. Telemetry
2. Baikonur
3. June 16, 1963
4. Cosmos 69
5. Mutua Mutazione
6. Allineate Autovetture
7. Intrichi Angolazioni
8. Forme Estinte