BELGIAN DOOM NIGHT II
 
WHILE HEAVEN WEPT, ESOTERIC, MOURNING BELOVETH, THEE PLAGUE OF GENTLEMEN, INDESINENCE, MOSS
BE-Gent, The Frontline - 10. April 2004
Sonnabend, 10. April (2. Tag)
 
Seit Tagen störte eine Schienbeinverletzung meine Vorbereitung auf die Frühjahrsmarathons. Ich wagte einen leichten Lauf im Zitadellen-Park - und wurde mit Schmerzen bestraft. Das anschließende Frühstück mit in einer Pfanne erwärmenden Croissants wirkte da wie der sprichwörtliche Honig auf die Wunden. - Mittags machten wir unsere Drohung war und besuchten Steve von Thee Plague Of Gentlemen, der uns am Abend zuvor die Anschrift seiner Bude in der Altstadt gegeben hatte. In einem Gewinkel aus Gassen und malerischen Türmen, dem Belfried und der St.-Baafs-Kathedrale, hatten wir sie gefunden. Steve lebte über einem Plattenladen, und zu seinen Lieben zählte neben dem Doom und einer sehr anmutigen Frau auch ein weißer Bullterrier. Aber der tat nix. Wir haben Tee getrunken. Was auch sonst?!... Zurück im „Veergrep“ regnete es erneut. Ich stachelte unseren Gastgeber zum Besuch der Doom Night an. Kein leichtes Unterfangen, denn Marc kannte weder Black Sabbath geschweige das Wort „Doom“ an sich. Aber er kam mit. - Um fünf waren Marc, Anna und Jordi, und Peanut und ich, wieder in Sint Pieters. Ich erblickte den Stand von Esoteric, ließ mir die aus Deutschland mitgeführten Devotionalien signieren, und „Aesthetic Death“-Chef Stuart Gregg verriet mir, daß Esoteric am 26. Juni ein neues Album veröffentlichen. Arbeitstitel: 'Subconscious Dissolution Into The Continuum'. Auch das heutige Ritual begann sekundengenau.
Nach Bunkur bestritten mit MOSS vor achtzig Leuten die nächsten Extrem-Doomer den Auftakt. Wie die Niederländer kamen auch die Sludger aus dem Süden Englands mit minimalem Gerümpel aus - Vomiting & sikkness: Olly Pearson, Amp & axe: Steve Peters, Hellhammers: Andy Semmens. Hieß: An Gitarre und Schlagzeug waren zwei von Esoteric. (Chris Chantler fehlte wegen einer geistigen Zerrüttung und mußte laut Steve stationär überwacht werden [Get well soon, man!]; ebenfalls abwesend: Sechssaiter Dom Finbow.) „Mossoteric“ lieferten auch nur eine Nummer, einen unheilvollen Bastard aus Nihilismus und Misanthropie namens „Tomb“ (Grab). Minutenlange Wechsel von Drone auf maximaler Lautstärke und verzerrtem Noise ließen den Holzboden bis in den Fuß hinein erbeben. Semmens hieb nicht mehr als die vier unverzichtbaren Beats per Minute, Pearson spie und rüpelte ungeheuer verstörende Tiraden ins Mikro - und die Meute ergriff zu früher Stunde die Flucht. Veergrep-Marc, nun „The Black Sheep“ genannt, hielt durch. Und das ohne Ohrpflöcke! Nach 38 Minuten kam der bitterböse, tollwütige Berserker aus Engeland plötzlich ins Straucheln und war auf der Stelle verreckt.
Etwas gemäßigter, aber auch bestenfalls marginal von diesem Planeten, zogen Moss´ Landsmänner INDESINENCE in den Krieg. Mit „Catelepsy“, „Flooding in Red“ und „Aura“ hatten die Death Doomer aus London nur drei Teile im Sturmgepäck. Berücksichtigt man aber die Spieldauer, läßt sich das Ausmaß ihrer Tragweite gewiß erahnen. Ilia Rodriguez, Chris James, John Wright und Dani Ben-Haim offenbarten menschliche Wesenszüge. Vor allem der charismatische Sänger, der gleich dem panischen „Blair Witch“-Blick an der Wand seine Pupillen aufriß - oder ins Kopfinnere drehte. Ilia sang mit einer glockenklaren, fast schon Grufteskälte ausstrahlenden Stimme, die trotzdem äußerst schwarz und brutal rüberkam. Auch ein eisiger Nazgul-Schrei schnitt ab und zu durch den Raum. Demgegenüber konnten seine Mitstreiter genauso in einer der rohen Death-Metal-Kapellen der Achtziger mitgewirkt haben. Indesinence waren sozusagen zum Fürchten geil - und zugleich etwas zum Anfassen. Ein Moment der Stille ... und dann pfiff doch wieder so ein Projektil aus Schwarzmetall durch die Luft. Indesinence waren nicht zu begreifen, viel zu groß dafür, und der Paukenschlag der BDN überhaupt - neben Bunkur!
 
In der Pause kreuzten sich meine Wege mit denen von Herrn Astalosch, dem Leiter der zweiten Doom-Shall-Rise-Expedition. Roman bestätigte Hellwegs Warnung vom Vortage, wonach seine Leute auf Alk waren...
All Hail Misanthrophy! THEE PLAGUE OF GENTLEMEN die dritte in drei Monaten. Nach Nürnberg und Göppingen nun Gent. Fast ist man schon unter alten Bekannten, mit Stevil „S.M.“, Frederic „666“, Sven „666“ und Eddy „E.D.L.“. Kampfhundbesitzer Steve fackelte auch gar nicht lang: „Ladies and Gentlemen, Hello!“ Gents Lokalmatadoren liessen erneut die Trommelfelle mit schwer-sickem Heavy Doom bluten. Traditionell den Anfang machte das fiese Kreuzfeuer „As Cold As they Come“. Ich (Vitus): in der FrontIinie. Vor mir (wild das Haar wirbelnd): „666“. Im Zentrum (thronend): die Glatzen Stevil und Eddy. Links (die grauen Zellen nicht minder wild schüttelnd): Fred. Der Schlachtruf „The Ocean has No Sides“ drang aus den Speakern, und der bullige Halb-Angelsachse Stevil keifte, fauchte und grunzte kranke Texte ins Mikro. Alles wie immer. Auf halber Strecke machte sich der teerschwarze Berserker „Pressure and Time“ auf den Weg - um schnell noch etwas abzuschlachten. Und „Your Love is King (of the dead)“ kam sehr langsam auf die Beine und verendete im Gewitter aus rasenden Saiten von Stahl. Der olle dreckstrotzende Klassiker unter den Unglücksboten, die „Motown Misfortune“, war natürlich auch zugegen. Und „Blackwood Cabinet“ begrub den ganzen Sumpf unter einer tonnenschweren Schicht aus Lava und Asche. Meine Nackenwirbel wissen ein weiteres Lied von den Gentlemen zu zwitschern!
 
Zwischen TPOG und Mourning Beloveth waren 30 Minuten „Backline Changeover“ geplant. Da uns Beloveth ohnehin weniger interessierten, begaben wir uns - geführt von Marc - auf Nahrungssuche. Wir fanden nur Fritten, Waffeln und Pizzafladen, und nahmen Letztere. Zurück im Frontline war das Erstaunen groß...
... denn MOURNING BELOVETH lagen bereits in den letzten Zügen! Der Laden war gerammelt voll, der Dezibel auf Rekordhöhe, und die Iren hatten - wie Frank und Roman es voraussahen - ihre Alkoholpegel nicht mehr ganz unter Kontrolle. Ich gestehe, den Platten 'The Sullen Sulcus' und 'Dust' nur einen Durchlauf gegönnt zu haben, kann mir aber auch nicht vorstellen, mit dem melodischen Death Doom jemals warm zu werden. Präsentierten sich die fünf Feuerköpfe von der grünen Insel beim DSR mystisch in Nebel verhüllt, filigran und sphärisch, so lebten sie in Flandern als Ergebnis erhöhter Drehzahlen ihre deathrockigen Neigungen aus. Das Vorletzte wurde etwas platt mit „Here we go! Belgioom rocks!“ angesagt, und bei der Zugabe „Angers Steaming Arrows“ verzog ich mich in den Hof...
 
... wo ich einen aufgedunsenen, augenverdrehenden und von Wildwuchs bedeckten Phillips traf. In Toms Hand steckte teuflisches „Duvel“... - Der Austausch der Verstärkeranlage war vor Esoteric verlegt worden (deshalb wurden wir um die Iren auch fast geprellt) - und er dauerte satte sechzig Minuten (der erste Zeitverzug im minutiösen Plan). Musik von Mirror of Deception tröstete über den langen Umbau hinweg, und While Heaven Wepts Jim Hunter zeigte mir seinen von einer Autotür gebrochenen kleinen Finger.
Manche Gruppen sind in tausend Jahren nicht einmal leibhaftig zu erleben. Bathory zählen dazu. Burzum. Auch die 1992 formierten ESOTERIC. Esoteric waren der Hauptgrund unserer Pilgerfahrt nach Belgien. Ob Esoteric tatsächlich antreten, war aber abzuwarten. Man befürchtete einen Rückzieher in letzter Sekunde... Doch dann gaben die Funeral-Doomer aus UK einen ihrer seltenen Auftritte im Festlandeuropa. Esoteric stammen aus der grauen Industriestadt Birmingham, die zu finsteren Klängen förmlich anstiftet, remember: Black Sabbath... Nach häufigen Umstellungen rekrutierten sich Esoteric 2004 aus den Gründungsgitarristen Chandler und Bicknell, aus Peters an der dritten Gitarre, Bassist Bodossian, Organist Goyet sowie Trommler Semmens. Nach schier endloser Justiererei (der Tonmeister war keine Hilfe) hatte sich die große Staffel auf dem zu engen Podium positioniert. Die Spannung war kaum auszuhalten... bis kurz vor zehn schrilles Fiepen das Frontline durchschnitt: Life is... the beginning of death! Englands Obermisanthropen spieen den Achtzehnminüter „Dissident“ aus. Qualvolle Barbarenschreie, transzendentale Echos, radikale Philosophien und ideologisches Schwarz erfüllten nun die Luft. Haß und Verachtung sind es, was Esoteric antreibt! Eine finster gegrollte Ode an Drogen und den Tod, hämisches Lachen, ein unmenschliches Röcheln aus der Gruft: das war die „Allegiance“. Neue Visionsdrogen folgten. Erst die „Morphia“; dann die ultratief und ultralaut um Null herum rumpelnde „Stygian Narcosis“. Sorge ergriff mich. Um mein gemartertes Gehör - und den Verstand! Esoteric verzichteten auf Durchsagen und Lichteffekte. Einzig der mit Pferdeschwanz und Giftblick an einen Samurai erinnernde Greg Chandler keifte wie besessen ins Mikro. Es war ein infernalisches Szenario, welches sich da tief ins Unterbewußte brannte! Und noch einer dieser wahnsinnigen Zerstörer zog mich für eine unendliche Viertelstunde hinab, der „Grey Day“. Final schließlich, schlug der voller Ekel steckende Nihilist „Eradification (of Thorns)“ der Kreatur Mensch mit furchterregener Wut die Fratze ein. Die Endlösung, sie kann nur heißen: „My cure is to remove the cause!!!!!!“
Belgier fallen um elf ins Bett. Auch die Epic-Doomer WHILE HEAVEN WEPT hätten gut daran getan. Es war eine bittere Offenbarung, wie sie sich in Gent zeigten. Die Gruppe aus Virginia war dem starken Trunk aus der alten Welt seit Wochen verfallen und ruinierte ihre eigene Heiligkeit. Nicht nur weil der Frontmann gleich zu Beginn eine Plattitüde von der Kette ließ - „We are While Heaven Wept from the United States, and you are the best crowd we´ve ever seen“ - nein, Phillips hochemotionale Stimme war schon lange im Alkohol ersoffen. Das überladene „In Aeturnum“ eröffnete das Desaster, gefolgt vom „first song ever“, den „Wells of Sorrow“. Darauf leitete melodramatischer Regen vom Band „Sorrow of the Angels“ ein. Die gute Akustik entschädigte etwas. Doch dann der Rückfall mit den verschmachtet-defätistischen „Drowning Years“. Toms Stimmbänder lagen meilenweit neben ihm. Wiederum rührseliger Regen unterlegte die Ansage „Go back to 1998, to song one from side A: Thus With a Kiss I Die“... und der Tiefpunkt, als sich die Akteure bei diesem Lied blümerant anhimmelten. Ich war entsetzt: Sogar todtraurige Lieder klangen plötzlich fröhlich. Einem verwegenen Instrumentenrocker, bei dem Jim Hunter mit den Zähnen an den Saiten riß, folgte nach längerer Denkpause noch die „Soulsadness“, bevor „Of Empires Forlon“ die Farce beschloß. While Heaven Wept zählten mal zu meinen Helden. Ihr schwülstiges Neuwerk nahm viel von der Aura, der Auftritt beim Doom Shall Rise war nicht gerade magisch, und die Belgian Doom Night bedeutete die geistige Umnachtung. Ob ich WHW noch liebe? Peanut tut es. St. Phillips zog es im Anschluß schnurstraks an die Bar; ein unheiliger Trinker bestellte hochdrehendes „Westmalle Triple“; und wir räumten das Feld.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
MOSS
(17.00-17.38)
1. Tomb
 
INDESINENCE
(18.02-18.46)
1. Catelepsy
2. Flooding in Red
3. Aura
 
THEE PLAGUE OF GENTLEMEN
(19.05-19.50)
1. As Cold as They Come
2. The Ocean Has No Sides
3. Pressure and Time
4. Your Love is King (of the dead)
5. Motown Misfortune
6. Blackwood Cabinet
 
MOURNING BELOVETH
(??.??-20.55)
Unbekannt
 
ESOTERIC
(21.55-22.55)
1. Dissident
2. Allegiance
3. Morphia
4. Stygian Narcosis
5. Grey Day
6. Eradification (Of Thorns)
 
WHILE HEAVEN WEPT
(23.40-0.40)
1. In Aeturnum
2. Wells of Sorrow
3. Sorrow of the Angels
4. The Drowning Years
5. Thus With a Kiss I Die
6. Soulsadness
7. Of Empires Forlorn
Epilog
 
Sonntag & Montag, 11. & 12. April
 
Die Belgische Doom-Nacht war Geschichte. Und zwar FÜR IMMER! Schwer untergrundige Gruppierungen erweiterten meinen Horizont erheblich. Unser Gastgeber trat mit dem Erwerb zweier Esoteric-Silberlinge der Legion Doom bei. Zum Frühstück lief Esoteric. So laut, daß Marcs furchterregender Hund verrückt wurde. Wir visitierten ferner Foltergeräte in der wuchtigen Wasserburg Het Gravensteen, waren in den Holpergassen des Gerberviertels Patershol, und wir haben im „Dulle Griet“ am mittelalterlichen Vrijdagsmarkt ein Gebräu mit dem Namen „Satan“ getrunken (nur eines unter 212 Sorten der hiesigen Bierschwemme, darunter Malheur Champagne für 27,80 Euro). Mächtiges altes Gent, alte Stadt an der Leie: Wohl auf Nimmerwiedersehen... Zurück in Deutschland wurden die Schmerzen in meinem Bein unsagbar. Die Heilkünstler in Weiß verordneten Laufverbot und das Schmerzmittel Diclofenac...
 
 
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Text und Bilder: ((((((Sint Vitus)))))), 15. April 2004