BLACK SHAPE OF NEXUS, TREEDEON
D-Dresden, Beatpol - 30. Januar 2016
(((O))) Wieder waren Goddess of Doom Peanut und ich von der wochenlangen, horriblen Jagd nach einem neuen Obdach an unsere Grenzen geführt worden. Zum zweitenmal in diesem Monat führten unsere Wege von Hessen nach Dresden. Doch diesmal womöglich mit Erfolg. Zumindest löste sich am heutigen Sonnabend alle Anspannung für ein paar Stunden auf: Am Abend beschlossen Black Shape of Nexus zusammen mit Treedeon ihre kleine Januartour vom Hamburger »Hafenklang« über Berlins »Cassiopeia« im Dresdner »Beatpol«. Davor stieg das Heimspiel von DYNAMO gegen die Reserve von Mainz 05. Wir kamen als Zwölfter Mann goldrichtig: Auf frisch verlegtem Rasen fand die Sportgemeinschaft zu alter Stärke und Souveränität zurück, und baute mit einem 3:0 ihre Tabellenführung weiter aus. Doch nicht zuletzt mit dem Fall der Lichtmasten, auch »Giraffen« genannt, waren der alte Geist und das besondere Fluidum, welches die offene und weitläufige Kampfbahn verströmte, verloren. Vorbei die Erinnerungen. Für immer. Heute sangen die Anhänger im steilen, lauten Stadion »Scheiß Hansa!« und »Ro! Ro! Narrensöhne!«, und kämpften um den Erhalt ihres Steinhauses, der alten Klubheimat an der Lennéstraße...... Wenige Stunden nach unserem Erstbesuch im schwarz-gelben Hexenkessel der Neuzeit wurden wir im äußersten Westen der Stadt von Gebbo Gebinsky mit den Worten »Seid ihr uns hinterhergejoggt?!« empfangen. Nach anfangs ernüchternden zwei Dutzend, trafen nach und nach etwa achtzig Leute im nostalgischen Ballhauscharme des ehemaligen »Starclub« ein. Die meisten davon waren aus der Zeit gefallene Langhaarige in Doomkluft, darunter etliche richtig fertige Typen. Ferner tummelte sich eine Handvoll von der Generation Y mit Hang zum Punk, so einer in Discharge-Kapu. In Dresden kann man schnell sein Gesicht verlieren... Der Freudensaft floß in Strömen. Neben regionalen und tschechischen Elixieren (der halbe Liter für zwei Euro), wurde auch Sächsische Vollbier Braukunst (Verleger-Einheits-Bier) in bauchigen DDR-Pullen ausgegeben (ein drittel Liter zu 1 Euro 50).
Nach jeweils zweihundert Gästen in Hamburg und Berlin mußten TREEDEON heute mit knapp der Hälfte klarkommen. Dafür bot Alt-Briesnitz das schönere Ambiente. Ungleich entschleunigter und tiefer als vor einem knappen Jahr in Wiesbaden gestaltete sich ihr Auftakt »Soul Grave«. Um nicht zu sagen: Treedeon zelebrierten in den ersten Minuten lupenreinen Doom! Dabei lag das stimmliche Zepter einzig bei Sechssaiter Arne Heesch. Erst viel später stieg Fräulein Ducksworth ein. Sie war es auch, die mit ihrer rotzfrech-burschikosen Art heimlich die grenzüberschreitende Mischung aus schrulligem Crust, zornigem Hardcore, manisch-niedergeschlagenem Noise und dronigem Doom trug. Die Ausrichtung wirkte für manchen vielleicht etwas verstörend, dafür stimmten erneut die Schauwerte. Dem gemischten Duo an der Front sah man seine lange, lange Erfahrung an. Yvonnes fliegende Furchtlocken und Arnes leuchtender Blondschopf gingen einfach klasse zusammen, während »Boomer« für Dynamik aus dem Hintergrund sorgte. Wohltuend verzichtete Ducksworth heute auf langes Gerede und Appelle zwischen den Titeln. Einzig eine Haßliste - unter anderem mit »häuserkaufenden Russen« - ließen sich die drei aus Kruzberg nicht nehmen. Nach zwischendurch gebremster Hardcore-Attitüde endete die Schau so atmosphärisch wie sie begann: unter ekstatischen Verbiegungen, kruden Vokalen und doomigen Trossen zu »Soul on a Leash«. Wie in einem alten Ritual umarmten sich die drei am Ende einander. Treedeon waren fast schon richtiger Doom.
Halb elf bestieg eins der besten, wenn nicht das beste Doom-Kommando Deutschlands das Podium. Genauer gesagt: Die drei Gitarreros sowie Trommler Hauser doomten bereits, während der Organist erst nach einer Weile dazustieß, und der Vokalist noch zwischen den roten Säulen die richtigen Stufen seitlich im Saal suchte. (Um ein Haar wäre Malte über mich gestolpert und hätte seinen Einsatz zu »IV« verpaßt. Wie in einer Erleichterung legte später Geb seinen Schädel auf die Plauze des Sängers.) Aber so müssen BLACK SHAPE OF NEXUS sein. Optisch stach heute besonders auch Bassist Kuhn heraus, der sich immer mehr zum Aktivposten im ersten Sturm mausert - unterdes sich Herr Bernhardt von Zeit zu Zeit ein Päuschen im Staub der Bühne genehmigte. Jans Befürchtung, ihre Höhe könnte den Draht zum Publikum zerstören, war rasch zunichte gemacht. B.SON hatten zwar keine Masse vor sich, aber die, die sie hatten, feierten sie erbarmungslos ab. Manche von der ersten Sekunde headbangend, viele in stiller Ehrfurcht. Nach einem komplexen und beklemmenden ersten Doom-Teil voller dissonant fiepender und dröhnender Apparillos, und von brachialen Schreien durchsetzter Propaganda (darunter das Neuwerk »Sachsenheim«), folgten mit »Triumpf of Death« und »Lift Yourself« zwei stringent raserische, deathmetallische Doom-Doom-Geschosse. Aufgrund der Beschallungsanlage fehlte dem Klang im Beatpol etwas die Tiefe. Dafür waren Black Shape of Nexus schneller, sludgiger und metallischer, als sie es jemals waren! Kurzum: die wahnsinnige Subtilität in Perfektion!
 
Am Andenkenstand hatten die Südwestdeutschen eine regelrechte Fundgrube an Devotionalien aufgefahren. Neben allen möglichen analogen und digitalen Tonträgern, Shirts und Aufnähern, fanden sich auch ein zerbröselter Sunn-Basslautsprecher für 80 Euro, Festplatten mit einem 24stündigen (!) Drone-Teil für 25 Euro, und auch die auf 50 Kopien begrenzte Testpressung der kommenden Doppelschallrille 'Carrier' (die der Käufer zum Schutz vor Hehlerei mit seiner Unterschrift personalisieren mußte). Unterhaltungen mit Jan, Geb und Malte - der Peanut und mich, vollkommen durchnäßt wie er war, herzte -, machten den Tag perfekt. Mit dem Zeitlimit »Null Uhr« wurden wir aus dem Beatpol rausgeschmissen.
 
Nach unserem zweiten Feldzug über je vier Tage kreuz und quer durch die Elbestadt schienen wir unseren Frieden gefunden zu haben. Eine Bude hoch über dem Plauenschen Grund mit Blick aufs Dynamoland und übers Elbsandsteingebirge bis zur Schneekoppe im Riesengebirge, könnte das Sachsenheim werden. Prag, wo Black Shape of Nexus im November auftreten werden, liegt vor der Tür.
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 3. Februar 2016
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
TREEDEON
(21.15-22.07)
1. Soul Grave
2. Wendigo
3. No Hell
4. Satans Need
5. You are a Blade
6. Extinction
7. Soul on a Leash
 
BLACK SHAPE OF NEXUS
(22.28-23.33)
1. IV
2. 60WV
3. Sachsenheim
4. 14d
5. Triumph of Death [Hellhammer]
6. Lift Yourself
Dynamo, Drugs & Doom