CHELSEA WOLFE
D-Hamburg, Molotow Musikclub - 1. Mai 2012
Nachdem ich mir den jüngsten Hamburg-Marathon zwei Tage lang sinnlos schön getrunken hatte, kam es zu einem weiteren denkwürdigen Ereignis in unserer Woche in der Hansestadt. In der ereignisreichen Klublandschaft Hamburgs, sprich: St. Paulis, hatte das Konzert von Chelsea Wolfe im Independent-Laden „Molotow“ die stärksten Schwingungen versprochen. Mit dem Mai kommen auch immer die berüchtigten Randale - nicht nur nach Kruzberg, sondern auch nach Sankt Pauli! Umringt von mehreren Hundertschaften Polizisten, Wasserwerfern und einer Reiterstaffel waren eintausendvierhundert Linke zur „Revolutionären 1.-Mai-Demo“ ab 18 Uhr 40 von den Landungsbrücken über die Reeperbahn zur Schanze gezogen. Dabei hatten Peanut und ich Glück, daß die potenziellen Vandalen samt dem Schwarzen Block zwanzig Minuten früher als geplant losgezogen waren (andernfalls wären wir mitten ins Kesseltreiben auf dem Kiez geraten...) - - Mit der Dämmerung waren wir dort, wo kurz davor Rauchbomben gezündet worden, Böller krachten und Flaschen barsten. Womöglich waren wir heute auch das letztemal in einem der Bumslokale der Reeperbahn. Denn die Romantik des Hamburger Szene- und Rotlichtmilieus ist dem Tod geweiht. Die „Esso-Häuser“ am Ende der Reeperbahn, in dem jahrzehntelang Künstler und Kreative zuhause waren, sollen zerstört und im Zuge der „Gentrifizierung“ als innenstadtnahes, schickes Altbauviertel den Yuppies und aufgeblasenen Schickimicki-Vampiren schmackhaft gemacht werden. Das Molotow kämpft gegen den Abriß - der im Grunde notwendig wäre. Denn allzu abgewrackt präsentierten sich die Bar im Parterre des Spielbudenplatzes Nummer fünf - in der heute Englands Pop-Rocker The Sea und Sonic Salvation spielten - sowie das von Chelsea Wolfe zu durchleidende kleine, schäbige Loch darunter. Neben enormer Enge trafen wir im Keller auf starke Hitze und Luftnot. Decke und Wände waren unter Plakaten und oranger Ölfarbe erstickt, der Boden schuhsohlenhoch verranzt. Laut Türpersonal können sie dreihundert Leute reinkriegen, hundert wurden heute erwartet, und letztlich drängten sich sechzig an der Astra-Front; die meisten mit Hipsterfrisur, ein halbes Dutzend meditativ mitwippende Glatzen im Mittelalter, dazu ein halbes Dutzend Langhaarige. Der Eintritt kostete 13 Euro.
Um 21 Uhr 21 stiegen CHELSEA WOLFE aus Sacramento, Kalifornien, in ihren Auftritt ein. „Ist das Drone Metal Art Folk oder doch eher Art Drone Doom Folk?“, hatte sich ein Hamburger Szeneblatt gefragt - und seiner Nachforschung dummerweise das Konterfei der sieben Tage später auftretenden „Princess Chelsea“ hinzugefügt. Die Musik von Chelsea Wolfe einzuordnen, ist etwas schwierig. Die Darbietung bestand grob gesagt aus drei Teilen. Im ersten Akt paarten sich Folklore und Rock, in der Mitte dominierte Postrock, und im Endstadium war es Doom. Wobei sich die Kapitel jeweils durch einen kurzen Rückzug der Frontfrau abgrenzten. Wegen der Hitze, aus Lampenfieber oder Sorge um die Wimperntusche, entfleuchte C Wolfe dem unterirdischen Schwitzkasten zweimal. Ferner trafen die Titel der beiden Wolfe´schen Langrillen den Grundton auf den Kopf: 'The Grime And The Glow' und 'Apokalypsis': Schmutz, Glühen und Apokalypse. Zur hochaufgeschossenen, erotischen Sechssaiterin und Sängerin stellte sich das Rudel heute aus drei Männern in schwarzer Optik mit Tastengerät und Gitarre, Baß sowie Schlagzeug auf. Eine ätherische Frauenstimme mit Hang zum Unausweichlichen und Endgültigen traf auf stimmungsvolle Mollgitarren und schwarzmetallisches Georgel. Anfangs noch hurtig nach vorn hetzend, fielen die Wölfe dabei nach und nach in Schleichtempo. Nach einer viertel Stunde war der Raum von einem geheimnisvollen Karma durchströmt, und C Wolfe, Chisholm, Dockter und Fujioka entpuppten sich am Ende als esoterisch, subtil und äußerst fesselnd. Bemerkenswert war der Umgang im Schlußteil, der an die dunklen Klänge von Wolves in the Throne Room in Zeitlupe erinnerte. Chelsea Wolfe waren ein verdammt spirituelles Experiment und die Ersten, für die ich seit einer Ewigkeit die Glieder geschüttelt habe. Nach einer Stunde kam für die Werwölfe aus USA leider schon das Ende.
 
Der Aufstieg an die frische Luft brachte Ärger mit einem Isegrim der Sicherung, der mich beim Ablösen eines Plakats mit einem unmißverständlichen „Hast du auch gefragt?“ behelligte. Chelsea Joy Wolfe höchstselbst hielt ihre Hand jedoch schützend über mich. Die Wölfin mit den großen, tiefen Augen, dem verruchten schwarzen Schopf und den hohen Stöckeln war viel zu schade für Sankt Pauli!
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus & Peanut, 4. Mai 2012 (4 Tage nach der Walpurgisacht und 231 Sonnenaufgänge vorm Weltuntergang)
.:: ABSPIELLISTE CHELSEA WOLFE ::.
(21.21-22.25)
1. Movie Screen
2. Demons
3. Mer
4. Track (Tall Bodies)
5. Reigns
6. Noorus
7. Moses
8. Widow
9. Ancest
10. Feral Love
11. Pale on Pale
******
12. Halfsleeper