DEATHRIDE, ABYSSOUS, SACROSCUM
D-Dresden, Chemiefabrik - 29. Dezember 2018
Nach der Ernüchterung mit den Retrorockern in der Chemiefabrik zwei Tage zuvor, bot sich kurz vor Silvester noch eine Möglichkeit zu einem würdigen Abschied aus dem Jahr - der krasse Kontrast: statt Friede, Freude, Fidelei dreimal Zerfall, Untergang und Tod durch Black- und Death Metal an genau demselben Ort. Tummelte sich vorgestern eine winzige Schar vor der von Flutern mystisch erhellten Fassade der Chemo, so war sie heute durch eine ganze Division verdeckt. Wir standen erstmals Schlange. Der Eintritt hatte sich auf 22 Euro verdoppelt. An die dreihundert Leute brachten die Kasse zum Klingeln. Darunter waren etliche, die sich wie die Deather und Thrasher in den Achtzigern gekluftet hatten: Pudelfrisur, Spandexhosen, Basketballschuhe (natürlich weiße, mit offenen Schnürsenkeln). Einer zeigte sich sogar bauchfrei und mit Schulterpolstern... Auch die Gorilla-Monsoon-Clique war vor Ort. Äußerst angespannt wurde die Lage am Tresen. Erst mußte Bier nachgeliefert werden (das anschließend ungekühlt ausgeschänkt wurde), und dann auch noch das heillos überforderte Personal von zwei auf vier verstärkt werden. Soweit zu den Rahmenbedingungen...
Nach einer zermürbend langen Probe (unter anderem testete der Vokalist mit „vow“s und „wow“s - die jemand im Publikum mit „au“ nachäffte), schritten ABYSSOUS zur Tat. Jede Generation hat ja ihre eigenen Helden, die irgendwann in Vergessenheit geraten. Morbid Angel etwa. Mit den Chemnitzern kam es zu einer linientreuen Neuauflage der Goldenen Zeit des Death Metal. Zwischen pfeilschnellen Gitarren, peitschendem Schlagzeug und harschen Schreien lauerte die kalt und düster inszenierte Wiedergeburt von Azagthoth, Tucker & Co. Ich hätte mir nur gewünscht, die nicht unpackende Geschichte wäre mit mehr Leben angegangen worden. So tröstete ich mich mit grundsolidem Todesmetall, wie er heute eigentlich nur noch selten zu sehen ist. Zumindest die Ausrichtung und Einstellung der Westsachsen stimmten allemal!
Nach den klasse Vorgängern hoffte ich auf ein großartiges Ende. Denn im Mittelpunkt des Rituals stand eine Gruppe aus Dresden, die ihr Neuwerk 'Nightmares Reign' als „Releaseshow“ feierte. (Für alle, die danach noch nicht genug hatten, folgte ein Abtanz zu Tönen aus der Konserve mit den DJs Chris Blitz & Green Manalishi.) DEATHRIDE begannen Punkt null Uhr, Mitternacht (extra so abgepaßt), mit einer Einleitung vom Band. Und die wollte nicht enden. Nach gefühlten 666 Minuten kamen die fünf endlich zur Sache und servierten melodischen Death Metal. Als Vorbild diente dabei die schwedische Schule der Neunziger. Obgleich Deathride mit ihrer Gründung vor acht Jahren und nunmehr vier Langeisen die Erfahrensten der Nacht waren, sie jüngst mit Mantar und Skeletonwitch auf Tour waren, heute durch einen zusätzlichen Gitarristen verstärkt waren, und sie Staffage und Devotionalien ohne Ende auffuhren, stand den Kerlen die Angst förmlich ins Gesicht geschrieben. Zumindest soweit man das sah. Denn die Bühne lag in milchigem Dunst, und ebenso diffus wehten die Klänge. Die ganze Performanz war so unscharf wie die von meiner Adjutantin geschossenen Fotos. So fiel das Ende leider etwas ab. Nach einer Viertelstunde haben wir uns verzogen.
Um meine Berichte von Zwanzigachtzehn zu einem gütigen Schluß zu bringen: Gleich zum Start in die Nacht hatte das Geviert das wohl gewaltigste Kommando ausgespuckt, daß die Chemo bislang erlebte. Fünf Langhaarige aus Memmingen mit den unheiligen Namen SS, Penetrator, Deathinfektor, J und einem Geist an der zweiten Gitarre, hatten sich zu SACROSCUM zusammengerottet. (Mysteriös blieben sie abseits ihres Auftritts: Davor wurden sie nicht gesehen; danach waren sie sofort verschwunden.) Halb zehn kam es zur Schlacht. Vor der dreihundertköpfigen Anhängerschaft war der Trupp aus Oberschwaben aufmarschiert, um rauhe, verhallte Schreie heruaszukeifen, und mit raserischen Trossen und malmenden Knüppeln alles in Schutt und Trümmer zu legen. Ich fühlte mich sofort zurückkatapultiert in die Achtziger. Doch der Verlauf hing auch davon ab, ob es den Weitgereisten gelang, diesen Sturm aufrecht zu halten, und so endgültig unsere Herzen zu erobern. Und ja, das haben sie verdammt noch mal geschafft! Sacroscum verquickten die rohen Ahnen Venom und Sodom mit der infernalischen Bedrohlichkeit von Slayer und einem Hauch Crust, und erzeugten so einen Orkan, der die strahlende Vergangenheit aufleben ließ und zugleich einen frischen Geist trug. Mit ihren langen Haaren, den Bandshirts, Patronengurten und zerfetzten engen Hosen, sahen die fünf nicht bloß aus wie Übriggebliebene - sie waren Kult im tiefsten Inneren. Mit der ersten Sekunde waren für mich die Funken geflogen; den Rest stand ich haarewirbelnd vor den Akteuren im ersten Sturm. Sacroscum waren das Beste, was mir am Ende des Jahres vergönnt war. Die Nacht drohte aus dem Ruder zu laufen - doch nach Sacroscum hätte ich genauso gehen können. So blieben ihre zehn Lieder. Zehnmal die atemlose schwarzmetallische Furcht, selbstmörderischer Wahnsinn, Nihilismus und Abscheu vorm Leben überhaupt. Den Fangschuß setzten das Nirvana-Schmankerl „Negative Creep“ (dreißig Jahre ist das schon alt), und die salbungsvolle - von der römischen Zahl „DCLXVI“ gezierte - Todeskapsel „Dead Children“.
 
 
Text: Heiliger Vitus, 8. Januar 2019; Bilder: Peanut
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
SACROSCUM
(21.30-22.20)
Katechon Intro
1. Worthless Flesh
2. Autoerotic Thanatophilia
3. Gutter.Moloch.God
Intro
4. Drugs & Death
5. Manifest
6. Skin Canvas
7. Downwards Spiral
8. Salivating Corpses
9. Negative Creep [Nirvana]
10. Dead Children (DCLXVI)
 
ABYSSOUS
(22.50-23.36)
Intro (Aisernat)
1. Mesa
Intermission (Perlurkural)
2. Impelled
Intermission (Fissurge)
3. Ocaeon
Intermission (Vesspense)
4. Congealed Lores
Intermission (Diphour)
5. Aerosoils
 
DEATHRIDE
(0.00-XXX)
Intro
Titel unbekannt