DEBRIS INC., ALIX, MY SHAMEFUL, LAVAVEIN
D-Würzburg, Bechtolsheimer Hof - 3. September 2005
Den zwischen Dom und Residenz ansäßigen B-Hof wollte ich schon lange mal beehren. Einerseits versorgen die Würzburger das Projekt „Heiliger Vitus“ unermüdlich mit Konzertempfehlungen. Auf der anderen Seite ist eine Spritztour nach Franken immer eine Herzenssache. Für jenen Sonnabend im September standen die Amis Debris Inc. mit den Doom-Helden Holzner und Chandler auf dem Programm. Zudem mußte ich einfach mal unter Menschen. Hatte in den Wochen davor das Gefühl, völlig durchzudrehen...... Damit war die Konstellation perfekt! In Würzburg fand das Chaos aber seine Fortsetzung. Da stand ich nun mit meiner Begleiterin vor der gebuchten Absteige „Garni Siegel“ - und dann war die geschlossen! Der Alte hatte sich einen freien Nachmittag genehmigt und wollte laut Aushang 20.30 Uhr zurück sein. Der „Würzburger Hof“ als nächste Absteige war ausgebucht. Doch das Hotel „Schönleber“ bot uns einen Schlafplatz. Schnell ausgepackt... und halb neun waren wir für acht Euro als die Zahlenden Nummer zehn und elf im 250 Personen fassenden Keller des Bechtolsheimer Hofs willkommen. Mit den Akteuren waren später dreißig Leute vor Ort: Rocker, Tätowierte, Langhaarige, zwei Typen mit Braut in Saint-Vitus-Bluse, sowie andere Sonderlinge und stilisierte Fremdgeher auf Zeit. Würzburger Hofbräu (halber Liter: 2,30 Euro) versüßte die Wartezeit.
Den Endzwanzigern LAVAVEIN fiel der Ruhm des Supports zu. In Holland, Belgien und Deutschland durften sie für Debris Inc. eröffnen! Kurz vor neun legten Brei, Kleinerüschkamp, Vester und Gerit mit „Breakin´ the Sunrise“ los. „Hot Liquid Rock“ nannten die vier Heißblütigen ihre Mucke, die zwischen Alternativ- und Heavy Metal daheim war, und in erster Linie vom ausdrucksstarken, dunkelhymnischen Organ Björns lebte. Dazu gesellten sich eine Stromgitarre mit melodiöser Schlagkante, stampfende Bässe und fertig war das manchmal mittelschnell, manchmal auch etwas labyrinthisch, überwiegend aber hochtourig lärmende Kraftpaket aus Westfalen. Lavavein waren keine Innovation, aber ganz achtbar. Glühendheiß dahinfließend eben. Indes - Würzburg erstarb in stummer Reglosigkeit. Björn dankte am Ende David, Ron, Henry etc etc für die vermutlich unvergeßliche Tour, und nach einer halben Stunde war das Rudel vom Osnabrücker Land mit der Neunummer „Interspective“ Geschichte.
„Suicide IS an option!!!!!!“ steht im Gastbuch von MY SHAMEFUL geschrieben. Der sich zäh und diffizil durch die Endstufe quälende Doomdeather „Shattered Ashes“ unterstrich es nur noch. Ab halb zehn herrschten Unbehagen, Angst, Zerstörung, Desillusion, Depression und Nihilismus in ihrer radikalsten Form. Peanut zu mir: „Das ist doch was für dich!“ Der finnische Bund um den subtilen Gruppenführer Sami Rautio, Gitarrist Mario Hahn, Basser Twist und Trommler Mark Napier riß mich in die tiefstmögliche Katharsis vorm Podium. Ein weiterer Erschienener bangte gleich mir unentwegt die langen Haare durch. Auf die verstörende Einleitung schlich das Titelstück „...Of Dust“ durch die Katakombe. Auch die wieder ein Doomschleifer extremstem Zeitlupenkalibers, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Vollzogen von gutturalen bis kranken Grunzlauten, bedrückend tiefen Gitarren und eisig harten Trommeln. Dazu visuell eindrucksvoll unterlegt von Rautio, der völlig insich versunken mal suchende Blicke Richtung Himmel warf, mal seinen langen schwarzen Schopf durch den Staub des Bodens zog. Darauf folgten die „Blackened Lies“ - langsamer ging´s nun gar nicht mehr. „Funeral Doom“ nennt man jene esoterische Selbstmordmusik. Und deshalb zelebrierte das Kommando zum Abschied, zur Heilung sozusagen, einen Plattmacher der antreibenden, fast schon lebensbejahenden Art, ein Lied wie süßes Gift: „One Lost“. My Shameful - zu meiner Beschämung - ich kannte die Seelenverwandten nicht. Seit Würzburg sind sie tief in meinen Gedanken. Sie sind der neue Stern am Funeralhimmel!
ALIX aus Bologna hatten die schwierige Aufgabe, das Niveau zu halten. Alix gibt´s schon seit 1995. Gründerin Alice Albertazzi wurde heute von Pippo de Palma, Franco Romanelli und Andrea Isuna flankiert. In der Gruppenvita stehen drei Alben Alternativrock auf Italienisch - und ein völliger Abtrünnling von der Vergangenheit mit dem Stoner-Rock-Album 'Ground'. Und auschließlich Lieder davon spielten Alix. War die Meute bei My Shameful noch in Angst erstarrt, stand sie gleich beim ersten Alix-Riff in Flammen. (Der Auftakt „Like a Flood“ sollte in den Folgetagen schicksalhafte Realität werden...) Nun, in diesen Momenten, erfüllten aber wuschig-warme Fuzzgitarren die Luft. Dazu das erdige, kraftvolle, anfangs auch etwas operettenhaft helle Organ der Rotfüchsin Alice. Ab dem Herausstecher „I´ll Be Gone“ waren dann aber alle Makel beseitigt und der Stoner Rock im Fluß. (Als Lohn gönnte sich die Signorina ein Birra aus Germania.) Atemraubend ging das weiter mit „Ground“ und dem rasenden „Fun“. Danach legte Bassist Franco den Viersaiter zur Seite, schnappte sich eine Sechssaitige, und gab zu „Lonely“ ein rattenscharfes Slide-Solo zum Besten. Alix endeten mit einem drückenden, und von voll ausgereizten Fuzzgitarren veredelten Kraftrocker. Auch die Italiener hatten sich mit Wucht in unsre Hirne katapultiert! Und der Höhepunkt kam ja noch...
... DEBRIS INC., die Überbleibsel der Doom-Legenden Trouble (Ron Holzner, zugleich Gruppengründer) und Saint Vitus (Dave Chandler); dazu als Gastarbeiter - anstelle des erwarteten Jimmy Bower (Down, EyeHateGod) - Henry Vasquez von Sourvein. Was folgte, war nun aber kein Doom. Nein, „Happy Violent Drunken Stoner Doom Punk“, nennt das Rudel aus Chicago und New Orleans seinen Krach für die Welt, in der nichts mehr heilig ist. „Are you all right?“, schrie Chandler um elf ins Mikro. Holzner ergänzte, daß Dave „The Shitface“ heute Geburtstag hat. Wofür Chandler nur ein abschätziges „Thank you!“ übrig hatte. Lauter derbe Bemerkungen, und abgewrackt auch der Auftakt mit den Punkauswürfen „Fuckin´ Mess“ und „Full of Shit“. Wobei „Speedy“ Vasquez gleich mal das Schlagzeug schrottete. Mit der Folge einer Unterbrechung - die Ron und Dave mit „Too Many Mushrooms on My Pizza“ überbrückten. Nicht nur Punk gab´s bei den Amis, sondern auch Drogen und Alkohol, und einen Wechsel zwischen Hasenfick- und Schneckentempo. Das erste Angedoomte prallte in den Raum, psychotisch herrausgefaucht: „Pain“. Darauf gleich wieder der Kontrast durch den Hardcoreler „Medicated“ (samt der nächsten Schlagzeugzerlegung). Und als ob das Wellental zwischen Schnell und Langsam nicht schon schief genug wäre, exhumierten Debris - getragen von Chandlers unverkennbaren Wah-Wah-Effekten und seiner krätzigen Kehle - Saint Vitus´ morbides „Dying Inside“. Danach setzte es den einzigen echten Stonerdoomer mit „The Old Man and his Bong“ (der Name war Programm!), und Dave gedachte der Latrinen vom „With Full Force“ vor zwei Jahren, niedergeschrieben in „I Feel like Shit Again“. Zwei Huldigungen an Saint Vitus besiegelten die Schau. Zuerst ein instrumentales Medley. Und dann die Ode an alle in die falsche Zeit Geborenen (traditionell von Chandler mit den Zähnen gespielt): „Born too Late“. Und weil Dave Unheil aus seiner Heimat erahnte - Hurrikan „Katrina“ brauste auf New Orleans zu -, lieferte er final mit „Nightmare“ ein Selbiges ab. Ein Riff von Metallicas „...and Justice for All“ beschloß den Abend. Zehn Minuten nach Mitternacht kreuzten die Gitarristen ihre Instrumente.
 
Beim Abschied befrug ich das Geburtstagskind nach dessen Alter. „Forty-seven“, die Auskunft - samt einem teerschwarzen „You´re almost there“ auf meine Antwort nach seiner Gegenfrage (die lautete: „Fourtythree“). Die Stunden in Würzburg rannten nur so dahin. Auf dem Heimweg noch einen Schluck im Wirtshaus „Karthäuser“...
 
... und am Folgetag - nach einem Bayerischen Frühstück (Weißbier mit Weißwürsten, süßem Senf und Brezel) -, noch ein Streifzug durch die von Britenbombern im März 1945 zu neunzig Prozent eingeäscherte und nach Kriegsende penibel rekonstruierte Altstadt. Einschließlich einer Unterhaltung unter der Alten Mainbrücke. Dort erfuhren wir die persönliche Geschichte einer Zeitzeugin aus der jener Bombennacht kurz vor Kriegsende. - Die Geschichte mit Debris ging wenige Stunden später hundert Kilometer mainabwärts weiter:
...... Debris Inc., Alix - Frankfurt am Main, Nachtleben
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 8. September 2005
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
LAVAVEIN
(20.50-21.20)
1. Breakin´ the Sunrise
2. Stoner Love
3. 555
4. Reminder
5. Highwaysong
6. Special Morning
7. Interspective
 
MY SHAMEFUL
(21.35-22.00)
1. Shattered Ashes
2. ...of Dust
3. Blackened Lies
4. One Lost
 
ALIX
(22.15-22.50)
1. Lika a Flood
2. Spirit
3. I´ll Be Gone
4. Ground
5. Fun
6. Take My Hands
7. Lonely
8. Love
9. Out of the Sighs
 
DEBRIS INC.
(23.05-0.10)
1. Fuckin´ Mess
2. F.O.S. (Full of Shit)
3. Too Many Mushrooms on my Pizza
4. Pain
5. You´re the Reason I´m Medicated
6. Dying Inside [Saint Vitus]
7. Shut Up
8. The Old Man and His Bong
9. I Feel Like Shit Again
10. The Ballad of Debris
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11. Saint Vitus-Medley
12. Born too Late [Saint Vitus]
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13. The Nightmare