DOOM OVER EDINBURGH
 
IRON VOID, UNCOFFINED, WITCH CHARMER, HEADLESS KROSS, OF SPIRE & THRONE, ATRAGON, PYRE OF THE EARTH
GB-Edinburgh, Bannermans - 15. März 2015
Sonntag, 15. März (2. Tag)
 
Edinbarra kann sehr kalt und karg sein. Aber der Vergnügungen gibt´s einige - und unter der Brücke fanden wir auch wieder die heile Underground-Gesellschaft. Trotz 25 Prozent Studentenrabbat versammelten sich heute bei der Vorgruppe nur handverzählte 18 und später um die achtzig Leute, darunter ein Ulmer Junge namens Gideon, der sich als Dolmetscher in Edinburgh verdingte und die deutsche Doom-Metal-Bewegung gut kannte. Sowie ein Schrat mit Dreads, der als einziger bei allen Gruppen headbangte. In den Nebengemächern wurde ferner ein (angeleinter) Pitbull gesichtet. Die Klangregler bediente Irish Rob, seines Zeichens Bassist bei Karma To Burn und den in Edinburgh ansässigen The Exploited. Ein sich anbahnendes Gespräch - nicht mit Gott, sondern mit Doom-Veranstalter Pisschrist - scheiterte erst an der Sprachbarriere und endete schließlich im Trubel der Geschehnisse...
PYRE OF THE EARTH waren überhaupt nicht auf meinem Radar. Und dann kam diese hinreißende Mittzwanzigerin mit Becky-Gesicht, verbotenen Rundungen, zerfetzten Nylons, Hotpants, unzüchtigem Hüftschwung, einem „... Keep out of it“ auf dem Bauch, und unbändiger Lust aufs Leben... Eilidh machte wohl allen die Hölle heiß. Aber da war auch ein Saint-Vitus-´V` in ihren Busen eingespritzt. Und jenes hielt, was es versprach. Trotz aller erotischer Überspitzungen und Provokationen, und trotz knisterndem Lautsprecher zu Beginn, kamen die orgiastisch dunkel hingehauchte Frauenstimme und die drei Kerle aus Glasgow äußerst doomig rüber, und trafen ab der Mitte die Meute ins Herz. „Fear Leaves Me“, so hieß der zweite Doomer, bei dem Eilidh wie besessen ihre Mähne warf, frenetische Sprünge vollführte und Jex Thoth ziemlich blass aussehen ließ. Nach einer halben Stunde purer Leidenschaft und Doom-Pogo kamen Pyre of the Earth zum Ende. Ein Weib mit Feuer im Hintern hatte sie zum Ereignis gemacht.
Odinburgs Doom Metaller ATRAGON putschten sich mit einer Flasche Buckie (Tonicwein) auf, und setzten gegenüber Pyre noch einen drauf. Wobei Herr Gardner zum männlichen Pendant von Miss Harris wurde. Der schnauzbärtige Vokalist war extrem gut aufgelegt und ging noch direktere Wege, indem er jeden in der Meute persönlich ansang, und sich auch nicht vor Hohn auf die lahme Plattenfirma und diesem Sonntag in Edinburgh scheute. Atragon präsentierten sich im geilen, lauten Metalstil von 1984: wuchtig, atemlos und unfaßbar irre. Gardner erzeugte mit seinem Mikro harsch-distortete Schreie, dazu feuerte Daunton seinen messerscharfen Sechssaiter ab. Dauntons Leitgitarre war für mich die beeindruckendste überhaupt, und die gesamte Performanz - allen voran der viertelstündige Plattmacher „Jesus Wept“ - von überbordender Energie. Derweil das Rudel auf, unter und vor den Planken randalierte, verlor sich das langbeinige Biest als Groupie in einigen Kelchen Rotwein. Auch Atragon steckten voller Herz und Leben. Und zwar heftigst! Umso größer war die Überraschung, Herrn Daunton später in zivil in einem traditionsbewußten, grauen Tweed-Mantel zu erblicken.
Frontmann Alistair von OF SPIRE & THRONE hatte mich im Vorfeld mit einer blutroten Vinylplatte von 'Toll Of The Wound' beliefert. Es erreichte Deutschland liebevoll verpackt, sah auch toll aus - lief sich aber etwas wund. Es fehlte eine Linie. Doch heute zelebrierten Lauder, Davies und Stewart zwei Teile vom bereits fertig abgemischten Neuwerk. Beide jeweils eine viertel Stunde lang. Beide total finster, zerstörerisch und hochgradig abgründig. Kolossale, stoisch tiefe Doomriffs, barbarische Schreie, ein in äußerster Zeitlupe bedientes Schlagzeug, und die ekstatische Körperlichkeit der Recken aus Odinburg verschmolzen zu zwei umwerfenden Monolithen. Ich war hin und weg. Aber wohl niemand hatte diese Klänge jemals gehört. Und dann war es zu spät, sich zu verlieren. Mit seiner Verbindung von Drone, Funeral und Sludge Doom stieg der Dreikant Of Spire and Throne in meinen Augen zum doomigsten Kommando auf. Es war die pure Faszination! Was ich nicht ahnte: Alistair litt unter einer Infektion in der Brust und brachte die Schau gerade noch so über die Runden.
Etwas unterschätzt hatte ich HEADLESS KROSS. Doch dann zertrümmerte das Trio aus Glasgow gleich mit den ersten Takten sämtliche Zweifel. Alles, was sich bei Doom Over Edinburgh die Ehre gab, strotzte vor Gelassenheit und Selbstvertrauen. Mit ihrem Schlagzeuger hatten Headless Kross den schrägsten Dude in ihren Reihen. Jonny trug einen Fetzen mit dem Aufdruck „Be Strong Be Wrong“, er war übersät von schwarzen Tattoos, und über seinen kalkweißen Bauch wallte ein ritzeroter Bart. So etwa stellt man sich Catweazle vor. Der Rest trug knallige Hemden aus den Siebzigern zur Schau. Bizarr klang dann auch der „Rural Juror“ (etwa: Ländlicher Geschworener). Der „Rural Juror“ war der einzige Titel, und er bestand aus sprödem, verhallendem Geschrei, wuchtigen Bassläufen, einer Wah-Wah-Gitarre, eindringlichen Trommeln und einem unheilvollen Unterton. Headless Kross waren harsch glimmend, verdammt frisch und atmosphärisch zugleich. Schrill allemal! Mit ihrem psychedelisch gespickten Sludge haben sie wohl alle umgehaun. Die am Lautsprecher geriebene Sechssaitige bedeutete das Ende.
Hex-hex: Daß man Frauen nicht unterschätzen soll, bewiesen WITCH CHARMER. So unscheinbar die im Cyberkosmos kursierenden Filmchen auch wirkten, so märchenhaft und dunkel funkelnd geriet der okkulte Doom Rock aus Sunderland in natura. Ausgerechnet ihr schwächstes Glied, Sängerin Kate McKeown, stieg zu einer Heldin auf. Mit weichen Knien fing alles an, doch aus Verletzlichkeit wurde Furchtlosigkeit, das Manko einer mitunter zu leise ausgesteuerten Stimme wurde ebenso mit Stolz kaschiert wie das Malheur mit dem im schwarzen Fummel verfangenen Kruzifix. Und letztlich meisterte McKeown ihre Rolle als Fronterin der Gruppe aus Nordengland mühelos. Außerdem steuerte der Gitarrist Gesang und der Schlagzeuger animalische Grunzlaute dazu. Letzter bestach ferner durch trockenen Humor und dem zwischenzeitlichen Verlust eines Stocks. Immerhin kam er zur Erkenntnis, daß auch jedes Ale und jeder Cocktail als Pisse endet. Verwundert zeigte sich übrigens auch der Gitarrist, dem das Festivalband zu eng wurde, und der es mit den Worten „Playing under the bridge made me strong“ abfetzte. Ausgerechnet bei der schmerzhaften Aufarbeitung eines Traumas durch „World´s Burning (Inside the Fire)“ riß die Halskette der Sängerin und das Kreuz fiel zu Boden. Was von Witch Charmer und ihrem Album 'The Great Depression' blieb, war die Erinnerung an ein zerbrechliches Geschöpf und ein Fegefeuerwerk an Spiritualität.
Auf UNCOFFINED war ich unheimlich gespannt. Der Tonträger 'Ritual Death And Funeral Rites' kam im Vorab per Luftpost von Memento Mori aus Spanien. Raúl bat mich, Schlagzeugerin und Sängerin Kat ein „Hi“ zu übermitteln - sofern sich die Möglichkeit eines Treffs ergäbe. Die gab´s. Denn Kat vertickte ihre Shirts und ihren Shit selber. Dabei wirkte sie mit ihrem feinen Gesicht, den langen, hellen Dreads, ihrer Kutte, dem Patronengurt, und der Stimme eines Mannes wie eine Straßendiva. Kat würdigte unsere Expedition nach Edinburgh mit den Worten „This is dedication“. Halb neun endeten die Nettigkeiten, und es brach eine knüppelharte Mixtur aus Death, Grind und Doom, auch „Doom Metal of Death“ genannt, über die Gruft herein. Die verschrobene K Shevil hatte mit drei ungeschönten, etwas blassen Männern die Ehre. Jonny Rot, G. Hall und Gory Sugden lieferten zwar wenig Plot, aber viel Krawumm. Inhalte mit Hang zur dunklen Materie und ultramorbides Geröchel kopulierten mit steil gehenden Melodien. Uncoffined waren schwarz. Uncoffined waren krude. Uncoffined war stark. Und Uncoffined hatten die meisten Headbanger. Nach fünf Nackenbrechern ihres Albums sowie dem Neuling „Ceremonies of Morbidity“, war die Horde aus der nordostenglischen Grafschaft Durham durch. Das Revelation-Cover „Frustrations“ fiel der Zeit zum Opfer.
„Iron wer?“, hatten wir beiden deutschen Fans uns verständnislos gefragt. Denn es oblag einem Trio aus dem englischen Wakefield, die Premiere von Doom Over Edinburgh zu besiegeln. IRON VOID wurden jedoch schon 1998 von Bassist Jon Seale gegründet, existieren in der Besetzung mit Gitarrist Steve Wilson und Trommler Damien Park aber erst seit 2007 so richtig. Ehrlich gesagt, hatte ich Iron Void bisher nicht zur Kenntnis genommen. Es kam nie zu einer Kreuzung der Wege. Und dabei waren die Idole die gleichen. Iron Void kamen wie ein Extrakt aus Count Raven, Saint Vitus, The Gates of Slumber und Reverend Bizarre daher. Optisch und stimmlich hätten genauso Chandler und Peter Vicar vor uns stehen können. Selbst das Gruppenemblem erinnerte an Vitus. Aber Iron Void waren keine Persiflage, sondern der pure Kult! Daß die Hauptrolle an der elften Stelle eines Festivals undankbar ist, kann Verfechter der wahren Doommusik nicht kratzen. Im Publikum standen jetzt nur noch Traditionalisten, zirka vierzig hielten durch. Und deren Geduld wurde belohnt. Mit ihrer gewollt anachronistischen Aufmachung, ihrer bescheidenen, stoischen Ausstrahlung, und dem wechselweise kieseligen (Sealey) und klaren Gesang (Wilson), lieferten die Briten weit über eine Stunde reinrassigen Doom Metal und Bangmusic vorm Herrn. „Necropolis“ stach zwar etwas heraus, angebetet wurde trotzdem alles. Und: Iron Void durften eine ungeplante (!) Zugabe zelebrieren. „King of Utopia“ und ein „Thank you, we love you all!“ machten spätabends um kurz nach elf den Sack zu. God bless Iron Void, die Saint Vitus der neuen Zeit!
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
PYRE OF THE EARTH
(16.05-16.38)
1. unbekannt
2. Fear Leaves Me
3. unbekannt
4. Mountain Temple
 
ATRAGON
(16.49-17.20 / ohne Gewähr)
1. The Sound In The Halls
2. The Wallowing Wizard
3. Dead Weight
4. Jesus Wept
 
OF SPIRE & THRONE
(17.38-18.07
1. Carrier Remain
2. Upon The Spine
 
HEADLESS KROSS
(18.25-18.50)
1. Rural Juror
 
WITCH CHARMER
(19.25-20.14)
1. Suffer
2. The Cull
3. Born a Slave
4. A Watching of Wolves
5. World´s Burning (Inside the Fire)
6. Stare into the Sun
 
UNCOFFINED
(20.37-21.28 / Liedfolge evtl. nicht ganz richtig)
1. Twisted Shape of Creeping Terror
2. Night of the Witch Childe
3. Ritual Death and Funeral Rites
4. Blasphemous Execration of Holy Ground
5. The Devil and the Old Cursed Tree
6. Ceremonies of Morbidity
7. Frustrations [Revelation]
***
 
IRON VOID
(22.00-23.05)
1. Spell of Ruin
2. Tyrant´s Crown
3. I Am War
4. The Mad Monk
5. Those Who Went Before
6. Outlaw
7. Path To Self-Destruction
8. Black Mirror
9. Lost Faith
10. Necropolis (C.O.T.D.)
11. Suicide Sorcerer [So Mortal Be]
******
12. King of Utopia
Epilog
 
Montag und Dienstag, 16. und 17. März
 
Auch an den beiden Schlußtagen gab sich Odinburg in Grautönen. Nichtsdestotrotz begrüßte der junge Mann an der Hotelbar mich (sichtlich angeknockt) auch am Tag nach der Fete mit einem zackigen „Good morning, Sir!“ Stunden später standen P. und ich vor einem versteckten Mosaikherz neben der St.-Giles-Kathedrale. Im 15. Jahrhundert spuckten die Edinburgher aus Protest über die aufgespießten Totenköpfe von Häftlingen auf das „Heart of Midlothian“; heute tun es Anhänger vom verfeindeten Fußballklub Hibernian. Auch eine junge Dame rotzte vor uns herzhaft auf das Herz im Boden. Staunen durfte ebenso die Belegschaft des Bannerman, die für uns den fünften Abend hintereinander Bier zapfen mußte (die Pint - knapp 0,6 Liter - übrigens rund 3,30 Pfund). Wir quatschten noch über die Saalmiete im Bannermans. Für ein relativ kleines Geld gibt´s in der Cowgate 212 immer Auftrittsmöglichkeiten. Mit einem der letzten Flieger kamen wir am Dienstag nach Frankfurt zurück. Ab Mitternacht streikten die Piloten der Lufthansa.
 
Edinburgh war ein voller Erfolg. Wir fanden puren Doom auf hohem Niveau in einer angenehm entspannten Atmosphäre. Das Bier war erschwinglich und gegen den fairen Eintrittspreis läßt sich auch nichts sagen. Und das Wichtigste: Keine einzige Gruppe fiel ab! Aber so, wie es war, konnte es auch nur in dem kleinen Kosmos Bannerman funktionieren. Weiter sollte man nicht denken... Drei Tage nach dem Festival standen die Termine, der Ort und die erste Gruppe für die Fortführung fest: 11. und 12. März 2016 im Bannerman mit Marche Funèbre. Keine Frage: Wir kommen wieder!
 
 
Hails, Cheers & Enjoy
Miguel & Andreia
Alle Gruppen von Doom Over Edinburgh
Goddess of Doom Peanut
Barcrew Ibis South Bridge
Barcrew Bannerman
 
 
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Text: ((((((Heiliger Vitus)))))), 24. März 2015; Bilder: Vitus & Peanut