DOPELORD, WARP, DIESELOKKULT, DEAD MYRICK
D-Dresden, Chemiefabrik - 12. Oktober 2019
Diesem Konzert hatten wir seit Monaten entgegengefiebert. Dopelord, die Helden des Frühlings, als sie mit Saint Vitus unterwegs waren, doomten im Herbst noch mal für drei Nächte in Deutschland. Eine davon - Elbsludgebooking sei Dank - in Dresden. Dabei kreuzte sich der Weg der Polen mit Warp aus dem Nahen Osten. Zwei Truppen aus Dresden leiteten das Ritual ein. Die Karten waren uns lange vorab von der Schneckenpost zugestellt worden. Zirka einhundertfünfzig Zahlende fanden sich ein. Einer davon sollte die ganzen vier Stunden auf dem Sofa hinterm Mischpult tief und fest durchschlafen. Ein anderer wollte sich sternhagelvoll auf der Armlehne niederlassen, verschätzte sich jedoch um einen Meter, und legte sich stattdessen später mitten vor die Bühne. Am Bühenrand standen die neuen Maskottchen der „Chemo“: ein weißer und ein rosaer Flamingo, Die Pausen waren mit Stonerrock von Kyuss beschallt.
Ohne lange zu fackeln starteten pünktlich um neun die Ersten mit einem „Guten Abend, wir sind DEAD MYRICK aus Dresden“ in die Nacht. Wir sahen drei Typen, die oberflächlich ungleich wirkten - der Frontmann mit verschwitzter Mähne, ein reiferer Sechssaiter mit Glatze und Ziegenbart, der Trommler versteckt unter einer Wollmütze -, deren Stoff aber wie ein bestens geölter Motor lief. Dead Myrick waren absolutes Neuland für mich. Einzig, daß Elbsludgebooker Frido an den Trommeln saß, war bekannt. Aber Frido hat viele Bekannte, und die „Chemo“ war rammelvoll von ihnen. Die Freunde der Band kriegten genau das, was sie wollten: geradlinigen, rumpeligen Rock ohne großen Anspruch auf Perfektion aufs Geviert genagelt. Dead Myrick tuckerten durch eine Welt aus Southern Metal, stonerigem Heavy Blues und alten Motörhead. Apropos Motörhead: Voller schelmischem Humor waren Dead Myrick auch. So wurde ein Lied als eins von Motörhead angesagt, wer´s zuerst erriet, bekäme ein Bier... Obwohl der Sänger bei diesem Lied original wie der junge Lemmy klang und auch so aussah: Es war eigenes Material, wie alles von den drei Geistern aus Dresden. Entwaffnend schlichter Rock voller entspannter Gelassenheit und umwerfender Ehrlichkeit. Frido hatte sich gut geschlagen. Der Einstieg in die Nacht war mehr als gelungen!
Der Auftritt von DIESELOKKULT begann äußerst ungewöhnlich: Während sich die Gitarristen seitlich weit voneinander entfernt in Stellung gebracht hatten, so, als würden sie nicht zusammengehören, saß der Sänger minutenlang depressiv in sich zusammengesackt vorm Schlagzeug. Als es dann losging, ertönte das doomigste Lied der ganzen Nacht, ein wahrer Monolith im wörtlichen Sinne: der Stoner-Doomer „Riesengebirge-Alpentraum“. Es folgte die Ansage „Wir sind Diesel-lok-kult aus Radebeul. Großen Dank an Dead Myrick und Frido, der sich hier so einen abgetrommelt hat!“ Nach dem spirituellen Beginn tief in den Adern von Sleep, bei dem der Sänger auch noch richtig „sang“, schwenkte der Karren um in Richtung EyeHateGod. Sprich: fortan wurden kaputte Geschichten voller Gift und Galle gespien. Dem Zuschauer machten es die Übergänge von Stoner Doom zu Sludge nicht leicht. Die Erscheinung des scheinbar von Dämonen geplagten Vokalisten, der mit seinen Rastas und dem Cannibal-Corpse-Shirt wie ein Ebenbild von Chris Barnes wirkte, blieb etwas spröde und ziemlich heruntergekommen. Im Unterschied dazu strahlten die Gitarristen mit ihren langen blonden Haaren etwas Poetisches, fast Erhabenes geradezu aus. Das starke Faible für den Doom und langsame tiefe Apparillos machten die Vorstellung trotzdem hochgradig spannend. Offen blieb allerdings die Frage, wohin die Reise der Herren Altus, Voigt, Bock und Kaltofen geht: zum Stoner Doom, Sludge oder Fickpieschen Core? [Anm.: „Fick-Pieschen“ ist der Spitzname des Dresdner Stadtteils mit den meisten rot leuchtenden Fenstern der Nacht]
WARP glichen einer okkulten Variante von Dead Myrick. Während Dead Myrick wie in den Achtzigern schnurstraks nach vorn gingen, hielten Warp es eher mit Black Sabbath und den Siebzigern. Gespickt war der Sound von einer unorthodoxen Version von Kyuss´ 'Blues for the Red Sun'. Und: Während bei den Dresdnern der Saal rammelvoll war, spielten Warp nur vor dreißig Augenpaaren. Das Trio zeigte sich jedoch nicht enttäuscht und lieferte eine halbe Stunde voller Hingabe ab. Warp waren zwar keine Neuerfindung des Schakschuka, zur Untermalung eines Getränks vorm nahen Höhepunkt der Nacht aber allemal gut genug. Wirkliches Manko blieb der krude Akzent ihres Englisch, den wohl keiner verstand. Daß in dem Auftritt Herzblut steckte, zeigte sich auch am Fronter, der die anderen Gruppen interessiert hinterm Mischpult verfolgte, und der ein Shirt gegen die Kriege auf unserer Welt trug.
Je später der Abend, desto doomiger die Gäste! DOPELORD waren gleich mehrfach völlig aus der Art geschlagen. Sie sahen aus wie Doom, sie machten Doom, waren gefühlt eine Nummer zu groß für die „Chemo“, sie trugen den Ruhm des Headliners, und zugleich das Kreuz eines späten Starts. Fünf Stunden mußten Miodek, Mroku, Klusek und Ochocinski der Dinge harren, bis Mitternacht endlich ihre Stunde schlug. Einerseits wurden Dopelord von unzähligen Doom-Junkies regelrecht durch ihren Auftritt getragen (ich wußte gar nicht, daß Dresden so viele davon hat, sie waren alle aus ihren Löchern gekrochen, der halbe Saal glich einem Meer aus wirbelnden Mähnen), andererseits kämpften die Polen gegen Randalierer, die zum Hauptakt in den Saal drangen, um Jacken und Rucksäcke auf die Bühne und Bodenpedale zu drapieren - was den ansonsten stillen und würdevollen Frontmann Miodek ein böses Runzeln auf die Stirn trieb. Danach mußten die neuen Klub-Maskottchen dran glauben: Die Flamingos wurden erst gewürgt, und dann als Crowdsurfer durch den Saal gehievt. Dopelord waren von diesen Chaoten ziemlich angepisst, und werteten die Nacht am Ende süffisant als „THE CURSE OF FLAMINGO“. Davor lag eine weitgehend magische Stunde, die mit den derzeit phantastischsten Stonerwalzen überhaupt - „Children of the Haze“ und „Dead Inside“ - begann, und mit den treibenden Hymnen „Magick Holocaust“, „Reptile Sun“ und „Preacher Electrick“ endete. Der Mittelteil fiel deutlich schneller aus, als der Suchtstoff zu Beginn versprach, mitunter fast ein bißchen crustig, und er wurde zu völlig unangepaßtem Gehüpfe, Springteufeleien und Moshkreisen mißbraucht. Zwei Wässerchen aus Rußland, die schier unerschütterliche Ruhe der Protagonisten, und die letzten Lieder im Schneckentempo entschädigten aber für alles. Die Stunde mit Dopelord verging wie im Flug und nach den finalen Slowbangern hatte ich eigentlich noch gar keine Lust zu gehen. Goddess of Doom Peanut auch nicht. Dziekuje, Dopelord!
 
 
Text: Heiliger Vitus, 16. Oktober 2019, Bilder: Peanut & Vitus
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
DEAD MYRICK
(21.05-21.50)
1. The Beast
2. Straight Lines
3. Adenower
4. More Than Ever
5. Rosa Lee
6. Kruger Betruger
7. Electrical Madness
8. Subject 420
 
DIESELOKKULT
(22,10-23.00)
1. Riesengebirge-Alpentraum
2. Der Letzte
3. Getränkeanke´s Stehhalle
4. Oar Fuck Alter, Fuck
5. Der Andere
6. Gartenlaubenhillbillys
 
WARP
(23.20-23.50)
Titel unbekannt
 
DOPELORD
(0.08-1.08)
1. Children of the Haze
2. Dead Inside (I&II)
3. Toledo
4. Neues
5. Magick Holocaust
6. Reptile Sun
7. Preacher Electrick