DYING HUMANITY, LEFT ME BREATHLESS, BETWEEN THE FATE
Frankfurt am Main, Die Halle (Halle / Proberaum) - 19. Oktober 2007
Zieht euch warm an, lautete die Devise an jenem Oktoberwochenende in Frankfurt. Die dunkle und kalte Jahreszeit mit ihren heftigen Herbstkonzerten hatte begonnen. Und Nazis sind durch die Stadt marschiert. Der nationale Aufruf »Stoppt die Islamisierung Deutschlands - Keine Großmoschee in Frankfurt-Hausen« hatte eine entsprechende Gegenaktion der Roten mobilisiert. Am Freitagabend um 20.30 Uhr waren an meinem Wohnsitz vor der Propagandazone Industriehof die ersten Polizeikompanien in Stellung gegangen. 4000 Schutzmänner waren tags darauf im Einsatz - nahezu eine Duplizität der Ereignisse vor einem Vierteljahr am selben Ort... Moschee hin, Moschee her: Die schräg gegenüber der Moschee Frankfurt-Riederwald befindliche »Halle 84« war zwecks des heutigen Metalkonzertes kurz nach neun erreicht. Che Aprea, der Vokalterrorist von Iresist - der heute Geburtstag feierte und den ich unter seiner Baskenmütze nicht wahrnahm - saß hinter der Kasse. Zum Preis eines Heiermanns durfte vier Gruppen gehuldigt werden. Ein Angebot, daß nur zwei Dutzend annahmen... Eine Wiederholung von Geschehnissen dann auch im Halleninneren: die Vertrauten Evi, Jörg und Carlos Erdmann lehnten an einem Holztisch. Dazu natürlich die blonde Mähne des Hallen-Chefs, der mir ähnliche Dé-jà-vus-Erscheinungen an diesem Tag gestand: In den Morgenstunden hatte Christoph an mich gedacht - und ausgerechnet heute war ich in der Halle erschienen. Auch Iresist-Kopf Kreck hatte mich gleich wiedererkannt. Namentlich! Ferner galt zum erstenmal absolutes RAUCHVERBOT! Nie mehr nikotinverpestete Klamotten und keine vergifteten Lungen mehr am Tag danach!
Die schwermetallige Berieselung wurde von BETWEEN THE FATE eingeleitet. Sascha, Julian, Magge und Chris bekamen heute von Jo von Soleïlnoïr den Takt vorgegeben, der den Papzt am Schlagzeug ersetzte. Die fünf zusammen boten einen - wenngleich etwas hakeligen - so doch eingängigen und ordentlich abgehenden Metalcore, der seine Kraft ganz klar aus dem Körpereinsatz und dem aggressiven Hardcoregeschrei von Sascha bezog. Die laut und simpel hämmernden Metalgrooves hatten sehr flink eine kleine Schar wilder Mosher und Headbanger vor die Bühne gezerrt. Wegen tieferen Unterhaltungen und Trinken mit den Kumpels, war ich in der Anfertigung von Notizen etwas beeinträchtigt. Weshalb ich über die Inhalte auch keine Angaben machen kann. Wie der Gruppenname andeutet, ging es um die Unberechenbarkeit des Schicksals und die Dinge und Rätsel dieses Lebens. Nach einer halben Stunde machten sich Frankfurter vom Acker.
Die Geschichte von LEFT ME BREATHLESS ist rasch erzählt. Mit Hardcore Screamo wollten die Herren John, Benny, Anju, Tom und Radek die Anhängerschaft erobern. Mit Psychokram auf dem schmalen Pfad zwischen Wahn und Wirklichkeit. Mit ohrenbetäubendem Gekrach und einer gefühlsneurotischen Vogelscheuche aus Hanau-Amiland an der Front. Einem Typ, der mit Emofrisur, farbigen Sternentattoos und extrovertierten Abstechern in die Meute alle Klischees des Screamo voll erfüllte. Nein, diese Musik tönt nach dem langen Hype nur noch hundserbarmend und LMB waren nicht mehr als ein Schema F von ihr. Indes der Trip nicht lang´ währte: Nachdem Knacken und Stottern das Unheil ankündigten, und kurz darauf das Mikro K.o. ging, war nach dreizehn Minuten abrupt Schluß. Operation gelungen: Endstufe durchgebrannt! Der eigens von LMB mitgebrachte Tontechniker hatte alle Warnhinweise mißachtet und die Verstärker des Klubs übersteuert! Nach zwanzig Minuten wurden um 22.40 Uhr alle Reparaturversuche eingestellt und die Kapitulation der Beschallungsanlage erklärt. Aber zwei Gruppen standen noch aus! Die Übeltäter Left Me Breathless stellten kurzerhand ihren zwei Stöcke höher befindlichen Proberaum zur Verfügung. Also Ortswechsel! Raus in die kalte Nacht......
...... über Lieferrampen und durch dunkle Flure war der zweite Konzertraum erreicht. Wie gesagt: ein PROBERAUM. Mit dämpfenden Teppichen, Spiegelwand, leeren Bierkisten und 1 (einem!) Flaschenöffner. Zwei Mädel waren mir beim Aufhebeln der mitgenommenen Getränke behilflich... Zwanzig Minuten vor Mitternacht starteten DYING HUMANITY vor einer Handvoll Leute eine exklusive Schau im Ambiente einer Stube. Kennt noch jemand Death? Oder Terrorizer? Zurück zu den Ursprüngen - in die Endachtziger! Das Kommando aus dem Erzgebirgsnest Annaberg-Buchholz lieferte ein alles zerstörendes Geschoß aus dem Death Metal und Grindcore der Ahnen. »Deathcore« nennen sie es selbst. Dieses aus rasenden Stahltrossen, halsbrecherischen Trommeln und einem markigem Mörderorgan angetriebene Sturmgewitter. Mal jagte es mit filigraner Raffinesse duch die Verstärker, zumeist jedoch mit der Brachialität von 666 Sachen. Dabei gaben Dying Humanity schwarze Gedanken von sich. Etwa: »No one can understand you / A lot of questions / The last way. Suicide!« Oder »Break up this sick life! The only solution is suicide!« Drei, vier entfesselte Todesbanger, darunter Holy Vitus, haben den Stoff verdammt tief inhaliert. Leider versuchten ein paar Luxuspuppen mit Spott über die Kurzbuxen, die DH trugen, und mit »Happy birthday«-Geträller, Sektgeklimper und Bussis die Performanz zu torpedieren. Über den Dingen stehend, mit ruhig Blut in den Adern, haben die Sachsen ihr Ding indes systematisch durchgezogen. Halb eins waren sie durch. Extra so gemacht, daß Landsmann Vitus die letzte U-Bahn kriegt! - Vorm Abmarsch befragte ich die Leute nach den Zschopauer Doomhelden um Dreaming und Konsorten. Kurioserweise kannten Dying Humanity niemand aus der einen Steinwurf von ihrem Wohnort entfernten Doomschmiede. Westsachsen ist schon etwas Spezielles...
 
Che Guemambos geplante »B-Day Revolución« kam nicht zustande. Angesichts des elitären Zirkels und der fortgeschrittenen Stunde - vielleicht waren einige Mitglieder auch verfrüht abgezogen - bliesen die Sludge-Metaller IRESIST ihren Auftritt ab. Gitarrist Alex bestätigte mir die Totgeburt mit einem wortlosen Kopfschütteln.
 
Stunden später, am 20.10.07, fand die Demonstration gegen den Bau der dritten Moschee im Frankfurter Stadtteil Hausen (der Nummer 37 auf Frankfurter Boden) statt. Von 11 Uhr an wurden die Stadtteile Hausen und Rödelheim sieben Stunden lang von knatternden Polizeihubschraubern überwacht. 14.30 Uhr hat sich eine von grünen Bataillonen abgeschirmte Hundertschaft der Nationalen ab Bahnhof Frankfurt-West in Richtung der neuen »religiösen Unterkunft« am Fischsteinkreisel in Marsch gesetzt - wo sie vom Römerbergbündnis bereits erwartet wurde. Aber das ist eine andere Geschichte!
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 22. Oktober 2007
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
BETWEEN THE FATE
(21.35-22.05)
Titel unbekannt
 
LEFT ME BREATHLESS
(22.10-22.23)
1. Promises Promises
2. Ulcers New!
3. These Nights
4. Drastic Times
5. Dead and Gone
 
DYING HUMANITY
(23.40-0.30 / Liedfolge improvisiert)
Intro
1. Light of Reality
2. Wrong Turn
3. The Last Breath
4. Paranoia
5. Confused
6. The Old One Remains
7. Fallen Empire