EPHEMEROL, P.E.T.R.A.
D-Frankfurt am Main, Die Halle - 21. Februar 2009
Blue elephants destroy life on earth! »Kin-et ffm«, die Firma für unabhängige Musik in Frankfurt, hatte zu Psych und Prog geladen. Der Ruf war lange erhört und passte am heutigen Sonnabend wie die Faust aufs Auge. Hatte doch die Faschingscombo unserer Nachbarschaft anläßlich Fastnacht per Aushang eine Party mit »lauter Musik und Gebabbel« angekündigt und zum »Mitfeiern beim Schluck Sekt« eingeladen. Frau P. und ich waren den Funkenmariechen, Jecken und nackten Grauen ums zwangsverordnete »Hellau« entkommen... und um neun vorm spaßbefreiten Metal-Bunker im Riederwald eingeschlagen. Im Tunnel zur »Halle« standen die Musiker, Klubchef Christoph und unser Bekannter Erdmann rum (Letzter erwog nach dem Ende von Soleïlnoïr die Gründung einer Death-Doom-Gruppe, zudem waren mythische Worte wie »Drone Doom« und »Sunn« zu verorten...). Insgesamt zählte ich dreißig Leute, die sich für fünf Euro an diesem Februarabend im Osten Frankfurts einfanden. Mit Bands und Crew waren´s rund vierzig. Nach längerem Palaver in der Kälte durfte man den im Sommer erfolgten Umbau bestaunen. Die Bühne hatte die Seiten gewechselt. Die neue zeigte sich in Form eines Pentagramms (mit sehr unorthodoxer Lautsprecheranordnung), sie war größer und von überall einsehbar. Dadurch wurde ein Gefühl der Weite erreicht. Ferner bot die Halle jetzt noch mehr Sitzmobiliar an. Damit war sie der entspannteste Laden auf Erden! Der Behaglichkeiten nicht genug, befriedigte der Trommler von Petra mein Winseln nach einem Flugblättchen mit dem einzigen (und letzten!) Dokument auf Papier - einem Konzertplakat. Der Fahrplan hatte sich etwas geändert: Die als Hauptakt gesetzten Petra wollten nicht zum Schluß ran... Nach einer Stunde Spannungsaufbau kamen die Dinge dann schnell ins Rollen.
Ein smartes »Wir sind PETRA. Schön, daß ihr da seid!« leitete das Konzert um 22 Uhr 05 ein. Ein neuer Trip für Peanut und mich in die teilchenbeschleunigende Positronelektrontandemringanlage, ein neues Rendezvous mit Ike Anger, Rosenberg und MR Ling nach deren legendären Auftritt am Tag der Tsunamikatastrophe 2004. Mainhattans führende Prog- und Psych-Rocker starteten mit ungewöhnlich stillen Mundharmonikarockern in der Art des siebziger Krautrocks. Stücke jüngeren Datums wie »Man With A 1000 Hands« oder »John & Gena« standen für diesen Stil, der auch an die verspielten Motorpsycho erinnerte. Der vertraute Progrocker »Soulmaster« schuf dann einen ersten Höhepunkt, bevor nach zwanzig Minuten mit »Aldebaran« auch erstmalig Psychedelika aufblitzten. Jaulende Saiten, wuchtige Bässe und Trommeln und ausufernde Verzerrerpedale beherrschten vorübergehend das Klangbild. Bis Petra nach einem abermaligen - eher leichtgewichtigen - Intermezzo durch »Let the Children Sleep«, endgültig in Stimmung waren. Fortan folgte Experimentieren und Improvisieren auf höchstem Niveau. »TV Brain/Lumbotrain« hieß einer dieser wahnsinigen Spacerocker, einer jener rauschhaften Trips ins All. Ike Anger hatte ihn mit einem über die Saiten gleitende Metallröhrchens noch wilder und wüster als »Aldebaran« klingen lassen. So, als wollten Petra dem abgedrehten Syd Barret (R.I.P.) samt Floyds 'The Piper At The Gates Of Dawn' neues Leben einhauchen. Der Gruppenname war jetzt mehr denn je Programm (meterdicke Gänsehaut eingeschlossen). Und dies ging so für eine gute halbe Stunde, bis die durch die Blume gesagte Anti-Bush-Parabel »Collidoscope« die Darbietung beschloß. Die Spieldauer an sich betrug »nur« 66 Minuten. »Collidoscope« aber, hing mir noch Tage später im Hirn!
 
Beim Andenkenkauf - Ike Anger hatte CDs aus einem Koffer heraus verklickert -, registrierte ich, daß im Begleitheft zu 'The Axis Of Evil' mein Konzertbericht 2004 samt einem »Kernschmelzdank an Hl. Vitus« abgedruckt war! Peinlich, peinlich. - Nachdem bei Petra ein Pärchen mit langen Haaren und Onkelz-Pulli verschreckt das Weite gesucht hatte, sollten sich bei den Hauptdarstellern die Reihen weiterhin lichten. Im Grunde blieb nur der harte Kern.
Der Gitarrist hatte mich erhellt: EPHEMEROL ist ein Medikament, daß in Cronenbergs Horrorfilm »Scanners« zum Einsatz kommt. Im Gefolge von Lysergsäure & Co. erfunden, um Schwangere ruhig zu stellen, generierte ephemeroL stattdessen im Menschenfötus »Scanner«, die Menschen durch Telepathie und Telekinese manipulieren konnten. Sogar der Gruppenname war der Schreibweise Cronenbergs angeglichen: vorne klein und hinten groß. Mit den Kunstpillen »SNF« und »Nine Days Rain« sehr steril und nackt gestartet, und mit einem autistisch in Schleife verharrenden Riff fortfahrend, vermochten ephemeroL ihre Labelkollegen (vorerst) in keiner Weise zu erreichen. Von den blauen Elefanten zu grauen Mäusen, konnte man konstatieren. »Erinnern an Bohren & der Club of Gore, künstlerisch möglicherweise wertvoll«, mutmaßte Peanut. Ein wenig wie Drone Doom auf einer Überdosis Valium plätscherten die Herren Engl, Eckhardt und Prochir auch in der Folge dahin. ephemeroL vermeldeten für heute den »Widmungstag«. So war »Every Man´s Albatross« zum einen Peter Green von Fleetwood Mac gewidmet, zum anderen ging es an Ike Anger, der heute Geburtstag feierte. Das schon etwas stringentere »Melatonin« war wiederum als Verneigung vor Kevin Shields (My Bloody Valentine) und Justin Broadrick (Napalm Death, Godflesh, Scorn) zu verstehen. Obwohl man »Melatonin« unter ungleich mehr Adrenalin servierte, entschlossen wir uns um Mitternacht zu einem vorzeitigen Abmarsch. Womöglich haben wir was verpaßt, denn nach einer halben Stunde der Starre schienen die Minimal-Drone-Rocker aus Frankfurt ihre Tranquillizer erfolgreich abgesetzt zu haben......
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 24. Februar 2009
 
 
Nachhall
Vier Monate später gab´s ein Wiedersehen mit Gruppenkopf Engl. Demnach spielten ephemeroL achtzig Minuten und am Ende ihren straighten Stoff.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
P.E.T.R.A.
1. There Goes My Baby
2. Man With A 1000 Hands
3. John And Gena
4. Soulmaster
5. Aldebaran
6. Let The Children Sleep
7. TV Brain/Lumbotrain
7b. (...Impro Silver Machine)
8. Collidoscope
 
EPHEMEROL
1. SNF
2. Nine Days Rain
3. Every Man´s Albatross
4. Melatonin
5. Bad Resurrection Eastern Clank
6. Hard Narcotics
7. Zero Hole
8. The Crunch
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9. Klaus