EVOKEN, TODOMAL, GORLEBEN
D-Dresden, Chemiefabrik - 9. August 2026
Seit Wochen sengende Sonne, die Luft stand, Bier verdunstete in der Kehle, Kleidung war unerträglich. Doch es ging noch schlimmer. Denn unter diesen Bedingungen musste am hellichten Sonntagabend ein mystisches Doom-Ritual steigen. Organisiert war es nicht vom Dresdner „Elbsludgebooking“, sondern von der Agentur „Doomed Events“. Mit der wohltuenden Folge, daß sich die „Chemo“ ausnahmsweise nicht brechend voll zeigte, sondern sich nur maximal vierzig Augenpaare in ihr verloren, darunter Sandro von Gorilla Monsoon und Evoken-Intimus Val Atra Niteris von Frowning. Für die Akteure sah es nicht gut aus, der Doomjunkie erquickte sich an der humanen Umgebung. Doch beschränken wir unseren Blick auf die Protagonisten. Die waren heftig genug.
Der Abend begann mit einer dreiviertel Stunde Verspätung, den postapokalyptischen GORLEBEN, und einem endzeitlichen Mix aus schepperndem Postmetal und flirrendem Post-Black-Metal, in dessem Verlauf zentrale Augenblicke der Nacht vorweggenommen wurden. Dann nahm eine endlos ausgewalzte Death-Doom-Walze ihren Lauf. 60CO, 235U, 232TH, 85KR und 239PU: Die subversiven Decknamen und der krasse Gruppenname sorgten im Vorfeld für Stirnrunzeln. Doch das 2010 ins Leben gerufene Kommando aus Dresden entfaltete einen ganz eigenartigen Sog, brachte toxische Bedrohungen auf den Punkt und ging klanglich durch Mark und Bein. Stark lag der Fokus dabei auf der Darbietung - bis an den Rand der Reizüberflutung. Während Nebelfontänen empor schossen, die Bühne chamäleonartig ihre Farbe wechselte, und sich Frontamazone 60CO speziell in den schwarzmetallischen Momenten als wahnsinnige Headbangerin entpuppte, schien giftgrün über die Kleidung laufendes Phosphor etwas „drüber“. Dennoch sollte ich wenig später Mara Fuchs als Devotee um einen Silberling anwinseln. Gorleben hatten je zwei Lieder vom Erst- und Zweitling in die Chemo gedoomt.
Der Auftritt von TODOMAL glich dem Schicksal ihrer Landsleute aus der Mancha - dem tragischen Ritter Don Quijote, seinem Knappen Sancho Panza und der Stute Rozinante. Ein grausamer Fiepton zerstörte gleich den Aufbruch „Silent Mass“, und auch das folgende „High Time“. „Fucking annoying feedback here! Show must go on!“, grummelte der Bassist. Doch TodoMal kämpften gegen Windmühlen, niemand half. Womit sich wiederum der Bandname „Alles schiefgegangen“ in fatalistischer Manier erfüllte. TodoMal bestanden aus Gitarrero und Vokalist Wildman sowie Viersaiter Mile, die in natura vom zweiten Sechssaiter Javi, der Keyboarderin Cecilia Tallo und Trommler Lord Bud begleitet wurden. Geführt von einer hellen Singstimme kamen die Spanier in einem atmosphärisch düsteren, etwas an The Sisters of Mercy erinnernden Dark-Doom-Stil daher. Dazu wackelten Schwarz-Weiß-Filmchen über die Wand. Doch die Störungen wollten auch auf der weiteren Reise nicht weichen. Speziell die junge Cecilia schien seltsam abwesend und verfolgte mit Wildman die merkwürdigen Ereignisse in der Chemo eher intim. „So, we have dead ears now“, rief der Frontmann irgendwann. TodoMal waren die Tragödie einer verpulverten Band. Die Vorzeichen waren schlecht, alle wollten Evoken sehen. Zumindest menschelte es ziemlich. Nach einer Dreiviertelstunde endete das schmerzhafte Trauerspiel, das sich über gefühlte zwei Stunden zog.
Halb elf hieß es Abtauchen in die Magie des Funeral-Doom. Mit den ersten Klängen von „Matins“, dem Eröffner des Neuwerks 'Mendacium', war der Ton gesetzt. Wahre Dunkelheit, wahre Schönheit durchwehten nun die Halle. So betrachtet unterwürfig geradezu wirkte die Begrüßung „Thank you for coming out, we appreciate this!“ Formiert wurden EVOKEN bereits 1992 als Funereus, der spätere Name kam von einem Lied von Thergothon. Zur Jahrtausendwende schuf das Kommando aus New Jersey, USA funeralige Meilensteine. Doch dazwischen und live wurde die Luft von Jahr zu Jahr dünner. Einen Schub hat die Welt mit den Langeisen der letzten Zeit nicht erfunden. Doch John Paradiso lieferte Fanservice und hauchte seiner Gruppe mit dem langhaarigen Randy Cavanaugh am zweiten Sechssaiter neues Leben ein. Unterstützt wurde der Fronter heute ferner von Bassist David Wagner und Trommler Vince Verkay, dem zweitem Urmitglied von Evoken. Schmerzlich vermisst wurde indes die Orgel, die dem Sound seine Einmaligkeit verleiht. Evokens Tonlandschaften lebten in erster Linie immer von der Stimmung, einer grottenartig widerhallenden Art von Funeral-Doom, die wie eine stetige unterirdische Strömung durch dunkle Täler und Wälder mäandert und kaskadiert. Während abgründiges Geröchel ein Gefühl von Einsamkeit, und tiefe Doomriffs die spezielle Echtheit verleihen. Ein weiterer Wermutstropfen fiel für mich durch den vollständigen Verzicht auf Evokens in meinen Augen größtes Werk - 'Embrace the Emptiness'. Auch ein Sarkasmus wie „You have fun tonight? Can you have fun with Funeral Doom?“, und ein allzu knapper Abschied mit „Last song tonight“ kratzten etwas am Nimbus. Nichtsdestotrotz waren Evoken eine Studie in Fatalismus und Nihilismus, deren schöne Musik in ein ästhetisches Nirwana führten. Dazu wehte ewig der Nebel, und am Ende war Dunkelheit. Der „Grave Reaper“ reckte wie zu Beginn zwei Totenköpfe gen Himmel. Wer bis heute nicht depressiv war und es unbedingt werden wollte, der war bei diesem Ritual genau richtig.
 
 
((((((Heiliger Vitus)))))), 15. August 2026
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
GORLEBEN
(20.15-21.00)
1. Sleepless
2. Contaminated
3. Countdown
4. Sarkophag
 
TODOMAL
(21.20-22.12)
1.Silent Mass
2. High Time
3. Mare Ignis
4. Ultracrepidarian
5. Gods Fucking in the Sky
6. Point of Coalescence
7. Inferno Tristi
8. A Greater God
9. Antichrist of Love
 
EVOKEN
(22.30-23.48)
1. Matins
2. Of Purest Absolution
3. Omniscient
4. The Unechoing Dread
5. In Pestilence, Burning
6. Compline
7. Antithesis of Light