HAMMER OF DOOM XI
 
SAINT VITUS, SAMAEL, ANTIMATTER, LORD VICAR, DARK MILLENNIUM, UNIVERSE217, APOSTLE OF SOLITUDE, IRON VOID, NIGHT GAUNT
D-Würzburg, Posthalle - 19. November 2016
Sonnabend, 19. November (2. Tag)
 
Am zweiten Tag in Würzburg reihte sich eine Überraschung an die andere: Erst verriet der Blick auf die Uhr, daß wir kräftig verratzt hatten - es war 11 Uhr 15! -, dann wurden Frl. Peanut und ich von unserer Gastgeberin beim Naschen an der verbotenen Frucht erwischt. Und als wir die erste Gruppe des Sonnabends (Night Gaunt) schon abgeschrieben hatten, kamen wir schließlich doch noch in den Genuß derselben. Denn als wir um 14 Uhr 20 vor der Posthalle eintrafen, standen dort Black Blood und Mourner (Doom Metal Front) - um uns in die böse Nachricht einer zerplatzten Schau von SAINT VITUS zu überbringen. Der ganze Zeitplan war um eine halbe Stunde respektive eine Position nach hinten verschoben worden; die drei Hauptgruppen durften jeweils eine viertel Stunde länger spielen; dazwischen verlängerten sich die Pausen. Sodaß sich die neunzig Minuten für Saint Vitus gleichmäßig bis zum geplanten Schluß um Mitternacht verteilten. Nach der Absage herrschte Krisenstimmung. Viele waren nur für Vitus angereist, darunter unser befreundetes Pärchen Micha und Andrea aus dem Bördeland, der blonde Riese El Hulle aus Hamburg, die Clique aus dem sächsischen Zschopau, junges und altes Glück von Malta, etc., etc... Manche verlangten sogar ihr Eintrittsgeld zurück...
Die nach H.P. Lovecrafts menschenähnlichen, jedoch sehr dünnen, mit Hörnern und Flügeln bestückten, gesichtslosen Fabelwesen NIGHT GAUNT Benannten, wollte ich auf keinen Fall verpassen. Die in Rom beheimatete Doom-Metal-Quadriga GC, Zenn, Araas und Kelèvra erinnerte etwas an die ebenfalls von Bloodrock Records rekrutierten, dunkel glühenden Zeitlupentraditionalisten Doomraiser, versprühte durch finstere Celtic-Frost-Attacken und ihre unfaßbar lässig agierende Bassistin aber etwas durchaus Eigenes. Am Ende ihres ersten Auftritts in Deutschland standen wild-schwarze »Uh!«´s, eine Frage, und eine Verbeugung Arm in Arm zu viert vor der Menge.
Im Unterschied zu Night Gaunt zählte der Verfasser bei IRON VOID schon zu den Vertrauten. Steve Wilson und Sealey Seale durfte ich mit Miss P. bereits im Ausland (Edinburgh und Rotterdam) erleben. Nun präsentierten sich die Engländer mit ihrem im April dazugestoßenen Hünen Richard Maw hinter den Trommeln erstmals beim Hammer Of Doom. Niemand sonst verkörperte den Titel des Festivals so wie Vitus´ Zauberlehrlinge aus Yorkshire. Iron Void schreiben gute Lieder, die oft gleich beim erstenmal für immer im Kopf sind. So wie »The Mad Monk«, dem eingängigsten Doomster des Festivals. Ihre Geschichten sind mit ergreifend schlichten Mitteln erzählt, und mit kauzigem Minimalismus zu Klängen vertont. Gitarre, Bass, Trommel, zwei Mikros, Stirnband, Kutten, sonst nichts! Dazu kommt der Hintergrund von Iron Void, der ungeschminkt und traurig ist. Und immer wenn am Ende der Erlöser »Suicide Sorcerer« erklingt, kommt es zu feuchten Augen, fließen Tränen, werden Köpfe entrückt gewirbelt oder Fäuste zum Himmel gereckt. Obgleich Sealey heute nicht so gut bei Stimme war, der Gesang fast komplett bei Steve lag, und es der Performanz anfangs etwas an Schwung fehlte, sprachen Iron Void von einer »phantastischen Schau, einem tollen Festival und einem erstaunlichen Publikum«. Sie selber trafen sich als Typen aus Fleisch und Blut am Andenkenstand. Dort wurde unserem Micha von Sealey Bier nachgeschenkt, Devotionalen signiert, und ich erfuhr, daß Iron Void im Mai 2017 eine kleine Englandtour mit einer unbekannten Gruppe aus USA planen, sie ihr drittes Album vollenden, und sich 2018 wieder auf dem Festland zeigen wollen: am liebsten auf einem Festival - beim »Hammer«! Dann wollen sie »Suicide Sorcerer« dem Heiligen Vitus widmen. Sealey: »That´s a deal!«
Nach dem Ausstieg von Bassist Jason McCash bei The Gates of Slumber, der zugleich das Ende der Gates bedeutete... worauf McCash an einer Überdosis Heroin zugrunde ging, rumort es wieder im Untergrund von Indianapolis. Chuck Brown, Ex-Trommler bei den Gates und deren Vorläufer The Keep, hatte anno 2004 APOSTLE OF SOLITUDE gegründet, um bei denen fortan als Sechssaiter und Vokalist an der Front zu stehen. Vervollständigt wurden die Apostles durch Sechssaiter und Ko-Vokalist Steve Janiak, Viersaiter Mike Naish und Trommler Corey Webb: vier bärtige, tätowierte und langaarige Schwergewichte vorm Allmächtigen, der Frontmann zudem in einem ausgefallenen Nick-Cave-Shirt. Nachdem ihnen zu Beginn die Technik das Leben schwermachte, kam das Kommando aus USA in geradezu furchteinflößender Art ins Rollen. Während sich langsam die Dunkelheit über Würzburg legte, zelebrierten Apostle of Solitude Doom Metal - traditionellen; ruhig, kraftvoll und aufwühlend wie die Gates, nur noch eindringlicher, endgültiger und von massiven Trossen und einer alles durchdringenden, glockenreinen Singstimme getragen. Darin wurden Schmerz, Einsamkeit, Sorgen und Qual verarbeitet. Jedes einzelne Lied glich einer Offenbarung. Und eins stach noch heraus: der von den Gitarristen zusammen gesungene, ultraschwere Viertelstünder »Sincerest Misery (1000 Days)«- welcher in meinen Augen auch zum gewaltigsten Doomteil des elften Hammer aufstieg. Was fast zu erahnen war: Nach Apostle of Solitude war das Festival gelaufen!
Mit UNIVERSE217 hatte ich mich überhaupt nicht befasst. Thomas von Petrified hatte mich auf »sphärischen Psych« vorbereitet. Die aus Athen kommende Gruppe machte nach eigenem Bekunden Experimental-Doom. Und der fing ganz gut an - bis die Fronterin nach der ersten Nummer ihr Jäckchen auszog - um sich von einer verruchten Amazone in einen aufgekratzten, wilden Feger zu verwandeln. Fortan wurde das Bild auf der Bühne von Tanias beeindruckendem, unbändig geworfenen Schopf dominiert. Vermutlich wären U217 ohne Frau gar nicht mal so verkehrt gewesen. So kaufte ich am Stand von Apostle of Solitude deren Platte und ein Shirt, deckte mich mit Frl P. im Laden ums Eck mit Proviant ein, und verspeiste mit ihr im Hotel unser Abendmahl. Im Grunde hätten wir um sechs auch gleich dort bleiben können - wären nicht Lord Vicar gewesen... Auf unserem Rückweg trafen wir auf ganze Legionen von schwarzen Soldaten aus der Posthalle, die sich über die Kaiserstraße zerstreuten...
DARK MILLENNIUM bedeuteten eine Reise zurück ins schicksalsbehaftete Jahr 1989. 1989 fielen nicht nur Mauern, Grenzen, Hammer, Zirkel und Ährenkranz, nein, der Death Metal war auf seinem Zenith - und Dark Millennium Freunde der legendären Morgoth. Wegen chronischem Reichtums lösten sich die Sauerländer Mitte der Neunziger jedoch auf und verschwanden zwei Jahrzehnte in der Versenkung - bis die Zeit reif war, sich im Zuge einer neuen Welt neu aufzustellen (wobei bis auf Vokalist Chris Mertens, dessen Stimme auf einer der alten Platten im Hintergrund verewigt ist, niemand die Vergangenheit überlebte). Mit ihrem rohen, chaotischen, vehement an Venom erinnernden Krawall, waren Dark Millennium Kult in einem modernen Gewand. Doch heile Doomwelt sah ganz anders aus. Daran konnte auch »eine Person, die mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen«, nichts ändern. »Something To Die For« war als »Ballade« angesagt - und verkam zu einer bösen Allegorie des Doom!
Unter LORD VICAR versammelte sich ein hochkarätiges Ensemble: Chris Linderson war einmal die Stimme von Count Raven und Saint Vitus, Kimi Kärki die Gitarre von Reverend Bizarre, hinterm Schlagzeug saß Gareth Millstead von Centurions Ghost. Zu diesem Trio Erectus gesellte sich Viersaiter Rich Jones. Chritus, Kimi, Rich und Milly: Mittlerweile drei Langeisen haben Lord Vicar herausgebracht (zuletzt: 'Gates of Hell', auf dem heute auch der Fokus lag), ihr Hauptquartier wurde auf Turku, Finnland festgesetzt. Doch es war, als wäre die Zeit stehengeblieben. Der Hammer Of Doom bekam Doom Metal wie ihn schon Raven und Reverend machten. Was für die einen der Nachweis für einen engstirnigen Geschmack war, war für andere der richtige und großartige Doom. Doch was die wenigsten wußten: Der Kahlgeschorene im Type-O-Negative-Shirt traute sich anstelle von Albert Witchfinder (Reverend Bizarre...) erstmals mit Lord Vicar ins Licht. Demgegenüber überspielte der einstige Peter Vicar seine Zerrissenheit mit dem gewohnten Grinsen im Gesicht. Die Saitenmänner standen gefährlich weit voneinander getrennt, und wurden nur durch den mitleidenden Lord Chritus vereint. Fakt war aber auch, daß der Schwede mit jedem Auftritt zwar nicht älter wird, seine Stimme jedoch an Höhe verliert. Aber heute ließ Chritus ein weiteres Mal seinen Charme aufblitzen. Denn nachdem er noch vor Beginn Rich herzte und umarmte (um ihn später auch noch explizit zu würdigen), standen erneut Chritus´ mitreißende Anstachelungen der Menge im Mittelpunkt der Band. Wodurch Echtheit entstand - auch wenn sie manche komplett überforderten. Im Gegenzug wurde der Lord von seinen Addikts mit einer geklöppelten Haube beschenkt, die er sich prompt über den blonden Schopf stülpte. Mit dem zugeschanzten Mehr an Spielzeit konnten Lord Vicar improvisieren, was ihrem Auftritt eine mitunter dronige Note verlieh. Als Manko blieben die rot ausgeleuchtete Bühne, die basslastig untersteuerte Beschallungsanlage, und die wie auf Valium und unter Nebel agierenden Saitenmänner. Damit wirkte die Schau bißchen gleichförmig, es fehlte an Kanten und Tiefe. Aber wer darf schon mit den Helden ins selbe Licht sehen?
Vollkommen anders geartet, geradezu widerständig, kamen Englands Progrocker ANTIMATTER daher, die anfangs an düstere Sisters of Mercy und später an Anathema, Opeth oder Warning respektive 40 Watt Sun erinnerten. Damit standen Mick Moss & Co. in einer Linie mit ihren Landsleuten, die ähnliche Wege gingen, ihre einstigen Ideale verloren (bei Antimatter: Trip Hop und Lounge), die Musikrichtung wechselten, und - Nachtigall, ich hör´dich trapsen - eine klare Singer-Songwriter-Stimme, Poesie und klassische Rockgitarren in den Vordergrund stellten. Antimatter - körperlich einer Schar Zwerge ähnelnd - erhoben sich selber zur »traurigsten Band der Welt«; sie spielten brilliant, langsam und tiefgründelnd - meine Adjutantin sprach von »beruhigender Musik, bei der einem wohlig wird« - doch mit Doom hatten sie so viel zu tun, wie der Mars mit der Venus.
Der Brückenschlag zum Hauptakt konnte schwieriger nicht sein. Denn nach einer Dreiviertelstunde (!) Unterbrechung wurde es ab 22 Uhr 44 unterm Flackern von Stoboskoplichtern martialisch-maschinell - und Stroboskopblitze können wiederum zu epileptischen Anfällen führen... Sei´s drum: Vorph, Makro, Drop und Xy, kurz SAMAEL aus Sitten in der Schweiz, waren aufmarschiert! Um den Überlebenden mit dem Holzhammer ihren Industrial Metal in die Schädel zu klopfen - und systematisch auch noch die letzten der dreihundert zu vergrätzen, darunter den leidgeplagten Niederländer Vitus Frank, der sich endgültig angewidert abwendete. Der Soundtrack zu »300« könnten Samael sein, und wie Rammstein wollten sie sein. Feuer, Flammen und Heldentum ersetzten sie durch einen Elektrodrummer, der aus dem Stand einen Meter hochspringen konnte. Doch ihr kalter Effektkrawall erschlug jedes Gefühl im Ansatz. Samael erstarben als vier sterile, schwarze Hochglanzfiguren einsam in völlig überzeichneter Optik und in formelhaften Mustern. Sie waren nichts als eine Lärmfolter und eine Schmach für den »Hammer Of DOOM«! Jemand sagte: »Der letzte Scheiß!« Zum Abschied nagelten sie mit »The Truth Is Marching On« eine Grindcorenummer in den entvölkerten Raum. Eine Brücke zu Saint Vitus möchte ich mir überhaupt nicht vorstellen! Im Abspann erklang »Wonderful Life« von Black (R.I.P.)...
AE-20 und M-22
Für SAINT VITUS schien der Hammer Of Doom unter einem düsteren Bann zu stehen. Nachdem sie 2014 nach der Ausweisung Winos aus Europa durch Chandler und diverse Gastmusiker hinterm Mikro den eigenen Mythos zerkratzten, machte ihnen scheinbar wiederum höhere Macht alles zunichte. Nachdem sich Vitus ab 15. November drei Tage lang zu Proben in Dallas versammelt hatten, und nachdem sie am 18. zusammen nach Detroit geflogen waren, war - laut offizieller Mitteilung - »durch einen Fehler der Reiseagentur dort kein Check-in mehr möglich«, und damit der letzte Flieger nach Frankfurt verpaßt. Die Organisation erfuhr erst in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend davon. Das »Stahlwerk Radio« unkte unterdes schon vor drei Wochen von einer Absage der Veteranen. Dazu vermeldete der Netzauftritt der Band, daß Mark Adams durch Pat Bruders am Bass ersetzt wird... Die Zeichen mehren sich, daß Saint Vitus nie wieder in die alte Welt kommen werden.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
NIGHT GAUNT
(14.00-14.45)
1. Persecution
2. The Church
3. Oval Portrait
4. Labirynth
5. Penance
6. Jupiter´s Fall
7. Dethroned Emperor [Celtic Frost]
 
IRON VOID
(15.00-15.46)
1. Path to Self Destruction
2. Lost Faith
3. Doomsday
4. The Mad Monk
5. Upon the Mountain
6. The Devil´s Daughter
7. Suicide Sorcerer [So Mortal Be]
 
APOSTLE OF SOLITUDE
(16.05-16.50)
1. Blackest of Times
2. This Mania
3. Confess
4. Sincerest Misery (1000 Days)
5. The Messenger
6. Lamentations of a Broken Man
 
UNIVERSE217
(17.00-17.45)
Titel unbekannt
 
DARK MILLENNIUM
(18.00-18.45 / ohne Gewähr)
Intro
1. Spiritual
2. Black Literature
3. Of Sceptre Their Ashes May Be
4. Medina's Spell
5. Wizardry Assemblage
6. Into the Raven Domiciles
7. Among The Wolves Interlude
8. Below the Holy Fatherlands
9. Something To Die For
10. Bringer of Plague
11. The Atmosphere
 
LORD VICAR
(19.00-20.09)
1. Breaking the Circle
2. The Last of the Templars
3. Accidents
4. The Green Man
5. Birth of Wine
6. Leper, Leper
7. The Funeral Pyre
 
ANTIMATTER
(20.45-22.00)
Acoustic
1. Leaving Eden
2. Wide Awake in The Concrete Asylum
3. Paranova
4. Firewalking
5. The Last Laugh
6. Monochrome
7. Another Face in a Window
8. Welcome to The Machine
9. Can of Worms
10. Redemption
11. The Parade
12. Stillborn Empires
 
SAMAEL
(22.44-0.00 / ohne Gewähr)
Intro
1. Black Trip
2. Celebration of the Fourth
3. Son of Earth
4. Till We Meet Again
5. Mask of the Red Death
6. Baphomet's Throne
7. Flagellation
8. Crown
9. To Our Martyrs
10. Ceremony of Opposites
11. The Ones Who Came Before
12. Rain
13. Slavocracy
14. After the Sepulture
15. My Saviour
16. The Truth Is Marching On
Epilog
 
Sonntag, 20. November
 
Die Zeichen auf Rückzug von der Front mehrten sich auch beim Verfasser. Wenn Angst die Freude tötet, ist die Zeit reif für Veränderungen. Aber bis zum zwölften Hammer Of Doom bleibt ein Jahr... Und auch dann wird alles so sein, wie es immer beim »Hammer« war: Schlagartig mit der letzten Gruppe werden die letzten Anhänger vom Saalschutz mit Flatterbändern aus der Halle gedrängt. Unser Bier durften wir nicht mehr austrinken. Und trotzdem hatten uns die zwei Tage so viele Erlebnisse geschenkt - schöne und traurige - wie sie der gesamte Frankfurter Berg in einem ganzen Jahr nicht hat. Und wie immer strahlte nach drei Tagen Regen am Totensonntag zum Abschied die Sonne vom Himmel über Würzburg, so als wäre nie etwas geschehen...
 
Danke an
Anja (Hammer Of Doom)
Die Crew von der Posthalle (Einlaßdienst, Bühnengraben, Getränke)
Iron Void
Lord Vicar
El Hulle (Hamburg)
Micha & Andrea (Bördeland)
Thomas & Maik (Zschopau)
 
 
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Text und Bilder: Heiliger Vitus, 25. November 2016