HARNLEITA, CHEMIEVERSEUCHT
D-Nürnberg, Z-Bau (Kunstverein) - 28. Januar 2005
Kaum zu glauben, aber zwanzig Jahre nach meinem Asyl in Nürnberg, zwanzig Jahre nachdem ich in der Anarchoenklave KOMM (heute: K4) Ökorevoluzzer, Müslifresser und Latzhosenphilosophen, nie aber Punks sah, zwanzig Jahre nach dem Abschied von Deutschlands einstiger heimlicher Hauptstadt des Punk, gab es für mich nun ein Punkkonzert in der Stadt an der Pegnitz. Veranstaltet war es von den Punks Aus Nürnberg Nervt Etwas, kurz PANNE! Jedoch nicht im KOMM, sondern im Kulturzentrum „Kunstverein“. Eigentlich ein spontaner Besuch, war ich doch mit meinem Mädel für den am Folgetag steigenden „Low Frequency Assault“ angerückt. Aufmerksam wurden wir durch das Stadtmagazin „Plärrer“. - Halb zehn waren wir zur Südkaserne rübergestiefelt. „Friß Glas! Friß Scherben!“: Zur Begrüßung im Hof im kippte ein Punk eine Glastonne um, worauf eine Punkette ihn zum Aufessen des Inhaltes aufforderte. Nach Spenden von vier Oiro kamen wir mit dem Stempel „Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge“ auf der Hand ins Innere des monumentalen Bauwerks. Sechzig Leute waren da: Stachelpunker, Iropunker, Nietenpunker, Zecken, Ratten und Gammler. Alle in Schwarz-Rot und Stahlkappenstiefeln steckend. Im Klub selbst war ein Infostand der anarchosyndikalistischen Zeitung „DA Direkte Aktion“ aufgabut, u.a. mit der DVD „Punx not Dead?“ über alte und neue Punker in Franken, von denen heute nicht mehr alle leben. Ein Punk verteilte Einladungen zu seiner Geburtstagsfeier im Hinterhof der Saldorfer Straße mit dem Motto: „Hardcore is more than music“ (die Nachbarn wird´s gefreut haben). Ein anderer vertrieb Handzettel gegen die im Vormarsch befindlichen Nazis mit der Parole „Aufmucken gegen Rechts“. Und zu trinken gab´s Kanonebier. Ein Punker orderte ebensolches. Dabei ergab sich folgender Dialog - Thekenkraft: „Von welcher Band bist du?“ - Punk: „Wir wissen es nicht.“ (Die Parole war geflüstert, doch von Vitus aufgeschnappt.) Oh, welch´ schöner Abend hätte das werden können...
22.30 Uhr kamen die Ersten mit „Deutsches Dreckschwein“ in die Hufe. Vorgetragen auf Deutsch - und mit etwas Rätselraten. Waren doch laut Gazetten, Netzwelt und dem Ausrichter BARACKCA aus Ungarn angekündigt. Die konnten aber nicht. Und auch später keine Aufklärung. Im Gegenteil: Nachdem der verschollene Schlagzeuger, „Herr Hähnchen“, nach einer viertelstündigen Unterbrechung wieder auftauchte, und um elf das adrenalinstrotzende „Fuck!“ heruntergebrettert war, erklärte das weibliche Sprachrohr: „Wir sind Barackca aus Ungarn und Berlin!“ Vermutlich wußte keiner, wer die Barrikaden erstürmt hatte. Es waren CHEMIEVERSEUCHT aus Bitterfeld: Dr. H, Katta, Schun, Alex, Willi, Babs und Martin. Ein Sextett, in dem Katta und Schun im Volke stehend, rabiate Vokalscharmützel herausblafften, und das auf der Bühne stehende Restkollektiv einen brachial-schnellen Anarcho Crust Punk zockte. Nach der fünften Brechstange folgte die Durchsage, daß „Sängerin Katta ihre Stimme verloren habe, und wer sie gefunden hat, sie bitte abgeben möge.“ Im Klartext: Katta hatte die Waffen gestreckt. Basserin Babs wäre gern eingesprungen, konnte es aber nicht. Die verbliebenen fünf aus dem einst verrußtetsten Ort Europas prügelten sich durch Lärmattacken wie „In den Straßen“ (gewidmet dem Motto „Schöner unsere Städte und Gemeinden“) und dem Liebeslied für alle Massenmörder „Amok“. Chemieverseucht erwiesen ihrem gestorbenen Gitarristen eine letzte Ehre ( „Intelligente Rasse“ ), sie hatten ein Stück gegen Lebenslang und Todesstrafe im Gepäck ( „Seelenfrieden“ ), zeigten mit „Ui! statt Oi!“ und dem dazugehörigen „Falsche Freunde“ Flagge gegen Rechts, es gab etwas zum Tanzen ( „Rumpel Kumpel“ ), und nach der Forderung eines älteren Herren eine Zugabe, eine ganz spezielle: von den Fuckin´ Faces „Ohne Sinn“. Chemieverseucht endeten 23.45 Uhr.
 
Der Saal füllte sich mit hundert Leuten. In der Luft hingen nicht nur extrem beißender Nikotin sondern auch Aggressionen. Der Weg durch Pogo und Chaos zum Klo wurde zur Lebensgefahr. Ein Punker hatte seine Schultern mit zehn Zentimeter langen Nägeln gepolstert. Nicht auszudenken, wäre ihm einer draufgeknallt... Und ein Psycho bettelte bei uns um Bier - um sich in der Folge als hautenger Stinker zu offenbaren. Beim Umbau lichteten sich die Reihen. Im angrenzenden „Roten Salon“ lief die Indie-Tanznacht „the IdEAL CRASH“; und einen Stock höher im „zOOm“ bumsten RON FLATTER aus Halle und die Berliner Basekiddaz VIBRATION Techno in die Mauern aus Beton.
Es waren fünfzig Überlebende, die um 0.20 Uhr das „Hallo! Wir sind HARNLEITA aus Berlin und wir haben für euch 'Nonstop Control'.“ noch mitkriegten. Hinter Harnleita standen vier Prototypen des Punk - olle Kämpen mit farbigen Stachelfrisuren, Tattoos, löchrigen Klamotten, Stahlkappenstiefeln und reichlich Nieten und Kettengeschmeide: Daschke, Freed, Martin und Willi. Harnleita fabrizierten pUnK der rauhen Machart. Knackig, was die Quadriga aus der Hauptstadt da von der Leine ließ. Auch bei den Preußen nimmer endenwollende Verachtung, Wut und Rebellion, wie beim Song „über alte Männer die keiner mehr hören will, und die mit ihren Reunionen die Rente aufbessern wollen ( „Dirty Old Men“ ).“ Oder in den von der rotzig-frech grölenden Göre Freed und Klampfer Daschke zusammen herausgeschrienen Zeilen „You don´t need words, don´t need discussion, no conversation/All you´ve got is hate, hate, hate, hate, hate, hate, hate!“ Freed dankte „Barackca, die das Schlagzeug gestellt haben und ihrer Mutti.“ (Echt, Barackca?) Es gab ´nen Anti-Oi!-Song ( „Fuck the Unity“ ), ´ne knorke Punkrockrakete für die Freunde in Übersee (das von „Kids“ in „Bombs for America“ umgedichtete Lied von Kim Wild), einen Tritt in die Eier für „Typen, die Frauen nur als Sexobjekt und Matratze sehen“ (“Kick Them“), und ein Anti-Gesetzeshüter-Stück durch „Bullet for Everyone“. Daschke fluchte über einen Gammler vor der Bühne: „Du gehst mir auf den Sack!“, worauf Freed ein „Laß ihn doch liegen“ raus unkte. Den Übriggebliebenen war „Resist!“ gewidmet, für einen, der sich „eine Falte in den Arsch gefreut“ hatte, gab´s „No Control“, und für den tiefen Westen der Bananenrepublik hatten die Punker aus der DDR „Their System Failed“ mitgebracht. Um eins folgte der Gruß: „Küß´ die Hand, wir waren Harnleita aus Berlin.“ Zugaben waren fällig - alle aus der Mottenkiste: „Rock´n´Roll Asshole“, „Summer of ´95“ (Gründungsjahr von Harnleita), sowie den knorken Fuckin´-Faces-Wirbelsprenger „Riot“. Und nachdem sich Daschke erkundigt hatte, ob sie dürfen, ging beim zum „Nuremberg´s Burning“ umgetexteten „Berlin´s Burning“ ein letztesmal der Punk ab. Um 1.20 Uhr war Ende Bambule. Daschke versprach, in fünf Minuten am Ausgang zu stehen - mit vier Platten jede sechs Oi! Ich ergatterte die Drittletzte.
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 1. Februar 2005
.:: ABSPIELLISTE HARNLEITA ::.
1. Intro
2. Nonstop Control
3. Join the Army
4. Same Reign
5. Dirty Old Men
6. Fear of the Western World
7. All You´ve got is Hate
8. Civilized Prototype
9. Ride the Punkrock-Rocket
10. Circus Entertainment
11. Fuck the Unity
12. Bombs for America [Kim Wilde]
13. Kick Them
14. Blood Sports
15. 20 Years in ´43
16. Bullet for Everyone
17. Resist!
18. No Control
19. Their System Failed
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20. Rock´n´Roll Asshole
21. Riot [Fuckin´ Faces]
22. Summer of ´95
23. Nuremberg´s Burning