JEX THOTH, CHARIOT THRONE
D-Wiesbaden, Schlachthof (Räucherkammer) - 29. September 2014
Hereinspaziert zum Ritual mit Jex Thoth. Jeder durfte heute hauteng ran. Wohlwollend geschätzt war der dreihundert Personen fassende Klub zu einem Sechstel gefüllt. Bei der Vorgruppe waren´s rund fünfzig, bei Jex etwa vierzig Gesichter. So leer war er noch nie.
CHARIOT THRONE »freuten sich, daß paar Leute gekommen sind. Cooles Ding!« Aber als jemand aus dem Odinwald ist man gut geerdet. Dennis, Philip, Michel und Stefan waren aus dem mittelalterlichen Michelstadt angerückt... und standen Punkt neun wie Zinnsoldaten in undoomiger Kluft und in einer Linie am Bühnenrand von Wiesbaden aufgereiht - um sich von dort keinen Millimeter wegzubewegen. Und das ist die einzige Rüge. Chariot Throne müssen an ihrer Performanz arbeiten (und sollten weniger auf Verweise und Filme im Netz geben)! So traf heute eine flaue Ausstrahlung den Geist der glorreichen Achtziger. Mit zwei kräftigen, klaren Singstimmen, geradlinig abgefeuerten Heavygitarren, dem hochenergetisch gewuchteten Schlagzeug und ihrem hereinbrechenden Debüt 'The Unholy Design' wärmten Chariot Throne ansonsten das Herz von Anbetern solcher Gruppen wie Black Sabbath, Pentagram oder Trouble. Sprich: Chariot kredenzten traditionellen Doom Metal, den sie mit einer Spur Stoner-Psych entschleunigten. Leider versagte ausgerechnet vorm Endteil die Leitgitarre. Doch die Reparatur lohnte sich: »The Spirits´ Sanctuary« hat wohl alle umgehaun. Es war fast wie früher. Nach vierzig Minuten durfte die Retroabteilung aus Südhessen abtreten. Ende gut, alles gut!
Was Chariot Throne fehlte, lieferten JEX THOTH im Überfluß: Spektakel. Wiesbaden hatte weder Weihrauch noch Räucherstäbchen zu bieten - stattdessen fünf Kerzen links und vier rechts, dazu monochromes Rotlicht von oben. Und trotzdem: Die Kommune aus Wisconsin bestach allein durch ihre wunderschöne Frontfrau. Hinter dem Feuerwerk an heilenden Gesten, schamanenhaften Bewegungen und Ritualen voller Mystik und Magie verblasste das männliche Begleitquartett in geradezu unterwürfiger Manier. Jex war so was wie eine verkappte Madonna, die genauso Filmsternchen, Covergirl, Pornoqueen oder Dirne sein könnte. Sie sah aufreizend aus, ihre geheimnisvolle dunkle Stimme betörte, nur eins war Thoth nicht: Doom! Rasch hatte sich Jessica in sich selbst verloren. Die tragende Säule vor der Bühne funktionierte gut als Stange. Und daß sie bald ablegen würde, war absehbar wie das Amen in der Kirche. Aber wir waren hier weder in einem Gotteshaus, noch in einer Gogo-Bar oder im Theater. Jex Thoth, Nico Kain, Danny Gonzalez, Keyboarder Grim Jim und Trommler Nick Johnson spielten Psychedelic Rock mit okkulten Inhalten, und kamen heute ungleich glimmender und irdischer daher, als im letzten Jahr bei der lebensfernen Schau des Hammer Of Doom. Nach dem zweiten Lied gab es kein Entrinnen mehr. Männliche Besucher drückten sich hinter ihrer Kamera die Nase platt, für manche war Jex wie Viagra, andere kriegten auch so einen Steifen, sogar Frauen trieb es den Puls hoch, und viele waren einfach nur doom durch Freudenspenderin Jex. Die Liebe mit sich selbst jeden Abend immer wieder kostet Kraft. Beim Gang in die Garderobe entwich der kleinen Frau ein Stöhnen - aber die Amis kamen noch mal raus. Um elf löschte Jex mit ihren Fingern eine Kerze rechts und eine links. Die finale Mondanflehung hieß »Warrior Woman«. Drei Dutzend hatten die Auflösungserscheinungen der Räucherkammer überlebt.
 
Nach einem letzten Schluck in der Bar »60/40« sind Peanut und ich kurz vor Mitternacht zum letzten Zug gestolpert. Mit einer Zeitung aus der Bar konnte ich mir einen Hut falten, der mich vor den Überwachungskameras und der Sicherheit tarnte. Ein Regenschirm schützte zusätzlich vorm gleißend hellen Kunstlicht.
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 1. Oktober 2014
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
CHARIOT THRONE
(21.05-21.45)
1. Descent
2. The Unholy Design
3. Piling Up The Trash
4. Solar Fires
5. Far from The Sky
6. Ritual
7. The Spirits´ Sanctuary
 
JEX THOTH
(22.16-23.15)
1. When the Raven Calls [Bobb Trimble]
2. The Banishment
3. The Places You Walk
4. Luna Moth Speaks
5. Raven nor the Spirit
6. Keep Your Weeds
7. Separated at Birth
8. Ehjä
9. Equinox Suite: The Damned and Divine
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10. Warrior Woman
Auf dem Heimweg im Frankfurter Tunnel