KALMEN, NAEVUS, GALLONS OF MUD, JAGUWAR, DARK THARR
D-Nürnberg, Z-Bau (Kunstverein) - 15. Dezember 2012
Freitag, 14. Dezember
 
Über dem Doomwinter von Nürnberg lagen heftige Veränderungen. Nach acht Editionen hatte das Szenefestival „Low Frequency Assault“ 2011 aufgehört zu existieren. Das Interesse war über die Jahre geschwunden, die Besucher häufig aus der Ferne gekommen, und im Vorwinter mußten die LFA-Macher Boris und Sebastian erstmals in die eigene Tasche greifen. Damit war das Ende der Serie besiegelt. Ferner stand die Schließung des angestammten Schauplatzes in der Südkaserne vor der Tür. Mindestens zwei Jahre soll es wegen der notwendigen Rundüberholung keinen „Kunstverein“ mehr geben. Die Doomnacht Mitte Dezember sollte die letzte große ihrer Art in der alten Umgebung sein. Weiterhin hatte es im Vorfeld Hickhack im Programm gegeben. Aus den ursprünglich rekrutierten Naevus, The Lost Rivers, Kalmen und Thronehammer fielen Gruppen heraus, andere kamen dazu - und sagten wieder ab. Thronehammer wurden ebensowenig erblickt wie The Lost Rivers und DeZafra Ridge. Dafür traten am Ende fünf statt vier Gruppen auf. Und letztlich gab es auch bei Peanut und mir einen Umbruch. Nach zwanzig gemeinsamen Jahren in der Frontstadt Frankfurt war ich mit meinem Mädel in ein Dorf in der Wetterau gezogen, Nachwehen einbegriffen! In einer Zerrüttung aus hundert Umzugskartons verstreut über vier Stockwerke hatte uns die Seele des Doom fast schon verlassen. Aber letztlich sind wir auch im neunten Jahr in Folge ins Frankenland gefahren! - Nach einer für mich kurzen Nacht, war am frühen Freitagnachmittag das vertraute Gästezimmer bei Frau Müller an der Südkaserne bezogen; für 18 Uhr hatten wir einen Tisch beim Griechen treppab gesichert, und kurz vor Mitternacht sind wir voll wie Haubitzen ins Bett gefallen.
 
Sonnabend, 15. Dezember
 
Taubenzüchter und die Mitglieder von Naevus sollten sich am Wochenende die Unterkunft mit uns teilen. Natürlich kam es für P. und mich wieder zu einem klärenden Dauerlauf durch die verschneiten Nürnbergruinen. Auch dort warteten Neuigkeiten: Die Laufszene hatte das Gelände für Übungen und Wettkämpfe erschlossen, und mit „Laufparcours Volkspark Dutzendteich“ und „Laufparcours Luitpoldhain“ beschildert. - Am Ende des Tages waren wir aber nur für den Doom da, und zur vereinbarten Zeit im Z-Bau aufmarschiert. Dort trafen wir zuerst auf Organisator Sebastian, der mit dem Aufbau einer Galerie mit allen Low-Frequency-Assaults-Plakaten seit 2003 beschäftigt war, und wurden glückliche Besitzer zweier Low-Frequency-Assaults-Tassen (zwei Motive: „Head“ und „Weapon“, auf je fünf Stück limitiert!). Drin in der Halle stieß man auf die gewohnten Kultfiguren, wie den Boris, den Blackblood, den Mourner, den Obelyskkh-Bassisten und die Petrified-Männer Buttler und Schulz. Erstere befanden sich auf dem Weg zur Weisheit, Letzter hatte erneut mindestens eine Schraube locker und drei Liter Kanone zuviel. Insgesamt fanden sich 18 Akteure und 125 Zahlende auf dem klebrigen Boden des Kunstvereins ein. Der Zutritt zum Ding mit dem wehmütigen Titel „Into The Sunrise It Will End...“ betrug zehn Euro.
Den Auftakt zum letzten Bunkerpoltern am alten Ort bestritten drei Mädeln und ein Junge, die sich mit einem unterwürfigen „Hallo, wir sind DARK THARR aus Freiburg. Wir freuen uns, hier so kurzfristig spielen zu können!“ vorstellten. Obwohl ein weißer Fleck auf meiner Landkarte, hatte ich dem Kommando aus dem Breisgau die größte Beachtung geschenkt - und die sollte nicht enttäuscht werden. Ana, Koschka, Stefan und Sabine - außer dem Bassisten alle zum Anbeißen! - fackelten ein Feuerwerk ab, daß es in sich hatte. Das harsche Geröchel der blonden, unermüdlich headbangenden Ana im ersten Sturm kreuzte sich dabei mit einem erotischen Dutt und Tiefsequenzen im gedrosselten Tempo zu einer alten Geschichte namens Sludge Doom, die heute mitreißend neu und erfrischend anders erzählt wurde. Mit ihrem Auftritt Ende Oktober beim „Doom Over Gießen“ war das heute der sechste für den Dunklen Tharr. Ein ganz großartiger - mit nur mäßiger Unterstützung (ein Lump oder schon tot, wer nicht headbangte). Nach 42 Minuten war die Schlacht leider schon vorbei. Noch existiert für die Nachwelt nichts außer einer Rohfassung auf CD. Die ist gewiß nicht das letzte Wort. Den Amazonen aus dem Südwesten gebe ich meinen bedingungslosen Segen!
Als Exoten des Abends galten die Nächsten, die nach Problemen mit der Lichtgeschichte und mit gehörig Nervenflattern ab 21.46 Uhr in die Gänge kamen - und ihre musikalische Ausrichtung auch gleich mal neu überdachten. „Wir sind die Shoegaze-Band JAGUWAR aus Dresden. Aber da Doom so angesagt ist, überlege ich mir das noch mal“, befand Oyèmi Noize. Neben der hochaufgeschossenen Sirene, die sich abseits der Bühne unter einer weißen Pandamütze mit schwarzen Bommeln versteckte, standen mit Lemmy Noize und Chris Albrecht nicht minder elektrisierende Figuren auf der Bühne. Alle zusammen waren packender als das Gewand vermuten ließ. Um nicht zu sagen: Jaguwar waren der pure Funkenflug! Der bezaubernde und über allem schwebende Gesang einer Frau mit mystischer Herkunft verschmolz im Wechsel mit der Stimme des ekstatischen Kapuzenmanns Lemmy und wuschig dunklen Instrumenten zu einer Musik, die sich zwischen Rock, Psych und Stoner Doom verorten ließ, und die zum Ankuscheln war. Eine Wand aus Nebel ließ die Protagonisten die ganze Zeit wie Schattenwesen erscheinen. Jaguwar sollten die Stimmungsvollsten und künstlerisch Wertvollsten des Abends sein. Wir müssen sie im Cyberkosmos weiter verfolgen, wie sie uns verfolgen werden...
Ein lässiges „High!“ läutete ab 22.40 Uhr eine Dreiviertelstunde angesludgten Doomcore galore ein. Bei Kölns GALLONS OF MUD sollten Mitglieder von Wall mitwirken. Sprich: Von jener Horde, die unserem früheren Doomgefährten Kalle vor zwei Jahren einen Hörsturz und damit den Ausstieg aus der Szene bescherte. Wall hatten damals mit uns sogar noch gefrühstückt, aber wiedererkannt haben wir niemand. Steve, Kay und Pippo verantworteten heute den Krach. Denen stand einerseits die Hauptsendezeit von Nürnberg mit der größten Meute zur Verfügung. Andererseits schütteten sie Stoff in der Machart von Cathedral, Raven und Vitus auf Sturmstärke in die Halle. Tonnenweise schwere Doomriffs, überschäumende Energie, ein wahrer Berserker hinter den Trommeln, und allen voran das eruptive Timbre des Vokalisten (das an Soundgarden erinnerte), ergaben einen Adrenalintritt, der sich gewaschen hatte. Für die oberste Liga reichte es nicht ganz, aber Gallons Of Mud waren schon verdammt beeindruckend.
Ab 23.40 Uhr kamen unerwartet die Traditionalisten auf ihre Kosten. Denn nicht NAEVUS waren als Hauptakt gesetzt, sondern ein weiteres, extremeres Kommando aus Dresden. Dazwischen lag die vorgezogene Legende aus Württemberg, die uns ihr „Special Neunzigerjahre-Set“ kredenzte. Nach 13jähriger Abstinenz waren Naevus im Kader ihrer ersten gescheiten Veröffentlichung aufmarschiert: mit den Sechssaitern Groebel und Großhans, Viersaiter Heimerdinger und Trommler Straub. Damit standen vier ganze Kerle vor uns, von denen zwei durchs Stahlbad von Sacred Steel gehen, und Groebel bekanntlich der Leitwolf von Voodooshock ist. Naevus starteten ohne langes Gerede mit immergrünen Doomrockern wie der „Sun Meditation“, dem „Bazar of Illusion“ und dem „Skydiver“ durch. Die erste Gefühlswallung löste indes „Gallery of Fantasy“ aus. Dabei brillierte Groebel mit einer etwas rauheren Version seiner zartbitteren Stimme, dazu belferten die Gitarristen äußerst zielsichere Stahlsalven in die Meute. In erster Linie punkteten Naevus jedoch mit dem Charme der Vergangenheit und ihren phantastischen Melodien. Wenngleich die Schau stellenweise etwas gehetzt und kaltschnäuzig wirkte, und die ein oder andere Prise Selbstironie störte (über einen Biß in den Gitarrenhals im Hendrix-Stil legt man den Mantel des Schweigens): Naevus waren mit die Ersten im Doom überhaupt - und das heute Nacht WAR eine Hommage an die Neunziger. Und nichts sonst!
Auf Schmidt, Jana, Unas und Orpheus alias KALMEN war ich tierisch gespannt. Erstens war da die gemeinsame Heimat Dresden; und zweitens die bevorzugte Ausrichtung Black Doom. Die Reihen hatten sich bereits erheblich gelichtet, als Kalmen (übrigens mit langem „e“ ausgesprochen) kurz vor ein Uhr in Stellung gingen. Recht schnell war alle Hoffnung auf Katharsis ruiniert. Kalmen wirkten ziemlich starr, fast wie innerlich erfroren; die Performanz zu gequält auf Endgültigkeit und den Frontmann mit dem Gurubart ausgerichtet. Dazu kam der Sound zwar mit maximaler Entschleunigung und in imperialer Länge daher, strömte jedoch in gleichem Maße zu flau, zu gleichförmig. Vergleichbare Rudel des Low Frequency Assault - etwa Rorcal, Caldera oder Black Shape of Nexus - waren da von anderem Kaliber. Womöglich wird beim nächsten Mal alles völlig anders - ganz sicher sogar! - heute allerdings sahen Kalmen und ich nicht ins selbe Licht. In der Verlängerung schweifte man in die Gewässer des Postrocks ab. Kalmen reichten nicht bis zum orakelten Sonnenaufgang, aber immerhin bis ans Ende der zweiten Nachtstunde. Und ein schönes Finale fürs letzte Bunkerrauschen im Kunstverein waren die Elbestädter allemal.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
DARK THARR
(20.37-21.19)
1. The Blinded
2. Endless Void
3. Neues
4. Neues
5. Neues
 
JAGUWAR
(21.46-22.26 / Titel ohne Gewähr)
1. Breathe Bullets Which Taste Like Pure Fruit
2. 100%
3. Saver
4. Iwo Jima Island
5. War
 
GALLONS OF MUD
(22.40-23.25)
1. Bullhead
2. Dirt Priest
3. Wingman
4. 21 Grammes
5. Howl
6. No Reason
 
NAEVUS
(23.40-0.40)
1. Sun Meditation
2. The 3rd Sun
3. Bazar of Illusion
4. Sky Diver
5. Gallery of Fantasy
6. Streams
7. Universal Overdrive
8. Dreamrider
9. Lost Confidence
10. The Art to Love
11. Dreamworld Wizard / The Sleeping
 
KALMEN
(0.55-1.45 / Titel ohne Gewähr)
1. Spiritual Black
2. Shadow Swarms
3. Those About To Die
4. Kentaur
Sonntag, 16. Dezember
 
Nach einem kurzen Nickerchen, einer reinigenden Meile im ersten Morgenlicht, und einer morgendlichen Lagebesprechung mit Naevus im Gasthof Süd, haben sich Peanut und ich auf den Heimweg gemacht. Auf der Reise in die Neue Heimat wurden etliche Bierle eliminiert. Der Halt in Frankfurt war unumgänglich. Aber diesmal führte uns der Weg zum ersten Mal weiter ... nach Norden ... in die Abgeschiedenheit der Wetterau.
 
 
Gruß und Dank
Alle Gruppen, und - wie stets seit 2004 - ...
Sebastian und Boris
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 19. Dezember 2012
Zwei von zehn