A WEB OF SOUND FESTIVAL
 
LEAVING LEM, COLARIS, PAPER PLANES, LE_MOL, THE CLOUDS WILL CLEAR, POLTERGEIST MACHINE, SASCHA WILD
D-Frankfurt am Main, Das Bett - 26. Juni 2015
Nach dem Abend mit The Midnight Ghost Train in Frankfurt waren wieder zwei Wochen vergangen, in denen ich verloren in unserem Haus auf dem Dorf festhing. Wenigstens versprach heute das 'A WEB OF SOUND FESTIVAL' jede Menge Postrock und vielleicht ein paar prickelnde Stündlein in der Parallelwelt. Kaum waren Frau P. und ich vorm »Bett« gelandet, verebbten die ersten Klänge. Jene stammten von SASCHA WILD und POLTERGEIST MACHINE, die im Außenbereich mit minimalistischen Elektronik-Experimenten auf den Abend eingestimmt hatten. Ferner stand im Vorgarten ein Grill, auf dem man den eigenen Proviant garen durfte. Die beiden Ein-Mann-Projekte hatten wir eigentlich ab 20 Uhr 30 drin erwartet (zumindest kündigten die Flugblätter es so an), aber dort verschob sich der Beginn auf 21 Uhr. Die »Running Order« (Programmablauf) sollte für weiteres Rätselraten sorgen... Beim Abriß unserer Kontrollschnipsel gestand der Herr am Einlaß: »Es sind noch nicht viele da, aber ich bin da!« P. und ich waren sozusagen die ersten zahlenden Gäste - in einem völlig in Rotlicht versunkenen Raum, der mit seiner sexy bestückten Bar, den schwarzen Lederhöckerchen und seiner puffrigen Luft heute eher ein Drehort für einen Rudelbums als ein Konzertvenue sein konnte. Neben uns marschierte nur noch ein beleibter Mittvierziger rein. Ansonsten verloren sich zur Nacht der absoluten Wortlosigkeit nur das Personal, die Akteure und deren Schäfchen im Bett - wohlwollend dreißig, die meisten mit geschorenem Kopf, Hornbrille und Vollbart, dazu etliche Girls.... Für die Zwischentöne sorgte DJ Christian Schröder.
Daturah sind tot, es leben THE CLOUDS WILL CLEAR! Gegründet wurde Frankfurts neuer Stern am Postrock-Himmel im Herbst 2013 von Angelo - und zwar als Soloprojekt. Im Herbst darauf holte der junge Mann mit dem schwarzen Bart Trommler Inyu und Bassist Andi dazu, und mit dem zweiten Sechssaiter Tobias war die Gruppe komplett. Vor ebenso vielen (acht) Augenpaaren ging ihr Auftritt los. Man nahm´s gelassen und Wortführer Tobias wünschte mit distinguierter Stimme »Herzlich willkommen trotz Leere!« Die Clouds servierten den klassischsten Postrock, ein vielschichtiges, melancholisches Klangsystem, das nicht ganz leicht zu verstehen, jedoch gut zu genießen war. Alles floß, ging unter, und gipfelte dann wieder in reinigenden Explosionen fern in den Wolken. Dazwischen mischten sich die typischen, verloren britzelnden Postrock-Gitarren (mal von Angelo, mal von Tobias), sowie verstörende Wortfetzen aus dem Jenseits. Diese Klangwelt hatte seine Momente, die besten in »The Storm Will Pass«, »Recollecting of What Never Was«, »It Makes Tomorrow Alright« und »Amygdalae«. Mit »Nobody Nowhere« stand final das Ausklinglied des Minialbums.
Ab 22 Uhr 11 folgte ein 50minütiges artifizielles Spektakel zu zweit. Die Herren Schlager und Götzendorfer hatten vor zwei Monaten eine Tour absolviert, und wurden vom Booker gefragt, ob sie Lust auf noch ein Konzert im Bett hätten. Extra dafür (für drei! Zahlende) waren Raimund und Sebastian acht Stunden Auto gefahren - um nach einer Nacht in Frankfurt zu zweit wie ein altes Ehepaar wieder acht Stunden heimzugondeln... Nach den aufwühlenden Postrockern »Majorities Finest Moments« und »Oh Great! Nostalgia« folgte die Vorstellung »Wir sind LE MOL aus Wien, und machen harte Musik mit lustigen Ansagen.« Die in der Hauptstadt lebenden Linzer entpuppten sich als äußerst schräge Typen, die neben ihren Langrillen 'Aleph One' und 'Karah Oh Kee' ein ganzes Arsenal an Audiotechnik mitführten. Neben der Gitarre und dem Schlagzeug gehörten unter anderem ein Elektroklavier, ein winziges Xylophon, ein Geigenbogen (für die Sechssaitige), sowie diverse Klangregler zur Ausstattung. Den Schlagobers auf all die ungewöhnlichen Geschehnisse lieferte die Performanz: Zwischen Ansagen voller Schmäh und morbidem Humor, sowie rudelartigen Instrumentenwechseln, stieg der Schlagzeuger auch mal über ein Heckmeck aus Kisten und Kabeln nach vorn an den Bühnenrand, um auf dem Boden kauernd mit dem Gitarristen eine Batterie an Effekten zu manipulieren. Musikalisch wechselten avantgardistische Experimente mit unorthodoxen Postrockern, die teils als Drone Doomer endeten. Dabei regierte ein bizarr-kruder Unterton, der von einer manisch gefrickelten Postrock-Gitarre und Rückkopplungen überhöht wurde. Alles fügte sich auf wunderbare Weise harmonisch zusammen. Nach sechs Teilen drehte Herr Schlager alle Saiten auf Anschlag und ließ seine Geliebte auf dem Boden ausklingen. Am Ende dröhnte nur die Paula minutenlang allein im Staub liegend vor sich hin... Le Mol waren pickepackevoller Facetten und Esprit, einfach »leiwand«!
Weil sie so lange arbeiten mußten, rutschten die PAPER PLANES von der dritten auf die insgesamt fünfte Position. Doch die Frankfurter hatten nicht nur die meisten Zuhörer, sondern mit einem Kuschelhasen auf dem Mischpult, einer Abspielliste im DIN-A0-Format, und mit weißen Kugelleuchten und Grubenlampen auch noch die Bühne sehr stimmungsvoll ausstaffiert. Indes: Mit dem heutigen Versuch habe ich meine Hoffnung auf eine Änderung aufgegeben. Wenngleich man technische Problemchen mit dem Ausfall des Soundchecks entschuldigen kann, so erstarben die Paper Planes wie in ihren vorangegangen Konzerten mit eingeklemmten Geschlechtern, nur sanft in den Knien federnd, in Gefühlsarmut. Der gesamte Vortrag war ohne Saft und Kraft und allzu absehbar. Eine böse Zunge würde es eine Aneinanderreihung von gleich klingenden Schlafliedern nennen. Nach einer elendslangen Dreiviertelstunde kam´s zur ersten und einzigen Gefühlsaufwallung - ganz am Ende und nur für wenige Minuten durch »It´s not OK Computer«. Hier flackerten die Kugelleuchten wie Stroboskopblitze, und selbst der Bassist verlor dabei kurz die Contenance. Es war nett wie immer.
COLARIS aus Pirmasens waren die einzigen, die sich die ganze Zeit fern vom elitären Geschehen hielten und sich vor ihrem Auftritt nur kurz im Bett blicken ließen. Und wie sie erschienen - mit ihren langen Haaren, den Muckihemden und schweren Tätowierungen - wollte man es ihnen auch nicht abnehmen, daß sie Postrock spielen. Vielmehr glaubte man, beinharte Metaller vor sich zu haben. Weit gefehlt! Mit dem Album 'Nexus' im Gepäck, lieferte das Trio aus der Pfalz nicht nur tolle Musik, Optik und Testosteron, sondern auch ganz viel Herz. Halb eins ins ging´s rund im Geviert. Mit ihren wild geworfenen Mähnen und martialischen Posierereien brachten Jessie, Phil und Julian endlich Aktion ins Geviert. Nach einer Pink-Floyd-artigen, bewußsteinserweitenden Einleitung kopulierten gigantomanische Gitarren mit knackigen Trommeln und standen damit für alles, was den Postrock ausmacht. Die rein instrumentalen Klangorgien waren von einer ungeheuren organischen Wucht geprägt! Colaris klangen fast wie Conan. Die nur von Nebel und markanten Lichtstrahlen erhellte Bühne tat das Übrige. Es waren Colaris, die alle Glocken zum Läuten, die Dämme zum Bersten und Bomben zum Explodieren brachten! Doch die Zeiger näherten sich bedrohlich ein Uhr. Als wir nach der vierten Nummer - »Pika« - losmußten, blickten wir auf zwanzig Personen mit Durchhaltevermögen. Es war Coitus interruptus!
 
Zu der Zeit, als wir schon auf halbem Weg zurück in die schlummernde Wetterau waren, durften LEAVING LEM mit ihrem letzten Konzert im Sommer das Fest beschließen. Zum Auftritt stellvertretend die Auskunft der Protagonisten aus Gießen: »Hi, schade das du nicht dabei warst. wir haben gegen 1:00 angefangen und dann auch 2 lieder gestrichen und somit rund 40 minuten gespielt. der harte kern der da war blieb auch bis zum schluss, somit haben wir wenigstens füreinander schön gespielt.«
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 30. Juni 2015
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
THE CLOUDS WILL CLEAR
(21.00-21.48)
1. Intro ... Solar Eclipse
2. The Storm Will Pass
3. Wanderlust
4. Recollection of What Never Was
5. It Makes Tomorrow Alright
6. Attack Warning
7. Amygdalae
8. Nobody Nowhere
 
LE_MOL
(22.11-23.00)
1. Majorities Finest Moments
2. Oh Great! Nostalgia
3. Am I Under Arrest/Bertram/Reglev Medley
4. Esarintu
5. The Mountain Daisuke Inoue Never Sang About
6. No Hopes in Expectations, Errors Excepted
 
PAPER PLANES
(23.23-0.08)
1. Crystal Palace
2. Suburban Symmetry
3. Bad Cough
4. Keeping The Knots Tight
5. Monochrome
6. Sticky Crimes
7. Mr. Fixit (Pop Song)
8. We´re Up for Hats and Keyrings
9. Heavy Air
10. Liv
******
11. Cape Canaveral
12. It´s Not OK Computer
 
COLARIS
(0.27-?.??)
1. Pinkstafir
2. Lemuria
3. Schickertool
4. Pika
5. Sog
6. Neuer Anfang
7. Im Sog
 
LEAVING LEM
(1.00-1.40)
Titel unbekannt
NACHTRAG
Das für den 4. September 2015 geplante A WEB OF SOUND II (mit Long Distance Calling, Glasgow Coma Scale, Manescape, Borgenine und The Clouds Will Clear) wurde sechs Tage vor Beginn abgesagt. Zu dem Zeitpunkt hatten im sozialen Netzwerk nur 33 Personen ihre Teilnahme zugesagt.