5. KÖNIGSTEIN-DRESDEN-MARATHON, 4. Mai 2002
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER
Seelenheil am Heimatfluß - Auf den Spuren der Vergangenheit
 
 
Neue Köpfe, neuer Namen, alter Lauf: Der am 8. November 1998 als Oberelbe-Marathon ins Leben gerufene Langstreckenlauf war bei seiner fünften Austragung seinen Namenssponsor los. Nach einem Zerwürfnis mit dem Gründer und bisherigen Ausrichter hatte der Verkehrsverbund Oberelbe eine Vertragsverlängerung abgelehnt und den Marathon 2002 nicht unterstützt. Der Absprung zog auch die Entmachtung des Sachsen Marathon e.V. nach sich. Um den Start nicht zu gefährten, hatten die Nachfolger vom Laufsportverein Dresden e.V. vorübergehend auf einen Geldgeber verzichtet. Damit fand der Marathon ganz im Südosten Deutschlands dieses Jahr - auch aus taktischen Gründen - neutral als Königstein-Dresden Marathon statt...... Zeitensprung...... mehr als zwei Jahrzehnte zurück...... Den Landstrich kannte ich. Unzählige Male hatte ich die Wegstrecke zwischen der Sächsischen Schweiz und Dresden damals zurückgelegt - als Rennfahrer mit kurzgeschorenem Schädel auf den schmalen Pneus eines Rennrads. Hätte mir jemand prophezeit, ich würde sie jemals als Langhaariger in Laufschuhen bewältigen, hätte ich ihn als irrwitzig erklärt. Laufen war der Todfeind! Läufer wurde, wer für Radrennen zu feig oder zu arm war! Viel Wasser ist seither die Elbe hinabgefloßen. 2002 war ich zurück - auf Sohlen aus Japan.
 
.:: DIE STRECKE ::.
Der Marathon verläuft fast vollständig über den schönsten Fernradweg Deutschlands, den 700 Kilometer messenden Elberadweg von Dresden nach Hamburg. Er beginnt im engen Tal der Oberelbe, in dem das Städtchen Königstein liegt, und führt immer am schimmernden Band der Elbe lang vorbei an den Klammen und Gründen (Schluchten und Tälern), ihren Ebenheiten (Hochflächen) und den steil aufgetürmten Sandsteinfelsen (Tafelbergen) der Sächsischen Schweiz. Zur Hälfte bekommt man es mit dem rauhen Pflaster von Pirna zu tun. Nach einer Runde durch die Altstadt geht es zurück auf die Radroute. Durch die sanften Elbauen um Heidenau und vorbei an den Elbhängen mit ihren Villen und Schlössern wird die Landeshauptstadt erreicht. Über Dresdens Elbwiesen gelangen die Läufer in den Kessel von »Elbflorenz« und zur Zielankunft auf der traditionsreichen Kampfbahn im Ostragehege. Das erste Drittel weist einige Kuppen und Mulden auf. Doch je näher man Dresden kommt, desto flacher wird das Relief und man trifft unterwegs auf viel Kultur. Der Marathon an der Oberelbe ist keiner der schnellsten, aber einer der herrlichsten im Lande. Streckenrekordler war Stanislaw Cembrzynski-Polen mit 2:28:20 Stunden aus dem Vorjahr.
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Erstmals wollte ich zu zwei Marathons hintereinander antreten. 1. bei dem an der OBERELBE. Und 2. beim 16 Tage später steigenden in MAINZ. Die Vorbereitung begann im Februar. Aber nicht die Laufstrecke, nein, Termine und Untersuchungen bei Medizinern prägten den Einstieg ins Unternehmen. Das Herz wollte nicht mehr im alten Takt schlagen. Untersuchungen bei Pontius und Pilatus, auch eine ausführliche kardiologische, förderten nichts Beunruhigends zu Tage. Körperlich war alles in Ordnung. Mit einem Antibiotikum versuchten die Doktoren den Puls wieder ins Lot zu bringen. Die Nebenwirkungen waren größer als der Nutzen. Nach drei Wochen war der Marathon in weite Ferne gerückt. Zwei Monate vorm Kampf schlug das Herz wieder ruhig, doch nun lag der Geist am Boden: Ich litt unter Motivationsproblemen. Der Reiz des Besonderen war verpufft, das Laufen zum sturen Kilometerbimsen in der immergleichen Gegend verkommen. Ich ertappte mich schon im Unterbewußtsein und verfiel in Gehpausen. Zudem schlauchte der Arbeitsplatz mit Umzügen und räumlichen Veränderungen. Entspanntes Laufen war überhaupt nicht mehr möglich. Das Frühlingserwachen setzte vorübergehend neue Kraft frei. Doch im Grunde war ich nicht mehr voll bei der Sache. Mitverantwortlich fürs Durchhalten war meine Freundin. Peanut hatte mir immer zur Seite gestanden, und mich auf den langen Kanten bei Wind und Wetter, bei Staub, bei Regen und bei Sturm mit dem Rad eskortiet. Mir wurde wieder mal klar, wieviel Glück zu einem Start bei einem Marathon gehört. Tausend kleine Dinge, die sich in drei Monaten gar nicht alle kontrollieren lassen... Eingangs der Marathonwoche habe ich die nach dem Schweden Saltin benannte Fett-Eiweiß-Diät gemacht. Sinn dieser Übung ist es, die Energiereserven zu optimieren. Durch einen dreitägigen Verzicht auf Kohlenhydrate werden die in Muskeln und Leber befindlichen Glykogenspeicher erst entleert, und mit einer anschließenden Kohlenhydratmast überhöht aufgefüllt. Für den Kopf ist das gar nicht so leicht, weil die Energie so kurz vorm Marathon völlig schwindet.
 
 
Die Wochenübersicht vom 8. Februar bis 4. Mai:
 
01. Wo.: 038 km
02. Wo.: 052 km
03. Wo.: 078 km
04. Wo.: 082 km
05. Wo.: 090 km
06. Wo.: 100 km
07. Wo.: 099 km
08. Wo.: 110 km
09. Wo.: 115 km
10. Wo.: 110 km
11. Wo.:
085 km
12. Wo.:
076 km
Gesamt: 1035 km
 
.:: DAS RENNEN ::.
 
5. KÖNIGSTEIN-DRESDEN-MARATHON, 4. Mai 2002
Mittwoch, 1. Mai
 
Heute fühlte ich mit Peanut nach langer Zeit wieder Heimatboden unter den Füßen. Wir betraten Dresden! Unser Gastgeber für die kommenden achtzehn Tage war der Initiator und Macher der ersten vier Marathons an der Elbe persönlich: Werner Klawun. Klawun war früher Radrennfahrer bei Lok Dresden, später in den Achtzigern mit einer Bestzeit von 2:42 Stunden (Berlin) selber ein ausgezeichneter Langstreckenläufer, und vor der Wende in der Untergrundbewegung »Neues Forum«. Es fanden sich also durchaus Parallelen... Werner hatte uns sein Gartenhaus vermietet. Wir waren herrlich untergebracht, direkt am Lockwitzbach, ein schmaler Holzsteg führte übers Wasser in den angrenzenden Wald. Das Häuschen hatten wir ganz für uns. Mit dem guten Vorzeichen, daß zwei frühere Bewohner immer auch am Ende den Marathon gewannen: 1999 Jewgeni Dombrowski (Rußland), 2000 Marek Szatan (Polen).
 
Donnerstag, 2. Mai
 
Der dritte Tag vorm Rennen war ein Ruhetag mit einem leichten Training.
 
Freitag, 3. Mai
 
Die Erledigung der Anmeldeformalitäten im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung im World Trade Center Dresden war erst am Vortag des Marathons möglich. Neben einer kleinen Messe fand auch die obligate Nudelfete im Lichthof des WTC statt. Das Ganze in gemütlicher Umgebung, mit Himmelbsblick durchs kathedralenhohe Glasdach, inmitten von Kaufvolk, und bei einem erschwinglichen Organisationsbeitrag von 20 Euro für die Startnummer. Nur wenige Stunden vorm Rennen war diese Aktion aus strategischer Sicht allerdings weniger günstig. In der Abendbrise stand ferner ein Waldläufchen mit Werner hinauf zur alten Burgstädtler Linde am Südrand der Elbestadt auf dem Programm. Auch das hatte es noch mal in sich...
 
Sonnabend, 4. Mai
 
MARATHON! Um fünf bin ich aus den Federn geklettert. Zum Frühstück in der dunklen und noch eisekalten Gartenlaube gab es Nudeln mit Tomatensoße. Die anschließende Verrichtung funktionierte nicht wie gewünscht. Damit mußte ich etwas toten Ballast durch den Tag schleppen. Um sieben brachen wir in Werners Auto auf. Am Bahnhof Mitte wurde das Fahrzeug abgestellt, und von dort ging es per Eisenbahn weiter ins Felsmeer der Sächsischen Schweiz. Elbe ahoi! Um neun war das Grenzland zur Tschechei erreicht. Dichte Wolken, milde Temperaturen und nur ein leichter Wind von vorn versprachen günstige Bedingungen. Völlig gelassen gingen auch die letzten Startpräparationen auf der Wiese unterhalb des Bahnhofs Königstein vonstatten. Pünktlich um 9 Uhr 35 war es soweit...
Bilderstreifen © Vitus
Nach einer knappen Ansprache schoß Regierungspräsi und Schirmherr Dr. Hasenpflug 460 Marathonläufer in den Lauf von der Sächsischen Schweiz in die Landeshauptstadt. START! Im Blick voraus thronte die Festung Königstein, rechts verschwand der Monolith Lilienstein in der »Dämmse« (Dunst). Werner und Peanut gaben mir vom Fahrrad aus Geleitschutz. Im Mittelfeld gestartet, gingen mir gleich zwanzig Sekunden flöten. Denn Oberelbe, das hieß auch im neuen Jahrtausend Handzeitnahme! Die Rumpelpiste des ersten Kilometers rüttelte die letzte Müdigkeit aus den Knochen. Rasch hatte sich der Läuferwurm wie auf einer Perlenschnur weit auseinandergezogen. Ich hielt mich an die Trikots vom Dresdner Lauftreff »Linde 79«. Hatten doch jene mit Karl-Heinz Leiteritz einen früheren Weltklasseläufer in ihren Reihen. Linde 79 schien mir gut organisiert zu sein. Unter einer milden Brise ging es in den Wald der Niederen Kirchleite. Eine sanfte Steigung von 500 Metern und ein kurzer Anstieg bis zur Fünfzigseelen-Gemeinde Strand türmten früh einige Schwierigkeiten auf, und am Dorfausgang stand ein schon nicht mehr ganz so leichter Knüttel im Wege. Im Großen Elbbogen wurde die Bahnstrecke Tetschen-Dresden überlaufen und auf Höhe der »Kleinen Bastei« folgte die erste Kontrollstelle. »24 Minuten«. Oh, nein. Mit dem Zuruf des Kampfrichters hatte ich auf den ersten fünf Kilometern drei Minuten verloren. Damit war der Traum vom Marathon unter drei Stunden früh zerplatzt. Im lauschigen Rathen wurden die Eisenbahnschienen ein zweitesmal gekreuzt, und das sich anschließende Biest nach Oberrathen machte aus der Strecke endgültig keine Schnelle. Derweil öffnete sich rechts das Gedicht aus wuchtigen Sandsteinbergen, senkrechtem Felsgestein, verwitterten Klüften, waldreichen Schluchten und verwunschenen Türmen. Vorbei ging es an der Burg Altrathen, am Aussichtspunkt Bastei, der in kribbeliger Höhe hängenden Basteibrücke, den mystisch überhöhten »Weißen Brüchen«, und an Felsen mit sagenhaften Namen wie »Mönch«, »Talwächter« und »Schwarzer Berg«. An schwindeligen Wänden, die nicht nur Bernd Arnold durchstiegen hat. Eingebettet vom schwarzgoldenen Sandstein und dem grünen Laubdach im Tal der Elbe lag die Marathonstrecke. Milde Wallawalla-Wellen entschleunigten die Zeit weiter. Die Natur schenkte würzige Luft und nur von säuselnden Blättern und laut rufenden Vögeln durchbrochene Stille. Schön war es dort draußen! Ich atmete ruhig und frei. Am zehnten Kilometer wurde die kleinste Stadt Sachsens, das entzückende Wehlen, passiert.
Hinterm »Wehlstädtel« wurde es allmählich eben. Niedliche windschiefe Häuschen säumten die nächsten Kilometer. Ihre Bewohner hatten liebevoll in Handarbeit Wassertische aufgebaut. Dazu bekam ich Eigenverpflegung. Im Krieg ließ Pervitin Soldaten stundenlang marschieren, im Radsport der Siebzigerjahre tat man sich Haferschleim oder Kräutertee und Zucker in die Pulle, heute hieß das Zauberwort »Carboloader«. Werner und Peanut versorgten mich abwechselnd mit in Wasser verquirltem Glucosepulver »High5« aus England. Hinter der Ortstafel Pirna-Obervogelgesang schlängelte sich die Route unterm Bahndamm hindurch, und Niedervogelgesang folgte. Das Feld war nun völlig in kleine Gruppen zerstückelt. Ich lief in einem Quintett mit der gehörig Betrieb machenden und später Drittplatzierten Marx aus Dresden. Am 18. Kilometer lud Pirna zu einem Ritt über 1500 verwinkelte Meter aus robustem Katzenkopfpflaster durch die Tore, Türme und Fachwerkhäuser der Stadt. Pirna begriff nicht so recht, daß heute vor seinen Augen ein Wettkampf ablief. Es war Sonnabend, und ich mußte wachsam sein, in den Ladengassen nicht mit schußeligen Omis auf Einkaufsbummel zusammenzurasseln. Nach der Knöchelbrecherpassage führte der Weg zurück ans Wasser. Die Steinbrücke, die Pirna mit Copitz verbindet, wurde unterquert, es ging über das Flüßchen Gottleuba und unter der mächtigen Sachsenbrücke hindurch. Ab hier taten die Muskeln richtig weh.
Zwischen Kilometer 21 und 22 wurde die nach Böhmen führende Landstraße 172 benutzt und die Halbmarathon-Läufer griffen ins Geschehen ein. Danach ging es wieder auf den Radweg und in die Elbauen. Überall kreuchte und fleuchte es, und fast lautlos glitt der Fluß dahin. Zwei querende Flutrinnen brachen den Schritt etwas. Reste und Ruinen der früheren Papier- und Maschinenindustrie von Heidenau blieben links zurück. - Ein Blick zurück ins Vorjahr, damals bei zwei Grad und Regen............ Der Marathon war im vollen Gange, als jemand bemerkte, daß in Heidenau die Streckensicherung fehlte. Heidenau war als Ersatz für eine nicht genehmigte Runde durch Pirna gedacht. In aller Eile entschied man, Heidenau auszusparen und direkt vorm Ziel durch eine Runde im Dresdner Ostragehege zu ersetzen - wofür aber kein Absperrmaterial mehr aufgetrieben werden konnte. Letztlich hielten die fehlenden 1650 Meter als Ausgleich für die Gegenwindstrapazen her. Beileibe nicht das einzige Kuriosum - denkt man an die zeitgleich und auf teils identischen Streckenabschnitten (!) mit dem Dresden-Marathon ausgetragene Premiere 1998............ - Die rötlich scheinende Müglitz wurde überquert. Und eine weite, baumgesäumte Pferdekoppel mit einer Brise Wind schloß sich an. Radrennfahrer kamen mir entgegen. Dynamo Dresden-Nord hieß der Klub mal. Heute Dresdner SC - die Wachablösung. Ein Sonderling mit Stirnband, Struppelhaar und langem Bart benutzte einen der fahrbaren Donnerbalken am Rand. Ordnungsgemäß und merkwürdig. Am 26. Kilometer lag Dresdens Osten vor mir. Zschieren öffnete die Türen zur Heimatstadt, auf deren Straßen ich nun Marathon lief. Jede Berührung mit ihnen ein Kuß! Versteckt hinter der urwüchsigen Pillnitzer Elbinsel rückten das anmutige Schloß und die Pillnitzer Weinberge ins Bild. Von hier an war ich allein unterwegs, weit und breit niemand in Sicht. Oh, wie gern hätte ich mich in eine der Schänken an der Elbe verkrümelt. Doch voraus warteten meine Begleitfahrer... Im malerischen Kleinzschachwitz folgte der 30. Kilometer. Es ging wieder über Katzenköpfe, und ein nicht verheilter Schmerz im Fuß muckte stumpf auf. »Durchkommen« war nun das Motto. Von der Hosterwitzer Seite lugte das Schifferkirchlein »Maria am Wasser« rüber.
Die eigene Vergangenheit war jetzt an jeder Flußbiegung spürbar. Das frühere Jugendtanzlokal »Volkshaus Laubegast« kam. In den Siebzigern sorgten hier Westmusik und heiße Ärsche für eine erregte Ostjugend. So manche verloren ihre Unschuld. Die Riesennadel des Fernsehturms Wachwitz schaute zu. Tolkewitz passiert, grüßte rechts die Loschwitzhöhe. Auf deren endloser Treppe »Plattleite« hinauf zur Villenkolonie Weißer Hirsch wurden wir als Radsportler bis aufs Blut gestriezt. Nach der verfallenden Ruderhochburg vom SC Einheit und der Wirtschaft »Schillergarten« wurde am Kilometer 35 die Brücke unterquert, vor der ich immer etwas Angst hatte. Jede Fahrt über das Eisengerippe »Blaues Wunder« vom Dresdner Süden in den Norden glich einem kleinen Abschied. Eingeleitet vom Pflaster des Leinpfades folgte nun die Via Dolorosa auf dem Weg in die Altstadt, das eigentliche Dresden, hinein. Das Gelände wurde offen. Links salutierten die Jahrhundertwendevillen von Blasewitz, rechts die bewaldeten Ausläufer der Dresdner Heide mit den Albrechtsschlössern und Wasserwerk Saloppe. Voraus schweifte der Blick über die Elbwiesen. Sattgrün glänzten die hohen Halme im Licht dieses Maitags. Im Gegenwind ging mir endgültig die Kraft aus, und Werner wäre um ein Haar von einem »Dunsel« (Trottel) im radelnden Gegenverkehr abgeschossen worden. Nur weiter. Vorwärts, vorwärts, vorwärts! In der Johannstädter Laubenkolonie wartete die Sommerwirtschaft »Fährgarten« am Kilometer 38,5 mit einer ganz speziellen Überraschung. Zur »Mobilisierung der letzten Kräfte« wurde - die Macher hatten es angekündigt und Wort gehalten - B i e r gereicht! Ich verzichtete und goß mir Wasser über die Beine. Mit der Carolabrücke (Kilometer 40) war das einmalige Kunstwerk um die Brühlsche Terrasse mit den Kasematten, dem Albertinum, der Sekundogenitur, dem Schloß und der Kathedrale erreicht. All die Bauten und Gemäuer des Barock - gemacht aus dem Sandstein vierzig Kilometer im Süden....
Der Mai ist auch immer der Monat des Dixieland-Festivals. Das Altstadtufer war mit Trompete, Bass und Klavier beschallt, und ich lief durch ein Spalier aus durstigen Seelen, die sich zwischen Bier- und Freßbuden drängelten. Welch ein Szenario. Noch ein Buckel hoch zur Augustusbrücke... vorbei an Italienischem Dörfchen, Semperoper und Landtag... noch ein paar hundert Meter über die Katzenköpfe der Friedrichstadt - auch die könnten Geschichten erzählen - ... und rein durchs Marathontor auf die Kampfbahn des Dresdner SC. Nostalgie schwang auch bei der Zielankunft mit. Das Stadion im Ostragehege wurde 1919 eingeweiht und zählt damit zu den Kultstätten im deutschen Sport. 65 000 haben hier mal Platz gefunden. So viele waren es 1935 beim Länderspiel Deutschland gegen Tschechei. Eine Runde auf der heiligen Ellipse und die Würdigung durch den Sprecher krönten den Marathon. Nebensächlich meine Zeit im ZIEL von 3:25:13 Stunden: handgestoppt und durch Abreißen und Aufspießen eines Startnummernfelds bestätigt.
 
Wenig schmeichelhaft war die Zeit des Ersten. Für 2:39 Stunden strich der aus der Nähe von Posen kommende Swietek 500 Euro Preisgeld ein. Ebenfalls keine Ruhmesblatt: die 3:04 Stunden des einstigen DDR-Spitzenmannes Leiteritz, der den Marathon früher in 2:19 Std. lief. Gerade mal 13 knackten die magischen drei Stunden. Aber alle die nach den 42 Kilometern über die Linie stürmten, liefen, taumelten, purzelten oder robbten, waren Sieger über eine große Schinderei namens Marathon! - Einen aufmunternden Schulterklapps gab´s vom Technischen Leiter, Uwe Sonntag, persönlich. Immerhin kommt man nicht alle Tage unter die ersten Achtzig eines Marathons. Und ein Wiedersehen. Eins mit emotionaler Bedeutung. Nach zwanzig Jahren traf ich den Chef meines früheren Vereins und jetzigen Vereinsführer des 1. RSV Excelsior Dresden, Heinz Kunath, wieder, der heute die Läufer mit Würstchen versorgte. Es war bissel wie früher. Die Zeit war viel zu kurz. Ich vertilgte eine Bockwurst, stürzte zwei Schwarzbierchen und verließ das Ostragehege - nicht auf flinken Schlauchreifen, sondern mit den Schlachtschiffen Asics Gel Kayano VII, und zusammen mit Peanut und Werner sowie einer Marathonmedaille.
 
 
FAZIT
 
Strecke: Erst ein Naturreich aus wildromantischen Felsen und steilwandigen Schluchten. Dann breite, nur dünnbesiedelte Hochflächen mit totaler Stille. Darauf städtische Kultur von höchster Schönheit. Und immer die gemütliche und gelassene Ausstrahlung der »Kaffeesachsen«, der Lokalkolorit von Dynamoland. Dazu die persönlichen Erinnerungen an die Zeit als Radrennfahrer in der DDR. Eine herrlichere Wirkung gibt´s nicht!
 
Salutionen und Dankesworte
Pension Klawun
Laufsportverein Dresden
Meine beiden Edelhelfer, die den Lauf zu etwas Unvergleichbarem machten
Der Kampf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
NOT AN DER ELBE
 
Drei Monate später versank beim Hochwasser vom 12. bis 18. August 2002 alles entlang der Marathonstrecke im Wasser und wurde teils schwer beschädigt oder von der Springflut zerstört. Der Elberadweg in Pirna wurde ebenso Opfer, wie die zwei Stege im Mündungsgebiet der Müglitz in Heidenau. Zerstört wurde in Heideanu auch die alte Radrennbahn aus Zement. Unser Marathonquartier im Lockwitzgrund wurde 1 ½ Meter unter Wasser gesetzt. Im leicht erhöhten Haupthaus von Klawuns stand der Lockwitzbach hüfthoch im Souterrain.
 
 

Kampfläufer Vitus im Mai/August 2002
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: diesig, 15ºC, leichte bis mäßige Brise aus West (Gegenwind)
 
Gesamtteilnehmer
(Marathon, Halbmarathon, 1/4 Marathon, 3,8 km)
Gemeldet:
1029
Am Start: 934 (M: 754 / W: 180)
Im Ziel: 864 (M: 698 / W: 166)
 
Marathonläufer
Am Start:
592
Im Ziel: 447 (M: 407 / W: 40)
 
Männer
1. Andrzej Swietek (Widziszewo, Polen) 2:39:36
2. Steffen Lorke-Philipp (Radeberg) 2:44:06
3. Gerald Just (Memmingen) 2:44:59
4. Volker Götz (Wietzendorf) 2:50:20
5. Matthias Danyi (Potsdam) 2:51:16
6. Uwe Hänsch (Löbau) 2:53:50
 
Frauen
1. Tanja Semjonowa (Leipzig/Ukraine) 3:00:58
2. Christin Marx (Dresden) 3:06:15
3. Heike Grob (Flieden) 3:21:35
4. Almuth Grüber (Schliesheim) 3:24:59
5. Karin Heinz (Bayreuth) 3:35:12
6. Birgit Tonat (Apolda) 3:40:42
 
Kampfläufer Vitus
Startnummer: 4410
Nation: Deutschland
Zeit: 3:25:13
Platz:
76 von 407 bei den Männern
Platz:
20 in Klasse M40
 
Ergebnisse
Baer-Service