5. KÖNIGSTEIN-DRESDEN-MARATHON, 4. Mai 2002
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER
Seelenheil am Heimatfluß - Auf den Spuren der Vergangenheit
 
 
Neue Köpfe, neuer Namen, alter Lauf: Der am 8. November 1998 als Oberelbe-Marathon ins Leben gerufene Langstreckenlauf war bei der fünften Ausgabe seinen Namenssponsor los. Nach einem Zerwürfnis mit dem Gründer und bisherigen Ausrichter hatte der Verkehrsverbund Oberelbe eine Vertragsverlängerung abgelehnt und den Marathon 2002 nicht unterstützt. Der Absprung zog die Entmachtung des Sachsen Marathon e.V. nach sich. Um den Start nicht zu gefährten, hatten die Nachfolger vom Laufsportverein Dresden e.V. auf eine Vergabe des Namensrechts verzichtet. Damit fand der Marathon ganz im Südosten Deutschlands dieses Jahr - auch aus strategischem Grund - neutral als Königstein-Dresden Marathon statt...... Zeitensprung...... mehr als zwei Jahrzehnte zurück...... Den Landstrich kannte ich. Zig Male hatte ich die Strecke von Dresden über die Sächsische Schweiz bis hin ins tschechische Tetschen damals zurückgelegt - als Rennfahrer mit kurzgeschorenem Schädel auf den schmalen Pneus eines Rennrads. Hätte mir jemand prophezeit, ich würde sie jemals als Langhaariger in Laufschuhen bewältigen, hätte ich ihn als irrwitzig erklärt. Läufer wurde, wer für Radrennen zu feig oder zu arm war! Viel Wasser ist seither die Elbe hinabgeflossen. 2002 war ich zurück - auf Sohlen aus Japan.
 
.:: DIE STRECKE ::.
Der Marathon verläuft auf Deutschlands reizvollstem Fernradweg: dem Elberadweg. Und er beginnt auf dessem schönsten Stück: dem zum Teil zweihundertfünfzig Meter tiefen Sandsteintal der Sächsischen Schweiz. Vom Städtchen Königstein geht es immer am schimmernden Band der Elbe entlang vorbei an den Schluchten und Tälern, Hochflächen und steil aufragenden Sandsteinpfeilern der Sächsischen Schweiz. Zur Hälfte bekommt man es mit dem rauhen Pflaster von Pirna zu tun. Nach einer Runde durch die Pirnaer Altstadt führt der Weg zurück auf den Elberadweg. Durch die sanften Auen um Heidenau und vorbei am Dresdner Elbhang mit seinen Villen und Schlössern wird die Landeshauptstadt erreicht. Über die Elbwiesen gelangen die Läufer in den Kessel von „Elbflorenz“ und zum Ziel auf der traditionsreichen Kampfbahn im Ostragehege. Zu Beginn müssen ein paar kleinere Wellen überwunden werden, die nicht zu unterschätzen sind. Danach geht es aber fast dreißig Kilometer flach dahin. Der Marathon an der Oberelbe ist keiner der Schnellen im Lande, aber an Schönheit ist er kaum zu überbieten. Streckenrekordler war Stanislaw Cembrzynski-Polen mit 2:28:20 Stunden aus dem Vorjahr.
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Zum ersten Mal wollte ich bei zwei Marathons hintereinander antreten: zuerst bei dem an der OBERELBE; und 16 Tage später in MAINZ. Die Vorbereitung begann im Februar. Aber nicht die Laufstrecke, nein, Termine und Untersuchungen bei Medizinern prägten den Einstieg. Das Herz wollte nicht mehr im alten Takt schlagen. Untersuchungen bei Pontius und Pilatus, auch eine ausführliche kardiologische, blieben ohne Befund. Organisch war alles tipptopp. Mit einem Antibiotikum versuchten die Doktoren den Puls wieder ins Lot zu bringen. Die Nebenwirkungen waren größer als der Nutzen. Nach drei Wochen war der Marathon in schier unerreichbare Ferne gerückt. Zwei Monate vorm Kampf schlug das Herz wieder ruhig, doch nun lag die Moral am Boden: Ich sah keinen Sinn im Marathonlauf. Der Reiz des Besonderen war verpufft, das Laufen zum stumpfsinnigen Kilometerbimsen in der immergleichen Gegend verkommen. Ich bewegte mich wie in Trance und verfiel in Gehpausen. Zudem schlauchte der Arbeitsplatz mit Umzügen und Umgruppierungen. Entspanntes Laufen war überhaupt nicht mehr möglich. Das Frühlingserwachen setzte vorübergehend neue Kraft frei. Doch im Grunde war ich abgestumpft. Mitverantwortlich fürs Durchhalten war meine Freundin. Peanut hatte mich bedingungslos unterstützt, und mich auf den langen Kanten bei Wind und Wetter, bei Staub, bei Regen und bei Sturm mit dem Rad eskortiet. Mir wurde wieder mal klar, wieviel Glück zum Start bei einem Marathon gehört; wie schnell alles ins Wanken gerät, wenn auch nur ein Rädchen aus dem fragilen Konstrukt rausbricht... Eingangs der Marathonwoche habe ich die nach dem Schweden Saltin benannte Fett-Eiweiß-Diät gemacht. Absicht dieser Übung ist, die Energiereserven zu optimieren. Durch einen dreitägigen Verzicht auf Kohlenhydrate werden die in Muskeln und Leber befindlichen Glykogenspeicher erst entleert und mit einer anschließenden Kohlenhydratmast überhöht aufgefüllt. Für den Kopf ist das so eine Sache, weil die Energie so kurz vorm Marathon völlig schwindet.
 
 
Die Wochenübersicht vom 8. Februar bis 4. Mai:
 
01. Wo.: 038 km
02. Wo.: 052 km
03. Wo.: 078 km
04. Wo.: 082 km
05. Wo.: 090 km
06. Wo.: 100 km
07. Wo.: 099 km
08. Wo.: 110 km
09. Wo.: 115 km
10. Wo.: 110 km
11. Wo.:
085 km
12. Wo.:
076 km
Gesamt: 1035 km
 
.:: DAS RENNEN ::.
 
5. KÖNIGSTEIN-DRESDEN-MARATHON, 4. Mai 2002
Mittwoch, 1. Mai
 
Heute fühlte ich mit Peanut nach langer Zeit wieder Heimatboden unterm Fuß: Wir betraten Dresden! Unser Gastgeber für die kommenden achtzehn Tage war der Urheber und Macher der ersten vier Marathons an der Elbe persönlich: Werner Klawun. Klawun war früher Radrennfahrer bei Lok Dresden und später in den Achtzigern mit einer Bestzeit von 2:42 Stunden (Berlin) selber ein ausgezeichneter Langstreckenläufer. Es fanden sich also durchaus Parallelen... Werner hatte uns sein Gartenhaus vermietet. Wir waren herrlich untergebracht, im stillen und schattigen Lockwitzgrund, direkt am Lockwitzbach. Ein schmaler Holzsteg führte zu einem bewaldeten Talhang. Seine Freundin Uschi kümmerte sich ganz rührend um uns. Das Häuschen hatten wir ganz für uns allein. Mit dem guten Vorzeichen, daß zwei vorherige Bewohner immer auch am Ende den Marathon gewannen: 1999 war es Jewgeni Dombrowski aus Rußland, 2000 der Pole Marek Szatan.
 
Donnerstag, 2. Mai
 
Ein neuer Tag in Dresden. Keine Anstrengungen, nur Massage und entspannen - den Ruhetag habe ich sehr genossen.
 
Freitag, 3. Mai
 
Die Anmeldeformalitäten im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung im World Trade Center Dresden waren erst am Tag vorm Wettkampf möglich. Neben einer kleinen Messe fand auch die obligatorische Nudelfete im Lichthof des Gebäudes statt. Das Ganze in gemütlicher Umgebung mit Himmelsblick durchs kathedralenhohe Glasdach, inmitten von Kaufvolk, und bei einem erschwinglichen Organisationsbeitrag von 20 Euro für die Startnummer. Aus Sicht des Sportlers war diese Aktion nur wenige Stunden vorm Rennen allerdings weniger günstig. Der Tag verging. In der Abendbrise stand noch ein Waldlauf mit Werner hinauf zur Burgstädtler Linde am südlichen Stadtrand auf dem Programm. Auch der hatte es noch mal in sich...
 
Sonnabend, 4. Mai
 
Es war noch dunkel, als ich erwachte. Heute galt´s. Guten Morgen, MARATHON. Guten Morgen, Kaffee. Guten Morgen, Nudeln mit Tomatensauce... Die letzte Verrichtung funktionierte nicht wie gewünscht. Damit schleppte ich etwas Überflüssiges durch den Tag. Mit dem ersten Hahnenschrei brachen wir in Werners Auto auf. Am Bahnhof Mitte wurde das Fahrzeug abgestellt. Von dort ging es mit der Eisenbahn in Richtung Schöna weiter. Um neun war das unter einem diesig-dunstigen Morgenschleier liegende Felsenmeer der Sächsischen Schweiz erreicht. Milde Temperaturen und nur leichter Wind versprachen günstige Bedingungen. Vollkommen gelassen gingen auch die letzten Präparationen auf der Wiese unterhalb vom Bahnhof Königstein vonstatten. Dann konnte es losgehen mit meinem ersten Marathon in der Heimat...
Bilderstreifen © Vitus
Nach einer knappen Ansprache schoß Regierungspräsident Hasenpflug 460 Marathonläufer ins Rennen. Aus Vorsicht vor geschlossenen Schranken erfolgte der START genau berechnet um 9 Uhr 35. Im Blick voraus thronte die mittelalterliche Festung Königstein, rechts im Rücken verschwand der Monolith Lilienstein in der „Dämmse“ (Dunst). Werner und Peanut gaben mir vom Fahrrad aus Geleitschutz. Im Mittelfeld gestartet, gingen mir gleich zwanzig Sekunden flöten. Denn Oberelbe, das hieß auch im neuen Jahrtausend Handzeitnahme! Das mittelaterliche Kopfsteinpflaster des ersten Kilometers rüttelte die letzte Müdigkeit aus dem Leib. Es war kein Pflaster, wie viele es kennen, sondern kantiger, gröber, mit größeren Abständen. Ruckzuck war das Feld komplett zersprenkelt. Ich hielt mich an die waldmeistergrünen Trikots von „Linde 79“. Jene hatten mit Karl-Heinz Leiteritz einen früheren Weltklasseläufer in ihren Reihen, schienen also gut organisiert zu sein. Unter einer milden Brise ging es in den Wald der Niederen Kirchleite. Eine sanfte Steigung von fünfhundert Metern und ein kurzer Anstieg bis zur Fünfzigseelen-Gemeinde Strand türmten kleinere Schwierigkeiten und Hindernisse auf, und am Dorfausgang stand ein schon nicht mehr ganz so leichter Knüttel im Wege. Im Großen Elbbogen wurde die Eisenbahnstrecke Tetschen-Dresden überquert. Darauf folgte in Höhe der „Kleinen Bastei“ die erste Kontrollstelle. „Vierundzwanzig Minuten“. Oh, nein: Mit dem Zuruf des Streckenpostens hatte ich auf den ersten fünf Kilometern drei Minuten verloren. Damit war der Traum vom Marathon unter drei Stunden früh zerplatzt. Im entzückenden Rathen wurden die Bahnstrecke ein zweites Mal gekreuzt. Das anschließende Biest nach Oberrathen machte aus der Strecke endgültig keine Schnelle. Unterdes öffnete sich rechts das Gemälde aus wuchtigen Sandsteinbergen, senkrechten Felswänden, verwitterten Klüften, waldreichen Schluchten und verwunschenen Türmen. Vorbei ging es an der Burg Altrathen, am Aussichtspunkt Bastei, der in kribbeliger Höhe schwebenden Basteibrücke, den schwindelerregenden „Weißen Brüchen“ mit ihren steil abfallenden Wänden, und an mystisch überhöhten Felsen mit sagenhaften Namen wie „Mönch“, „Talwächter“ und „Schwarzer Berg“. Eingebettet vom schwarzgoldenen Sandstein und dem grünen Laubdach im Tal der Elbe lag die Marathonstrecke. Milde Wallawalla-Wellen entschleunigten die Zeit weiter. Dafür schenkte die Natur würzige Luft und eine nur von säuselnden Blättern und laut rufenden Vögeln durchbrochene Stille. Himmlisch war es dort draußen! Ich atmete ruhig und frei. Am zehnten Kilometer war der Wehlener Ortsteil Pötzscha erreicht, verbunden nur über eine Fähre mit der Kerngemeinde.
Nach dem Knüttel am Ortseingang wurde es allmählich eben. Niedliche, windschiefe Häuschen säumten die nächsten Kilometer. Ihre Bewohner hatten liebevolle Wasserstellen aufgebaut. Dazu bekam ich Eigenverpflegung. Im Krieg ließ Pervitin Soldaten stundenlang marschieren, im Radsport der Siebziger tat man sich Haferschleim oder Tee und Zucker in die Pulle - heute hieß das Elixier „Carboloader“. Werner und Peanut versorgten mich abwechselnd mit in Wasser verquirltem Glucosepulver „High5“ aus England. Hinter der Ortstafel Pirna-Obervogelgesang schlängelte sich die Route unterm Eisenbahndamm hindurch, und Niedervogelgesang folgte. Das Feld war nun völlig in kleine Gruppen zerstückelt. Ich lief in einem Quintett mit der gehörig Betrieb machenden und später Drittplatzierten Marx aus Dresden. Am 18. Kilometer lud Pirna zu einem Ritt durch robuste Kopfsteinpflastergassen. Die alte Stadt schnallte nicht so recht, daß heute vor seinen Augen ein Wettkampf ablief: ein Marathon! Es war Sonnabend und ich mußte wachsam sein, in den Ladengassen nicht mit schußeligen Omis auf Einkaufsbummel zusammenzurasseln. Nach dem Knöchelbrecher-Sektor führte der Weg zurück ans Wasser. Die Steinbrücke, die Pirna mit Copitz verbindet, wurde unterquert, es ging über das Flüßchen Gottleuba und unter der mächtigen Sachsenbrücke hindurch. Ab hier taten die Muskeln richtig weh.
Zwischen Kilometer 21 und 22 wurde die nach Böhmen führende Landstraße 172 benutzt. Die Halbmarathon-Läufer griffen ins Geschehen ein. Danach ging es wieder auf den Radweg und in die Elbauen. Überall kreuchte und fleuchte es, und fast lautlos glitt der Fluß dahin. Zwei Flutrinnen brachen den Rhythmus etwas. Verlassene Heidenauer Industrieruinen blieben links zurück. - Sprung zurück ins Vorjahr, damals bei zwei Grad und Regen... Der Marathon war im vollen Gange, als jemand bemerkte, daß in Heidenau die Streckensicherung fehlte. Heidenau war als Ersatz für eine nicht genehmigte Runde durch Pirna gedacht. Schnell mußte eine Lösung her. Man entschied, Heidenau auszusparen und direkt vorm Ziel durch eine Runde im Dresdner Ostragehege zu ersetzen - wofür aber kein Absperrmaterial mehr aufgetrieben werden konnte. Letztlich hielten die fehlenden 1650 Meter als Ausgleich für die Gegenwindstrapazen her. Beileibe nicht das einzige Kuriosum - denkt man an die zur gleichen Zeit und auf teils identischen Streckenabschnitten (!) mit dem Dresden-Marathon ausgetragene Premiere 1998............ Zurück in die Gegenwart: Die rötlich scheinende Müglitz wurde überquert. Und eine weite, baumgesäumte Pferdekoppel mit einer Brise Wind schloß sich an. Radrennfahrer kamen mir entgegen. Dynamo Dresden-Nord hieß der Klub mal. Heute Dresdner SC - die Wachablösung. Ein Schrat mit Stirnband, Struppelhaar und langem Bart benutzte zum Austreten einen der fahrbaren Donnerbalken am Rand. Ordnungsgemäß und merkwürdig. Am 26. Kilometer lag Dresdens Osten vor mir. Die Gemeinde Zschieren öffnete das Tor zur Heimatstadt, auf deren Straßen ich nun Marathon lief. Jede Berührung mit ihnen ein Kuß! Versteckt hinter der verwilderten Pillnitzer Elbinsel rückten das anmutige Schloß und die Pillnitzer Weinberge ins Bild. Ab hier mußte ich allein laufen, weit und breit niemand in Sicht. Oh, wie gern hätte ich mich in eine der Schänken an der Elbe verkrümelt. Doch voraus warteten meine Begleitfahrer... Im grünen, beschaulichen und betuchten Kleinzschachwitz folgte der 30. Kilometer. Es ging wieder über Katzenköpfe, und ein nicht verheilter Schmerz in meinem Fuß muckte stumpf auf. Irgendwie ins Ziel schleppen war nun das Motto. Von der Hosterwitzer Seite lugte das Schifferkirchlein Maria am Wasser rüber.
Die eigene Vergangenheit verfolgte mich jetzt an jeder Flußbiegung. Etwa am früheren Tanzlokal „Volkshaus Laubegast“. Hier sorgten in den Siebzigern Lichtorgeln, Westmusik und heiße Ärsche für eine erregte Ostjugend. Manche verloren ihre Unschuld. Die Riesennadel des Fernsehturms Wachwitz schaute zu. Nach Tolkewitz grüßten rechts die Hänge von Loschwitz. Auf der endlosen Treppe „Plattleite“ hinauf zur Villenkolonie Weißer Hirsch wurden wir als Radsportler bis aufs Blut gestriezt. Hinter der verfallenden Ruderhochburg vom SC Einheit und der Wirtschaft „Schillergarten“ wurde am Kilometer 35 die Brücke unterquert, vor der ich immer etwas Furcht hatte. Jede Fahrt über das Eisengerippe „Blaues Wunder“ vom Dresdner Süden in den Norden glich einem kleinen Abschied. Eingeleitet vom Leinpfad begann nun der schmerzvolle Weg zur Altstadt. Das Gelände wurde offen. Links salutierten die Jahrhundertwendevillen von Blasewitz, rechts die drei Elbschlösser und Wasserwerk Saloppe, voraus schweifte der Blick über die Prinzenaue und die Vogelwiese. Sattgrün glänzten die hohen Halme im Licht dieses Maitags. Im Gegenwind ging mir endgültig die Kraft aus, und Werner wäre fast von einem „Dunsel“ (Trantüte) im Gegenverkehr umgeradelt worden. Nur weiter. Vorwärts, vorwärts, vorwärts! Am Kilometer 38,5 wartete die Sommerwirtschaft im Johannstädter Fährgarten mit einer ganz speziellen Überraschung. Zur „Mobilisierung der letzten Kräfte“ wurde - die handelnden Personen hatten es angekündigt und Wort gehalten - B i e r gereicht! Ich verzichtete und goß mir Wasser über die Beine. Mit der Carolabrücke (Kilometer 40) war das einmalige Kunstwerk um die Brühlsche Terrasse mit den Kasematten, dem Albertinum, der Sekundogenitur, dem Schloß und der Kathedrale erreicht. All die Bauten und Gemäuer des Barock - gemacht aus dem Sandstein vierzig Kilometer im Süden....
Der Mai ist auch immer der Monat des Dixieland-Festivals. Das Altstadtufer war mit Trompete, Bass und Klavier berieselt, und ich lief durch ein Spalier aus durstigen Seelen, die sich zwischen Bier- und Freßbuden drängelten. Welch ein Szenario. Noch ein Buckel hoch zur Augustusbrücke... vorbei an Italienischem Dörfchen, Semperoper und Landtag... noch ein paar hundert Meter über das Kopfsteinpflaster der Friedrichstadt (auch das könnte Geschichten erzählen)... und rein durchs Marathontor auf die Kampfbahn des Dresdner SC. Nostalgie schwang auch bei der Zielankunft mit. Das Stadion im Ostragehege wurde 1919 eingeweiht und zählt damit zu den Kultstätten im deutschen Sport. 65 000 haben hier mal Platz gefunden. So viele waren es 1935 beim Länderspiel gegen die Tschechoslowakei. Eine Runde auf der heiligen Ellipse und die Würdigung durch den Sprecher krönten den Marathon. Nebensächlich meine Zeit im ZIEL von 3:25:13 Stunden: handgestoppt und durch Abreißen und Aufspießen eines Startnummernfelds bestätigt.
 
Keine Offenbarung war die Siegerzeit. Für 2:39 Stunden erhielt der aus Posen kommende Swietek 500 Euro Preisgeld. Wenig schmeichelhaft auch die 3:04 Stunden des einstigen DDR-Spitzenmannes Leiteritz, der den Marathon früher in 2:19 Std. lief. Gerade mal 13 knackten die magischen drei Stunden. Doch jeder, der nach den zweiundvierzig Kilometern über die Linie stürmte, lief oder taumelte, war Sieger über eine große Schinderei namens Marathon! - Einen aufmunternden Schulterklapps gab´s vom Technischen Leiter Uwe Sonntag persönlich. Immerhin kommt man nicht alle Tage unter die ersten Achtzig eines Marathons. Und ein Wiedersehen. Ein überraschendes. Mit emotionaler Bedeutung. Nach langer Zeit traf ich meinen ehemaligen Klubchef Heinz Kunath wieder, der im Ziel eine Würstchenbude betrieb. Wir hatten uns zwanzig Jahre nicht gesehen, aber es war sofort wie in alten Zeiten. Die Zeit war viel zu kurz. Ich vertilgte eine Bockwurst, stürzte zwei Schwarzbierchen und verließ das Ostragehege - nicht auf flinken Schlauchreifen, sondern in den Sänften Asics Gel Kayano VII, und zusammen mit Peanut und Werner sowie einer Marathonmedaille.
 
 
FAZIT
 
Strecke: Allein diese Landschaften! Erst der natürliche Charme aus wildromantischen Felsen und steilwandigen Schluchten. Dann breite, nur dünnbesiedelte Hochflächen mit totaler Stille. Und zum Schluß die malerische Atmosphäre einer Stadt von höchster Schönheit. Dazu immer die gemütliche und gelassene Ausstrahlung der „Kaffeesachsen“ und der Lokalkolorit von Dynamoland. Für mich persönlich kamen auch noch die Erinnerungen an die Zeit als Radrennfahrer in der DDR dazu. Großartiger konnte die Wirkung nicht sein.
 
Salutionen und Dankesworte
Pension Klawun
Laufsportverein Dresden
Meine beiden Edelhelfer, die den Lauf zu etwas Unvergleichbarem machten
Der Kampf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
NOT AN DER ELBE
 
Vierzehn Wochen nach dem Marathon verwandelte das Hochwasser vom August 2002 die Gegend an der Elbe in eine postapokalyptische Landschaft. Alles entlang der Rennstrecke versank im Wasser, wurde schwer beschädigt oder von der Sintflut zerstört und weggeschwemmt. Der Elberadweg in Pirna wurde ebenso Opfer, wie die beiden Brücken in der Müglitz-Mündung in Heidenau. Zerstört wurde in Heidenau auch die in den Zwanzigerjahren errichtete Radrennbahn. Unser Marathonquartier im Lockwitzgrund wurde vom Lockwitzbach anderthalb Meter unter Wasser gesetzt. Im leicht erhöhten Haupthaus von Klawuns stand der Waldbach hüfthoch im Souterrain.
 
 

Kampfläufer Vitus im Mai/August 2002
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: bedeckt, 15ºC, leichte bis mäßige Brise aus West (Gegenwind)
 
Gesamtteilnehmer
(Marathon, Halbmarathon, 1/4 Marathon, 3,8 km)
Gemeldet:
1029
Am Start: 934 (M: 754 / W: 180)
Im Ziel: 864 (M: 698 / W: 166)
 
Marathonläufer
Am Start:
592
Im Ziel: 447 (M: 407 / W: 40)
 
Männer
1. Andrzej Swietek (Widziszewo, Polen) 2:39:36
2. Steffen Lorke-Philipp (Radeberg) 2:44:06
3. Gerald Just (Memmingen) 2:44:59
4. Volker Götz (Wietzendorf) 2:50:20
5. Matthias Danyi (Potsdam) 2:51:16
6. Uwe Hänsch (Löbau) 2:53:50
 
Frauen
1. Tanja Semjonowa (Leipzig/Ukraine) 3:00:58
2. Christin Marx (Dresden) 3:06:15
3. Heike Grob (Flieden) 3:21:35
4. Almuth Grüber (Schliesheim) 3:24:59
5. Karin Heinz (Bayreuth) 3:35:12
6. Birgit Tonat (Apolda) 3:40:42
 
Kampfläufer Vitus
Startnummer: 4410
Nation: Deutschland
Zeit: 3:25:13
Platz:
76 von 407 bei den Männern
Platz:
20 in Klasse M40
 
Ergebnisse
Baer-Service