MIRROR OF DECEPTION, ABANDONED
D-Frankfurt am Main, The Cave - 1. Oktober 2003
Wenn die Tage kürzer werden, die Temperaturen sinken, und Blätter fallen, ist Herbsterwachen: Zeit für Doom! Nach einem Jahr Anlauf durften Stuttgarts Mirror of Deception endlich in Frankfurt auftreten. Der Termin fiel in die heiße Vorbereitungsphase auf den Frankfurt-Marathon, obendrein hatte Fieber mich niedergestreckt. Doch Mirror zu versäumen wäre unverzeihlich gewesen. Marathon oder Doom? Zwischen Geist und Seele hatte ich Mirrors 'Conversion' in die Anlage geschoben. Spur eins, „Distant“, war mit gezügelten Gefühlen gerade noch erträglich. Doch schon bei „Entgleiten“ stiegen mir die Tränen in die Augen... Um neun schlugen Peanut und ich im „Cave“ ein. Die Schwaben waren schon da. Jochen Fopp trafen wir zuerst. Er plagte sich mit einer Bronchitis rum, biß aber auf die Zähne. An der Bar lehnte - gewohnt offenherzig - Frontmann Siffi. Alles wie immer, als wäre die Zeit vor acht Monaten (Doom Shall Rise - wir erinnern uns...) einfach stehengeblieben. Aber das ist sie nicht! Mit dem dreizehnten Bandjahr kam es im August zum Umbruch: „Kloidl“ Schmidt stieg als Bassist aus, der junge Andreas Taller übernahm die Rolle. Jochen Müller trat für Gunnar Drescher als neuer Schlagzeuger an. Speziell zwischen Taller und mir flogen umweigerlich die Funken. Vielleicht wegen instrumentalen Vorlieben (auch ich hatte es mal mit dem Viersaiter versucht), vielleicht auch weil uns ein Faible für die Radrennerei eint... Andi war zudem unglaublich stolz, nun selbst ein Teil der lange von ihm Vergötterten zu sein, das hat er mehrmals beteuert. Neben Ex-Rock-Hard-Kolumnist Müller waren weitere fünfzig erschienen: eine Hälfte Thrasher, die andere Doomer.
21.50 Uhr ging´s los. Thrasher ebneten den Weg. ABANDONED. Kannte ich nicht. Vier Männer aus der Generation des Bay Area Thrash. Kalli, Holg, Günt und Konny. Lulatsche mit sehr langen Haaren, die noch immer auf den Speed und Thrash von vor zwanzig Jahren stehen. Auf Slayers 'Show No Mercy' und 'Hell Awaits'. Oder Metallicas 'Kill ´em All' und 'Ride The Lightning'. Auf jenen Metal, der mit den frühen Neunzigern starb. Abandoned standen für schrubbende Gitarren und rasende Snares galore. Auch ich bin damals auf Thrash abgefahren - bis der Karren im Dreck steckte und keiner ihn wieder flottmachte. Doch Abandoned bolzen sich immer noch unverdrossen durch den Untergrund. Mit vielsagenden Nummern wie „Demonic Invocation“, „Haunted House“, „Misanthrope“ und „Thousand Sorrows“. Fast war es wie früher. Wären da nicht die Kalauer im feisten Südhessisch gewesen. Seit 18 Jahren verplempere ich meine Zeit in Frankfurt - gehesselten Humor habe ich aber nie kapiert (und werde es auch nie). Lokalkoloritiges wie „Jetzt kommt der Birnenabschraubsong“ (für „Sands of Time“) oder „Es gibt Bolognese, Schnitzel oder Bratfett from Hell“ (für „We Are Hell“) fand ich arm. Leider trat man auch den Doom in den Dreck: Die Zugabe widmeten Abandoned dem Feind des Thrash durch ein unsägliches Volkslied namens „Doom Medley“. Und sie durften sogar nachlegen! Auch Bonus Nummer zwei, „At the Gates of Hell“, erlebte ich selbstkasteit auf Gänsewein. Rein von der Performanz waren Abandoned einwandfrei, ihre windmühlengleich fliegenden Mähnen suchten ihresgleichen. Wären nur nicht diese Einlassungen gewesen. Mirror nahmen´s locker und sahen die Thrasher als „erfrischende Abwechslung“ zum kürzlichen „Dutch Doom Day“ in Rotterdam. Nach fünfzig Minuten machten die Thrasher den Weg frei.
Schwer in Worte zu fassen, was nun kam. Doom-Musik ist das Höchste überhaupt. Und heute waren Deutschlands höchste Figuren gekommen! Um elf wurde verdunkelt. MIRROR OF DECEPTION stiegen mit „Leaves“ ein. Die Gefühle stürmten nur so und ließen mich sofort in den Veitstanz fallen. „Entgleiten“ folgte. Eine kleine Liebe... Jetzt nur nicht wieder heulen! Das Deutsche ist es, das dieses poetische Stück zur Einzigartigkeit erhebt. Vielleicht sollten Mirror nur noch deutsche Lieder machen! Ungewohnt wild erhob sich darauf das „Asylum“. Schwierigkeiten mit der Abstimmung waren rasch behoben und das tiefe Doom-Tempo gleich wieder aufgenommen. Siffi verschwand klagend und kehlkopfbebend im Mikro und Foppi ließ den Sechsaiter bittersüß sirren. Eine klassische Metalgitarre ist es eigentlich nicht, die er spielt. Es sind andere, zuweilen volkstümliche Elemente, die den unverkennbar schwebenden Mirrorsound ausmachen. Zu den „Neuen“. Seit zwei Monaten sollen sie dabei sein. Sie passten auf Anhieb. Trommler Müller wirkte bis zum Äußersten konzentriert und war völlig elektrisierend. Taller wiederum schien wie ein aus der Zeit gefallener Hippie, und er riß die Trossen in stoischer Gelassenheit, als wär das sein zigster Auftritt mit den Helden! Das zweite Deutsche folgte, eine weitere persönliche Gefühlswallung: „Weiss“. „Weiss“ war wohl Baumis Lieblingslied. „Entgleiten“ hat ihm in meinen Augen das Zepter entnommen. Trotzdem lebt „Weiss“ von der Widersprüchlichkeit von Schönheit und Schmerz. Keine Spur leichter flossen das beklemmende „Distant“ und die Sinnsuche zwischen Illusion und Ungewissheit, „Be Kept in Suspense“, aus den Speakern. Mirror hatten die Psychedelika „Float“ ins Programm genommen. Ansichtssache. „Float“ ist das mich am wenigsten Fesselnde, Siffi kündete es als „Schmuselied“ an, doch Taller wirbelte besessen die Mähne. „Float“ riß mich für Augenblicke aus dem Diesseits - und „Mirrorsoil“ zog mich umso tiefer wieder hinein. Noch so ein Alptraum. Jetzt wiederum war es Fopp, der wie besessen headbangte. Vielleicht verlor er bei „Mirrorsoil“ seine Kontaktlinse, denn er mußte eine lange Strecke fast blind durchstehen. „Mirrorsoil“ ließ mich nah dem Wahnsinn sein. „Conversion“ folgte. Ein pechschwarzer Doomer, der für Doomverhältnisse geradezu ein Wirbelsprenger ist. Zur Mitternacht wurde es esoterisch. Mit „Vanished“. Jenem Stück über Menschen, deren Wege sich trennen, die sich aus den Augen verlieren, wiederfinden, oder vielleicht schon tot sind. Ohne Verlängerung durften die Schwaben nicht gehen. Die zerbrochene Liebe „Veil of Lead“ war es, die zehn Minuten nach Mitternacht den Auftritt von Mirror of Deception beschloß. Was soll ich sagen? Kaum eine andere Gruppe vermag es, aus schwelgerischer Melancholie und herzzerreißender Wehmut solch´ edle Klänge zu zeugen. Es war einfach superschön!
 
Die nachfolgenden DJs Sub-Kultur.net sorgten mit ihrer Musikauswahl für ein Novum in Frankfurts Klubszene. Nicht Indie, nicht Elektro oder Wave - Doom rotierte nun auf den Plattentellern! Saint Vitus, Cathedral und Konsorten erschwerten den Abzug enorm. Herr Tallert machte zum Abschied einen segnenden Diener vor meiner Flamme, und Foppi dankte: „Ohne euch wäre der Gig nur die Hälfte wert gewesen.“ Mirror schenkten uns ein Licht und gaben mir Kraft für den nahen Marathonlauf. Die Nacht ging als Sternenstunde in unsere Erinnerungen ein!
 
 

Text: Heiliger Vitus, 3. Oktober 2003; Bilder: Vitus und Sub-Kultur.net (Publikum)