MR BISON
D-Frankfurt am Main, Dreikönigskeller - 27. Januar 2019
„Nicht mit mir!“: So könnte „Dribbdebach“s Antwort auf „Hibbdebach“s Frage nach architektonischer Gleichschaltung lauten. Denn während einen das Nordufer Frankfurts - vom Volksmund „Hibb de Bach“ (hüben vom Bach) genannt - mit einer himmelhohen Wand aus futuristisch-dadaistischem Beton zerquetscht, ist im Süden (drüben vom Bach) die Zeit stehengeblieben. Zumindest im baulichen Sinne. Und auch nur dank dieses Baches namens Main, der - eingepresst in eine Rinne aus Stein - die Gassen von Sachsenhausen vor Wolkenkratzern und einem Disneyland wie der „Neuen Frankfurter Altstadt“ schützt. Eines der letzten Refugien aus der verschwundenen Zeit ist im Hof der Färberstraße 71. Würden die Türme im Norden kippen, würden sie es zerschmettern. Der Dreikönigskeller ist klein und puffrig und heute roch er auch noch ziemlich übel. Hinterm Tresen fläzte ein höchst skurriler Knilch, dem ein behaarter Hintern aus der Hose quoll, der aus einem Kühlschrank Malzhaltige aus Bayreuth und dem Allgäu zog (auf Wunsch aus allerlei verstaubtem Schnaps auch erlesenen Bourbon), und der ganz nebenbei unter einer kleinen Taschenlampe seine Buchhaltung machte. Also doch ein Laden mit einem Hauch Hedonismus! Veranstalter Kostis alias Sky High hatte mit seinem Komplizen DJ Konrad nach langer Funkstille wieder mal was von Wert nach Frankfurt geholt. Mr Bison paßten zum Klub wie Faust aufs Gretchen. Nur achtzehn Menschen interessierten sich allerdings für sie, darunter unsere alte Bekannte Alina Love...
MR BISON stammten aus Cecina in der Toskana. Anstelle von Anzügen, Smartphones und Tablets trugen sie Kappen, Bärte und Tattoos; sie waren komplett unorganisiert, konnten nur paar Worte Englisch; doch das Wichtigste: Barsacchi, Sciocchetto und D´Ignazi spielten Rock´n´Roll! Genauer gesagt: staubtrockenen Heavy Psych. So als hätten sich Fu Manchu, Orange Goblin und Karma To Burn verbündet. Aber natürlich erst nachdem sie in Stimmung waren... mit gebührender Verspätung in der zehnten Stunde... Was folgte, waren siebzig hautenge Minuten mit drei kauzigen Italienern, von denen ich mir nur etwas mehr dunkle Wucht erhofft hatte. Neben dem Kuriosum, daß alle Matteo hießen (von denen allerdings nur Barsacchi von Anbeginn dabei war), kamen Mr Bison auch in Sachen Instrumentierung minimalistisch daher. Sie hatten keinen Bass, nur das Schlagzeug und ihre Gitarren. Von denen aber gleich mehrere Fender Telecaster, Stratocaster und Gibson SG, die sie - wie den Gesang - mehrmals wechselten. Obendrein zierte eine Batterie Verzerrerpedale den Boden. Neben fünf psychedelischen Shirts boten Mr Bison nicht nur ihre drei Alben zu je einem Zehner an, sie rockten sie auch live kreuz und quer durch. Natürlich mit dem Augenmerk auf 'Holy Oak'. Welch ein mystischer Titel. Aber wie erwähnt und befürchtet: In einem starr rot ausgeleuchteten Keller von fünfzig Quadratmetern konnte sich kein Klang entfalten. Die Gitarren schnaubten zu hell, die Trommeln bumsten zu hart, und schönere Stimmen hat diese Welt auch schon gehört. Die Faszination dieses Konzis ging von der Umgebung aus, die von unserer Zeit abgehängt und menschlich zugleich war - inmitten eines gruseligen Molochs, im Angesicht einer himmelkratzenden Mauer aus Beton, Glas und Neongelichter. Solider Untergrundstoff war´s allemal. Das Leben eben. Drei Nächte später waren Mr Bison im „Ostpol“ Dresden.
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 29. Januar 2019
.:: ABSPIELLISTE MR. BISON ::.
(21.35-22.45)
 
1. Grace
2. The Wave
3. Earth Breath
4. Sacred Deal
5. Heavy Rain
6. Holy Oak
7. Hangover
8. Today
9. Wait
10. The Bark
11. Beyond the Edge
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12. Black Crow
13. Thin Line
14. Wake Up