NAPALM DEATH, THE GREAT DECEIVER, SOUL DEMISE
D-Frankfurt am Main, Batschkapp - 4. Dezember 2002
Der Death Metal ist tot - es lebe der Deathmetal! An jenem frostigen Wintertag gab´s in Frankfurt-Eschersheim eine Reinkarnation - in Gestalt von SOUL DEMISE. Über die einstigen Inhuman wußte ich nichts. Fünf Oberpfälzer, die Haare bis zum Arsch, jagten pure Aggressionen durch die Speaker der „Batschkapp“ und schickten Frankfurt auf eine Reise ein Dutzend Jahre zurück. „Negativ“ hieß das einstige Helldorado der Stadt am Main. Der Klub starb und mit ihm der Death Metal Underground. Aber heute gab´s ja die fünf Jungen aus Franken. Und die schissen auf ihr Land Bavaria, groovten wie Unleashed, deathten wie Morbid Angel und grindeten wie Carcass. Mastermind Zimmerhackel grunzte und krächzte wie Barney Greenway und ein gewisser Mille in einer Person, das Klampfengeschwader ließ die Saiten rasend surren, dazu dumpfes Poltern aus dem Hintergrund. Oben im Rampenlicht spielten Muskeln, wurde Metal gearbeitet und gelebt! Die Fahne des Todesmetall, sie knatterte wieder. Laut. Verdammt laut! Blieb nur die Flucht nach vorn. Und so stand ich im Bataillon der halben Tausendschaft zu kruden Speedrumplern wie „Obedience to Authority“ schädelkreisend im ersten Sturm. Frankfurts letzte langhaarige Krieger gaben sich die Ehre zur Leidenschaft in Höllenschwarz von Soul Demise. Es hätte nicht enden sollen, es war einfach geil. Eine geniale Version von Obituarys „Slowly We Rot“ setzte dem rohen Ritt den Dornenkranz auf. Eigentlich hätte ich nach SD gehen können. Aber die Batschkapp hatte die Losung ausgegeben: „Only for the headstrong - Wer als Erster rausgeht, hat verloren.“ - - Ich zog mich zurück zur Bar. Das Soul-Demise-Langeisen 'Beyond Human Perception' ist von vorne bis hinten ein Muß für jeden Deather!
 
Es folgten die Schweden THE GREAT DECEIVER. Auch die waren ein unbeschriebenes Blatt für mich. Schweden war mal die führende Nation im Todesblei. Außer den Viking-Deathern Unleashed ist vom alten Ruhm nicht viel geblieben. TGD sind der Asche der Extrem-Deather At The Gates endstiegen - haben mit jenen aber nicht viel gemein. Entpuppte sich der Trupp um Tomas Lindberg doch als Bastard aus finsterem Hardcore und griffigem Death wie ihn Morgoth zur 'Odium'-Phase machten. Fünf biedere Gestalten mit lammfrommen Frisuren stellten ihr Album 'A Venom Well Designed' vor - ein amerikanisiertes Machwerk, daß mich leider vollkommen kaltließ. Ich muß immer wieder staunen, welch´ schwache Gruppen in der „Kapp“ auftreten dürfen. Wogegen der Doom total mißachtet wird. - - Der Umbau zog sich wie Teer........
Um 22.45 Uhr erstürmten die Urheber des Grindcore die Planken. War es mein sechstes NAPALM DEATH-Konzert? Oder schon das achte? Egal: Entsetzt mußte ich feststellen, daß am englisch-amerikanischen Verband kräftig der Zahn der Zeit dran war. Zwar trug Shane Embury noch immer die Struwwelpeterfrisur wie vor 15 Jahren; Mitch Harris´ arschlange Loden sind nur etwas lichter geworden. Doch was war los mit Mister Greenway? Sein Blondschopf war zu einem Fasonschnitt entstellt. An Jesse Pintados knielangem Haar wiederum fehlten geschätzte anderthalb Meter. Und warum ums Verrecken mußte Mister Terrorizer seinen Buddhaleib auch noch nackt zeigen. Bekehrte Krachikonen? Was war los? Na ja, reduziert man sie auf die „Musik“, waren die Helden meiner Spätjugend erneut über alle Zweifel erhaben. ND sind noch immer die gegen´s Establishment ratternde Bleispritze. So wie einst in den Achtzigern, als radikal rausgeblaffte Schädelsprenger wie „Scum“, „Siege of Power“, „You Suffer“, „Mentally Murdered“ oder „From Enslavement to Obliteration“ offene Guschen hinterliessen. ND waren die extremste Formation der Welt. Kein Geschwindigkeitsrekord, den sie nicht pulverisierten. Daran hat sich bis heute - 'Order Of The Leech' - nichts verändert. Der Trupp aus Birmingham verdichtete Zorn, Verachtung, Haß und Aggression zu lärmenden Überschallattacken von Speedgrind bis Deathmetal. Wenige erreichen die Minutengrenze. Auch heute zuckte Barney wie von Krämpfen geschüttelt Wutausbrüche grunzend über die Bretter; die Stahltrossen flogen hochfrequent; und das Schlagwerk hämmerte am Anschlag. Im Pit rotierten die Matten, Bauchklatscher flogen durch die Luft (auch welche vom schwachen Geschlecht)! Und die zum obligaten Dead Kennedys-Cover „Nazi Punks Fuck Off“ passenden Fetzen konnte man auch erwerben. Zur Geisterstunde, vor der Zugabe, entfernten wir uns vom Schauplatz des Gemetzels. Es war ein krasser Abend, der mir wieder mal fürchterliche Nacken- und Kopfschmerzen bescherte.
 
 
Text und Bild: Heiliger Vitus, 5. Dezember 2002 (Weil in der Batschkapp Ablichten verboten war, eine eigene Aufnahme von der Tour 2004)
 
 

In Memoriam
Ex-Terrorizer- und Napalm-Death-Gitarrist Jesse Pintado starb am 24. August 2006 im Alter von 35 Jahren. Ruhe in Frieden, Amigo!