HAZELWOODSTOCK 3
 
FNESSNEJ, OKTA LOGUE, ARROYO, THE SEVEN LOST CITIES OF GOLD
D-Frankfurt am Main, Yellowstage im Hazelwood Studio - 25. Februar 2011
Unter dem Wortspiel »Hazelwoodstock« hat vier Jahrzehnte nach der Freiluftschau von Bethel bei New York in den Hallen der Frankfurter Plattenfirma Hazelwood eine Festwoche der Alternativ- und Independent-Szene stattgefunden. 24 Gruppen und 7 DJs - darunter als Zugpferd Mardi Gras.bb - gaben sich bei der dritten Auflage die Ehre. Das gelbe Holz der »Yellowstage« war vom 21. bis 27. Februar der einzig echte Brennpunkt in der Stadt am Main. Das 7-Tage-Festivalticket kostete 39 Euro, die Tageskarte einen Zehner. Insgesamt waren 1000 Menschen da. Auswärtige durften im Studio übernachten. Ganz so wie die Blumenkinder in Woodstock ´69... Unter all den Attraktionen hatte ich mir die Postrocker Arroyo herausgepickt. Peanut war einverstanden. Arroyo traten am Freitag, dem fünften Tag auf. An diesem Tag waren um die 150 Leute gekommen. All die netten Handtaschenträgerinnen, Bastis, Floris, Tobis und wie die achtziger Baujahre heißen. Dazu noch eine Handvoll Kindspack. Zahlende und Gästeliste hielten sich die Waage. Man sollte sich was Schickes überwerfen, da eine 90minütige Dokumentation mitgeschnitten wurde. Halb zehn warf Hazelwood-Chef Friedrich die Kameras an...
Vom Vorspann THE SEVEN LOST CITIES OF GOLD hatte ich mir einiges versprochen. Ließ doch ein Album wie 'We´ve Lost Our Lives, We Are Dead Now' eine düster-depressive Post-Punk-Geschichte à la Joy Division vermuten. Die im Taunus siedelnden Seven Cities begannen um 21.17 Uhr - und waren kein Tribut an die Trostlosigkeit Manchesters. Es war allzu gemächlich bis lethargisch geradezu, was da von der Yellowstage tönte. Allzu dünn war die Musik, dieser Liedermacherkram oder »Melodramatische Pop Western«, der in der Unruhe des Publikums fast unterging. Eine dunkle Stimme trug da zusammen mit einer Gitarre, einem Baß und - im fliegenden Wechsel - diversen Harmonikas, Trompeten und einem Klavier einen ungleichen Kampf gegen das Menschengemurmel und die Wärme der gleißenden Lichter aus. Trommeln kamen nicht zum Einsatz, dafür melancholische Chöre, mitunter zu viert. Die Meinung »Zu melancholisch!« war zu verorten. Nur kaum eine der Durchsagen. Den Widrigkeiten zum Trotz musizierten die Cities leise vor sich hin - bis sich nach 16 Minuten alles überstürzt ausflöste. Viele gingen. Aber nach einem Lied war noch lange nicht Schluß. Preußer, Nußbaum, Palmer und Lindenberg spielten 48 Minuten! Dabei wurde die Verlängerung mit einem »Jetzt müßt ihr ganz still sein, pschschsch...« angesagt und nur vom Liedsänger und dem Klavierspieler zelebriert. Was die Cities mit den Pseudoblumenkindern des Hazelwood einte, waren in erster Linie die grünen und goldenen Flaschen aus Bremen, von denen fast jeder eine in der Hand hielt. Die Pausenmusik war lauter als die von der Bühne.
Als stille Wasser konnten auch die Nächsten bezeichnet werden. Besonders der wegen seines Studiums zurückgetretene Sänger Senzek, der heute wieder als Zuschauer dabei war, und mit dem ich ein paar Worte wechseln durfte. Um 22.15 Uhr fiel die Klappe für das Kunstwerk ARROYO. Die Postrocker aus Rhein-Main sorgten abermals für eine Überraschung. Im Frühling 2010 noch zu fünft zugange (mit einem Sänger), im Herbst dann zu viert (mit zwei Stimmen, nun aber ohne Keyboards), trat das Kommando heute minimalistischer denn je an. Zwei Gitarren, Baß und Schlagzeug. Nichts sonst. Keine Filter, keine Worte! (Aus gesundheitlichen Gründen hieß es, man war nicht so drauf...) Somit bestritten Schießer, Pöpperling, Gumbert und Friedrich ihre Reise über die Gipfel und durch die Schluchten unseres Daseins unter vollständigem Verzicht auf Geschrei, rein instrumental. Treu ihrem ersten Gitarrensturm wurden heute »Hunde zu Wölfen«. Anders als sonst. Düsterer als sonst. Und - verdammt noch mal - faszinierend und durchdringend bis in die Tiefen der Seele! Zeugnis dürfte die Nah-dran-Kamera ablegen, die dem Gitarristen Schießer vor »Krater/Ausbruch« über die Stirn gestülpt wurde. Ich durfte das alles direkt am Bühnenrand erleben. Links von mir: ein Kapuzentyp mit Whiskyflasche, der Arroyo offenbar durch Polen begleitet hatte. Rechts: der frühere Sänger. Ich habe Senzek zu einer Neuauflage von »Kanaan« angestiftet - ohne Erfolg... Der Typ war sowas von scheu! Schade, daß die heutige Vorstellung etwas abrupt endete. Das Hazelwood hatte eine Zugabe erwartet, aber »Zwischen den Trümmern« bedeutete den unwiderruflichen Schluß. Im Laufe des Abends hatte ich noch kurz mit Bassist Marius die Ehre, der mir zum Abschied eine K u ß h a n d zuwarf. Das werde ich nie vergessen!
Den dritten Akt bestritten OKTA LOGUE (früher: Zaphire Oktalogue), die sich »wie Sau freuten, daß sie hier mitspielen durften«. Aber erst wollte der Sänger sehen, daß »jeder ein Bier hat und seine Beine schwingt. Vorher würden sie nicht anfangen«! Nachdem das wirklich gesichert war, machte der krachige, thrashige und schrullige Progrocker »Mr. Zoot Suit« ab 23.23 Uhr den Anfang. Und nach der Durchsage, daß man jetzt mal richtig einen raushauen würde, dachten wohl alle, es ginge nun so weiter. Pustekuchen! Nach dem kessen Start bekamen die Darmstädter ab »Pretty Things« den Blues, legten den Ton drei Oktaven tiefer und lieferten fortan ein Sammelsurium des Hardrock ab. Zu Hüten, langen Haaren, engem Denim und Mörderkoteletten gab es angestaubte, wilde Gitarren, die mitunter von einer Trompete angeblasen wurden. Okta Logue waren nicht nur was für meine Adjutantin sondern auch die einzig echte Hippieband des Hazelwoodstock 2011. Wäre da nur nicht die Jagd nach der Zeit gewesen. Denn am folgenden Morgen stand für uns schon ein schweres Marathontraining auf dem Plan. Nach einer Viertelstunde Okta Logue mußten wir los.
 
Den Schlußakt des fünften Tages mit dem närrischen Namen FNESSNEJ haben wir somit völlig verpaßt. »15
 000 Instrumente in einem mobilen Studio und vier Jungs, die sich bescheuert anziehen und Techno machen. Perlen vor die Säue«: So muß das laut den Machern wohl gewesen sein.
 
Ebensowenig erlebten wir den DJ HUG, der als männlicher Teil der Bedroom Disco heute erstmalig als Solist den Abspann durchführte.
 
Wer sich beim Verlassen des Studios in einen Verteiler eintrug, wurde mit einer Compilation-CD von Hazelwood Vinyl Plastics beschenkt. Zur Wahl standen 'Pop ist Sheriff 2' (das Beste aus einem Jahr »Late Lounge«), und 'Showroom Rebels' (Gruppen, die früher mal auf der Yellowstage standen).
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 28. Februar 2011
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
THE SEVEN LOST CITIES OF GOLD
1. Autumn
2. Black Parade
3. Tom The Tinker
3. National
5. Ghosts
5. Songbooks
6. The Great Sea
7. 1803
 
ARROYO
1. Hunde werden wie Wölfe
2. Segel setzen
3. Krater / Ausbruch
4. Und abermals ergreifen wir die Flucht
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5. Zwischen den Trümmern
 
OKTA LOGUE
1. Mr. Zoot Suit
2. Bright Lights
3. Pretty Things
4. Shine Like Gold
5. Move Away
6. Just To Hear You Sleep
7. Langer
8. Turn Around
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9. Dickes Ei
Nachruf
 
»[...] Pünktlich zum Taumond 2012 schließen die Hazelwood Studios zu Rödelheim nach 17 Jahren musikalischen Dissidententums für immer die Tore. Über Jahre hatte sich in und um die subkulturelle Keimzelle im Frankfurter Westen eine eigene Szene aus Musikern, Malern, Filmemachern und Freidenkern formiert, die sich regelmäßig, bei zahllosen Konzerten, um die studioeigene Yellowstage versammelten. Anfang 2012 hat das bunte, oft spektakuläre Treiben leider ein Ende. - Wer Hazelwood kennt, weiß, daß Larmoyanz hier nie zu den bevorzugten Tonarten gehörte. Und so wird, noch bevor die Abrissbirne der »Gelben Bühne« der finale Paukenschlag versetzt und zu einem letzten, kräftigen Halali geblasen. - Wie schon beim ersten, bereits jetzt legendären Hazelwoodstock-Marathon-Indoor-Festival im Februar 2011, geht es im zweiten Teil von Neuem mit rund 25 Bands und DJs non-stop durch 7 Tage und 7 Nächte und es ist zu erwarten, daß in Anbetracht der unmittelbar bevorstehenden Schließung der Studios, diesmal wirklich kein Stein auf dem Anderen bleibt! [...] Wegen Uneinigkeit mit unserem Vermieter können wir das Festival zwar leider nicht in unseren eigenen Räumlichkeiten veranstalten, aber findig wie wir sind, haben wir nach Erhalt des Verbots sofort für angemessenen Ersatz gesorgt! [...]«
 
 

Der tolerante Stoiker, 20. Januar 2012