17. KRITERIUM AN DER RED BULL ARENA
Leipzig, 3. April 2022
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ RENNEN ¤ STATISTIK
Für die wichtigsten Frauen in meinem Leben:
mein Ein und Alles Peanut und meine Mutter in anderen Sphären

 
 
Getrieben von großen Träumen, herben Enttäuschungen, gnadenlosem Ehrgeiz und der tickenden Uhr des Lebens, wollte ich es im zweiten Jahr in der Mastersklasse 4 nochmal wissen. Noch war ich einer der Jungen unter den Steinzeitmännern. Doch wie jedes Jahr standen zu Beginn Hürden und Ärgernisse. Angefangen von meinem zwischen Auflösung und Neubeginn taumelnden Radklub Dresdner SC (unser alter Chef „Decko“ war in den Ruhestand gegangen, mit ihm der Stab und ein Dutzend Fahrer), über den Antrag der Rennlizenz (für die erstmals ein teurer „Sport-Check“ vonnöten war), bis hin zur Anreise zum Wettkampf (jene war bis zum Schluß vage). Zu allem Übel wurde das öffentliche Zeigen eines „Z“-Symbols als Straftat eingestuft (ein weißes Z war auf den russischen Panzern in der Ukraine zu sehen). Leider zierte es als Sponsorsymbol auch die Trikots des Dresdner SC... Ich fühlte mich sehr befangen mit dem „Z“ auf Sachsens Straßen. Die neue Regionaltrainerin wiegelte indes ab: „Alles ist abgestimmt und bei der Polizei nachgehakt“! Leipzig sollte für mich mehr als eine Standortbestimmung sein - ein ganzer Lebensinhalt stand für mich auf dem Spiel! Mit dem Kriterium begann für die ostdeutschen Radsportler zeitgleich zur Flandern-Rundfahrt auch die neue Straßensaison.
 
.:: DIE STRECKE ::.
Statt zigmal rund um den Dorfteich manövrierte die Strecke als Stadtkurs vor Europas ehemals größtem Stadion, dem einhunderttausend Menschen fassenden Zentralstadion. Nach dem Umbau ab 1998 heißt es nun „Red Bull Arena“ und ist Heimstätte von RB Leipzig. Das Stadion und die Rennstrecke sind Teil des Leipziger Sportfelds und liegen im grünen Wall des historischen Zentralstadions, dessen Hauptgebäude, Festwiese und Glockenturm erhalten wurden. „Den Kurs mögen nicht alle Radsportler: Die einen hassen das ständige Beschleunigen nach den beiden 180-Grad-Kurven, die anderen schätzen den gut einsehbaren Kurs. Er ist sehr charakteristisch und erfordert einen hohen Aufwand. Nach jeder Kurve zieht sich das Feld auseinander. Eigentlich fährt man die gesamte Zeit am Anschlag“, so Rennleiter Roland Hempel zur Strecke, einer knapp zwei Kilometer langen, ebenen Asphaltpiste auf der vierspurigen Straße Am Sportforum. Start und Ziel befanden sich im Schatten des riesigen Hauptgebäudes. Die AVUS von Leipzig.
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Dank eines milden Winters konnte ich im laufenden Kalenderjahr über 4000 Kilometer trainieren - im Januar 1052, im Februar 1361 und im März 1767 Kilometer. Die meisten davon waren anspruchsvolle, entweder mit vielen Höhenmetern gespickte in den Anstiegen des Taunus, oder schwere auf einem alten Militärrad. Fast die ganze Zeit war ich als einsamer Wolf zwischen tonnenschweren Holzlastern unterwegs. Seelische Unterstützung lieferten Trainingsfahrten mit dem DDR-Straßenvizemeister von 1974, Wolfgang Miersch (mit dem mich die Kindheit im selben Heimatdorf vereint und der mir die Erfahrungen seiner Karriere weitergab), ein von Guilty 76 Racing organisierter Trainingsride mit dem Ex-Gerolsteiner-Profi Johannes Fröhlinger, sowie die jüngsten Straßentrainings mit dem Dresdner SC, darunter dem großen Hoffnungsträger Hannes Rohrmann.
 
Als Trainingsbeispiel die vorletzte Woche vorm Rennen, vom 21. bis 27. März:
 
Mo.: Ruhetag
Di.: Challenge „
Kettenhunde Feldbergkönig“: 5 Anstiege zum Feldberg (152 km mit 3408 Höhenmetern)
Mi.: 30 km lockeres Offroad-Radfahren
Do.: 51 schnelle Kilometer mit einem Bergzeitfahren auf den Großen Feldberg (im Anschluß sechs Autobahnstunden von Frankfurt nach Dresden)
Fr.: 80 km im Osterzgebirge (insg. 994 Höhenmeter)
Sa.: 11 km Laufen als Ausgleichstraining
So.: 93 km mit dem Dresdner SC in den Hügeln und als Vierer-Mannschaftsfahren
 
.:: DAS RENNEN ::.
Leipzig war das Rennen der fallenden Masken! Im dritten Jahr von Corona entfiel die Maulkorbpflicht! Da die Anreise im zweiten Bus des DSC bis zuletzt unklar schien (Bus Nummer eins war vom früher startenden Nachwuchs besetzt), hatte Fraufreundin Peanut ihr Familienfest an der Ostsee um einen Tag verkürzt, und war am Sonnabend nach Dresden zurückgekehrt - um mich am Sonntagmorgen in die Pleißestadt zu fahren. Alles lief glatt - bis sich in vorm Leipziger Stadion die Wege verloren... Zur größten Erschwernis des Tages geriet die Suche nach der Startnummernausgabe. Doch wir waren mit einem Zeitpolster gekommen. Im Meldebüro traf ich schließlich auf meinen Vereinskollegen Kunath, den ich in voller Vermummung im ersten Moment nicht wahrnahm. Auf dem Parkplatz tummelten sich die üblichen Verdächtigen, darunter „Grossi“ Großegger, der sich nach meiner Form erkundigte und sein neues, goldenes Cipollini-Rad vorstellte. Beim Warmfahren spürte ich erstmals die winterliche Kälte, die heute herrschte. Das Thermometer ziegte vier Grad über Null, aber durch beißenden Wind fühlte es sich wie vier unter Null an. Neben langer Hose und Handschuhen trug ich zwei Langarmtrikots nebst einem Unterhemd, daß ich kurz vorm Start anzog. Ich schlotterte am ganzen Leib und hatte im Ziel entzündete Augen.
Durch die Wettkämpfe des Nachwuchses verschob sich der START der Frauen und Männer um zwanzig Minuten. Der Vorstart entfiel. Dazu herrschte Konfusion angesichts der Rennlänge. Denn statt 12 hatte die Jury die Zahl 18 in die Rundenanzeige eingegeben. Die Aufklärung folgte erst nach dem Rennen: Wegen einer Baustelle hatte sich die Runde von 1,8 auf 1,3 Kilometer verkürzt. Ausgeglichen wurde die Distanz durch mehr Runden. 13.20 Uhr fiel unterm turmhohen Portal des Zentralstadions der Peng. Zum Glück gingen die ersten Meter ruhig zu. Denn voller Adrenalin hatte ich Schwierigkeiten beim Einklicken ins Pedal. Das heutige Rennen hatte keine Anstiege, aber zwei Spitzkehren, die achtzehn Mal zu bezwingen waren. „In den Kurven entscheidet sich das Rennen“, hatte mein Komplize „Wolle“ Miersch gewarnt. Dort mußte man dosiert in die Eisen gehen, in Schwung bleiben und im Kurvenausgang wieder antreten. Kurz vor und nach dem Zielstrich ging es obendrein durch zwei hundert Meter lange, düstere Unterführungen. Aber genau hier galt es, sich für den Sprint zu positionieren. Wobei jeder für sich sprintete. Klassische Anfahrer innerhalb einer Mannschaft existieren sowieso nicht mehr. Deshalb sind Wertungssprints in einem Kriterium immer wild, chaotisch und unkontrollierbar. Ich mischte vorne mit, aber wie aus einem gezinkten Nichts schossen kurz vorm Strich Leute mit großem Punch an mir vorbei. Mein Plan, nach einer Wertung voll durchzuziehen, scheiterte mehrmals. Weiter als zwanzig Meter kam ich nicht weg. Die moderne Zeit mit ihren leichten Carbon-Maschinen, der hohen Grundgeschwindigkeit und der Kürze der Renndistanz, machen jedes Radrennen sehr schnell. So daß Fluchten kaum noch möglich sind. Mit der Hälfte der Hetzjagd war das Feld dezimiert. Den vierten von sechs Wertungssprints schnappte ich mir. Peanut sagte, daß sie bei der Durchsage meines Namens eine kleine Siegerfaust geballt hätte. Sieger wurde indes Mister Großegger, der defensiv hinten rumfuhr - um in jeder Wertungsrunde im Dunkel des Tunnels nach vorn zu preschen und am ZIEL alle zu überspurten. Dopingkontrollen wurden nicht durchgeführt.
Finale
 
Direkt nach jedem Rennen rief der Sprecher zur Ehrung auf. Mit der Durchsage „Mister Großegger, Mister Müller, Mister Siemon“ zogen finstere Wolken über mein Gemüt - bis uns beim Aushang der Ergebnisliste die fehlenden fünf Punkte für meinen gewonnenen Sprint auffielen. Mein Einspruch beim honorigen Rennleiter Lohr war sofort von Erfolg gekrönt. Die fünf Zähler waren beim Addieren in der Tabelle schlichtweg übersehen worden. Somit war ich Dritter des Kriteriums. Danach fiel all der Streß ab. Die Stimmung war gelöst. Rennleiter Roland Hempel, ein Altbekannter aus der Leipziger Radszene der Siebziger, zahlte zehn Euro cash an mich aus; zwei Damen überreichten Blümchen und schossen Bilder vom Treppchen. Es gab Gund zu feiern. Erst mit dem Zweitplatzierten Müller, mit dem mich der sportliche Lebenslauf verband: Müller hatte, nachdem ihm beim Lausitzringrennen 1976 ein Spitzenplatz zulasten von Olaf Ludwig und Andreas Petermann verwehrt wurde, seine Karriere aus Enttäuschung beendet; war zwanzig Jahre Marathonläufer, und hatte über Mountainbikerennen letztlich zum Straßenradsport zurückgefunden. In den Abendstunden floß im Dresdner Brauhaus „Watzke“ Bier. Neun Monate war es her, daß ich mich über etwas freuen durfte.....
 
Dankesworte
Jurychef Dietmar Lohr und Rennleiter Roland Hempel (für die faire Behandlung)
Wolfgang Miersch (für mentales Doping)
Grossi und Klaus Müller (für ein gute Zeit)
Peanut (für alles)
 
 
Text: Geist Vitus, 4. April 2022; Bilder: Peanut
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: bewölkt, 4ºC, mäßiger Wind (11 km/h) aus Westnordwest
Zuschauer: ca. 100
Typ: Kriterium
Länge: 22 km
 
Voranmeldungen: 372
Nach Klassen: CT + Elite-Amateure: 40, Masters 2, 3: 31, Masters 4: 5, Elite-Frauen: 5, Juniorinnen: 5, Junioren U19: 39, Jugend U17: 61, Jugend U15: 68, Schüler U13: 42, Schüler U11: 21, Hobby: 22, Fette Reifen: 33
Im Ziel: 327
Nach Klassen: CT + Elite-Amateure: 31, Masters 2, 3: 35, Masters 4: 7, Elite-Frauen: 5, Juniorinnen: 4, Junioren U19: 25, Jugend U17: 45, Jugend U15: 54, Schüler U13: 39, Schüler U11: 16, Hobby: 23, Fette Reifen: 43
 
Masters 4
1. Marco Großegger (SC DHfK Leipzig) 35:30
2. Klaus Müller (Team Isaac Torgau)
3. Mario Voland (Dresdner SC 1898)
4. Klaus Siemon (Melsunger TG 1861)
5. Uwe Rübling (Dresdner SC 1898)
6. Gregor Schößler (SSV Heidenau) 36:00
 
Ergebnisse

SC DHfK Leipzig