SACRI MONTI
D-Dresden, Ostpol - 31. August 2016
Es herrschte Aufregung am letzten Tag im August 2016 in Dresden. Am Vormittag hatten Frau P. und der Berichterstatter eine Bude in Sankt Pieschen an der Elbe erstanden. Damit war ich auch amtlich in die Heimat zurückgekehrt, aus der ich vor 32 Jahren voller Hirngespinste in den Westen abgehauen war. Am Abend wurde das Ereignis mit dem Gebräu »Elbhang Rot« und »Neustadt Hell« im saugemütlichen »Ostpol« in der Neustadt begossen. Die Betreiber hatten ihren Klub mit Reklame im Stadtmagazin »Sax« für die Schau der US-Psych-Rocker Sacri Monti fitgemacht. Die Wände sollten wackeln. Wir machten uns also auf etwas gefasst. Doch dann kamen nur die üblichen fünfzig bis sechzig, darunter auch einige richtig fertige Typen. Um ein Haar wäre sogar alles ins Wasser gefallen. »Es geht keiner ans Telefon. Wenn die Band nicht kommt, wird der Einlaß [Anm.: 9 Euro] zurückerstattet. Wir warten noch bis 22 Uhr. Dann wird abgesagt.« Die das leise erörterten, waren die Organisatoren. Bis aus dem Nichts plötzlich halb zehn der Bandbus über die Rumpelpiste der Königsbrücker Straße rollte, und die Akteure sichtlich groggy ihre Hintern, Boxen und Apparillos über die klapprige Treppe in den Klub hinein bugsierten...
Es folgte eine Nacht wie durch ein Zeitloch zurück in die 1970er: spirituell, emotional, überraschend... Sie begann um 22 Uhr 42 mit dem Gruß »We are SACRI MONTI from San Diego, California. Thank you for coming out!«. Und sie endete 23 Uhr 45 mit dem Koloss »Slipping from the Day« sowie einem wohlgesonnenen »Take care!« Dazwischen lag eine Stunde mit acht Liedern rammelvoller Vibrationen aus den »Heiligen Bergen«. Alles was Brenden Dellar, Dylan Donovan, Anthony Meier, Evan Wenskay und Thomas Di Benedetto lieferten, war überdurchschnitllich stark und liebevoll gespielt, lebensnah, aufwühlend und gipfelweit über jenen vom Mammon hofierten Retro-, Hippie-, Blues- und Pillen-Combos der letzten Jahre. Wer die fünf mit ihren schulterlangen Haaren, Vollbärten, Pornobalken und acidgetränkten Hemden und Hosen sah, roch förmlich den Schweiß der Siebziger. Hier hupte die Hammondorgel wirklich, da wurden Bässe und Gitarren verzerrt und gestreichelt, im Hintergrund polterten die Trommeln, der Klang war knackig und klar, und über allem hallte spartanisch eine kraftvolle Stimme zwischen Hendrix, Doors und Hawkwind. Kein Stück unterschritt die Fünf-Minuten-Marke. Wobei das zur Improvisation erhobene, mitunter doomrockige »Staggered in Lies«, durch sein Ohrwurmriff noch herausstach. Die im Wechsel in Farngrün, Meeresblau, Purpur, Kristallweiß und Blutrot getauchte Bühne tat ein Übriges für eine äußerst stimmungsvolle Reise zurück in das Goldene Zeitalter!
Zutiefst menschlich wurde es endgültig an der Bar, als der Frontmann die letzten Heller zusammenklaubte, als Türmchen auf dem Tresen aufstapelte, und in geradezu ergreifender Art um einen Whiskey bat. Mangels Bourbon und ansonsten nur Scotch, entschied sich Dellar, der sich bereits auf der Bühne eine Kippe mit dem Organisten geteilt hatte, für ein Schlücklein »Tullamore«. Es war nur der Glasboden bedeckt... doch immerhin durfte sich die Tee-Pee-Crew an einem Topf voller dampfender Nudeln verlustieren. Halb eins haben sich Frau P. und ich mit zwei Humpen Bier in der Hand hinaus in die milde Sommernacht empfohlen. Sacri Monti, yeah!
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 5. September 2016
Titelbild des Monatsfliegers