SWITCHBLADE, OFFICER JONES AND HIS PATROL CAR PROBLEMS
D-Frankfurt am Main, Café ExZess (Keller) - 27. August 2006
Ein Wort in eigener Sache. Dieser Bericht wird mein mutmaßlich letzter aus der Leipziger Straße 91 sein. Die Gründe sind verschiedener Natur. Der springende Punkt ist, daß ich bei den letzten Besuchen im „Ex“ und in der „AU“ von deren Mitarbeitern auf „heiliger-vitus“ angeredet wurde. Und dies weder mit Handschlag oder um Danke zu sagen, sondern mit unmißverständlichen Ratschlägen. Beim Konzert von Switchblade, auf das ich spitz wie eine Reißzwecke war, und zu dem ich mit einem Bronzerang beim Halbmarathon tags zuvor angerückte, wurde ich gleich am Einlaß feindselig empfangen. Ein Apparatschik hielt mir Ausdrucke vom eigenen Netzauftritt unter die Nase: Bilder aus Nürnberg, Verweise zu anderen Gruppen sowie Platten- und Konzertrezensionen, in denen Wörter und ganze Sätze markiert waren. Diese Ausdrucke waren auf einer Sitzung des ExZess-Plenums diskutiert worden. Und jetzt sollte ich Stellung dazu nehmen. Wahnsinn! Ich komme selbst aus einem Land, in dem man den Stern nicht als Hemdenaufdruck oder Anstecker trug, sondern unter dessen Ideologie die Menschen aufwuchsen. In der DDR wurden keine roten Parolen gedroschen - dort wurde der Sozialismus g e l eb t! Und nicht alles war dunkel. Vieles um Lichtjahre heller, als es sich die kruden Theoretiker*innen im Westen überhaupt vorstellen können. Ja, so war das! Einzig Stasi-Methoden und ähnliche totalitäre Entartungen halte ich nach all den Jahren für überzogen. Es war nie meine Absicht, mit meinen Berichten eine Person, Gruppe oder Sache zu verletzen, zu entwürdigen oder sonstwie schlecht zu machen. Wenn das jemand so auffaßt, hat er mich falsch verstanden (oder ist diona-Rap-sgnuglofrev).
Während mein Glauben an die Subkultur um neun am Einlaß des „Ex“ Stück für Stück in Trümmer fiel, hatten drin vor sechzig Leuten die Belgier OFFICER JONES AND HIS PATROL CAR PROBLEMS mit dem (nicht nur heute) sinnbildlichen „Ruins of a Lost City“ losgelegt. OJAHPCP hatten die Stelle der kurzfristig ausgestiegenen Landsmänner AMENRA eingenommen. Officer Jones and His Patrol Car Problems: Wie der Name ahnen ließ, war die Gruppe nach einem in Schwierigkeiten steckenden Polizisten benannt. Genauer gesagt: nach einem Officer aus Pensacola, der 1980 im Streifendienst unter mysteriösen Umständen spurlos verschwand. Schräge Story, schräge Sounds: Die Quinte um Kris, Nic, Tim, Wim und Vince machte was in Richtung Mastodon, eine ziemlich brachiale, ziemlich eigenwillige Mixtur aus experimentellem Hardcore, futuristischem Metal und elektronischen Noise-Manipulationen. Mit vom Sänger aggressiv und hochgradig neurotisch herausgerüpelten Tiraden. Wobei man nicht nur bedingungslos schnell nach vorne knallte, sondern immer wieder einen Gang rausnahm, um so für eine dunkelgrau-subtile Stimmung zu sorgen. Wie im finalen „Caucasian Female Delinquent“. Nach 33 Minuten hatte sich der Vokalist die Seele aus dem Leib geschrien, Trommler, Keyboarder und Saitenmänner die Schädel abgebangt, war das Kommando aus Flandern durch.
Etwas wie das Folgende hatte das Reich der Roten in den zwanzig Jahren seiner Existenz noch nicht erlebt. Nie wurde die Toleranz der Punker und Punketten derart und buchstäblich (!) in ihren Grundfesten erschüttert wie heute. Regelrecht entartet geradezu dieses leise Knistern und Kratzen zu Beginn, diese leisen Distortionen und Rückkopplungen, dieses schon aufreizend stoische Anschwellen der Klänge, dieses zeitlupenhafte Lauterwerden... und dann war sie da: die Explosion aus ultratief rumsenden Bässen, das so stark im Inneren berührende Gefühl, die Faszination, das Lebenselixier: der Doooooom. Schwedens Spezialeinheit im Ultra Doom, die Stockholmer Folkesson, Sten und Bertilsson, kurz: SWITCHBLADE, hatte ihre Darbietung begonnen. Orgiastisch zeitlupenhaft am Anschlag, doch mit der Macht einer detonierenden Zehn-Zentner-Bombe. Für zwanzig Minuten setzte es fortan niederfrequentes, nur von einigen wenigen Trommelhieben durchdrungenes, sphärisches Gedröhn. Ich wiederhole: einige - wenige - Hiebe! Noch minimaler war der Vokaleinsatz. Sagen wir mal so: Der Viersaiter setzte ein paar explizite Keiflaute. Ein sludgig gequältes Todesgeschrei von wenigen Sekunden nur. Wie ein Springmesser, die Switchblade, halt! Dazu dieses ekstatische Riffzuwerfen der Männer an den Trossen. Extrem ekstatisches! Dann ein sechsminütiger Slowbanger (für die Punks). Und darauf noch mal ein Mammut über harschem Endlosdröhnkrach - namenlos wie alles von Switchblade. Mehr war das nicht. Komplettiert und unterstrichen wurde dieses spartanische und doch so allgewaltige Szenario von einem vierten Mitspieler, einem unglaublich genialen Lichtspiel im Hintergrund. Zum Bersten voll mit düsteren Dekonstruktionen und nihilistischen Visionen, einer Postapokalypse aus Feuerbällen, Flammen, entlaubten Bäumen, Flügen über ausgebombte Städte, nekrophile Straßen, abgedoomte Fabriken, eine sich im Todeskampf wälzende Taube, Friedhofskreuze und Engel, ein Schwarm Raben vor blutrotem Himmel, und eine gemarterte Kreatur mit einer Handvoll Blut. Das war die perfekte Vertonung des Endes, doomige Klangkunst in Vollendung! Mit dem einzigen Makel, daß Switchblade sehr distanziert wirkten. Aber wen wunderte das vor dieser undoomigen Barriere? Ich selber bin clean gekommen und gegangen. Gruppen wie Switchblade brauchen keine Dröhnung. - Am Devotionalienstand ergab sich ein Plausch mit dem smarten Trommler Tim. Der fasste meine Neugier, in welche Kiste die Schweden ihren Doom stecken - Noise-, Sludge-, Drone-, Ambient-, Läufige-Straßenkatzen-, Wasauchimmer-Doom? - kurz als „Simply Doom!“ zusammen.
 
Trotz Befangenheit ein donnernder Dank
Den Leuten von Mental Maps für das Möglichmachen des Spektakels Switchblade! (Namen sind Geheime Kommandosache und streng vertraulich dazu.)
Man hofft auf eine Wiederholung der Geschichte! Wo auch immer...
 
 
Mit einer Träne auf den Stahlkappen...
Heiliger Vitus, 30. August 2006
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
OFFICER JONES AND HIS PATROL CAR PROBLEMS
(21.00-21.33)
1. Ruins of a Lost City
2. Thieves on S. Alcaniz
3. Unless Bonnie and Clyde are Robbing a Bank Let the Other Guys Roll on It
4. Deathwish Shooter Cocktail Recipe
5. Botch
6. Asphalt Rivers
7. Palafox
8. Caucasian Female Delinquent
 
SWITCHBLADE
(22.05-22.45)
1. 01 (2005)
2. 02 (2003)
3. 02 (2005)