THE OCEAN, RADARE
D-Frankfurt am Main, Nachtleben - 16. Juni 2010
Die Live-Übertragung der Vuvuzela-WM 2010 war schuld, daß sich nur sechzig Leute im „Nachtleben“ verirrten. Derweil in Frankfurts Kellerklub The Ocean lärmten, würde zur gleichen Stunde in Südafrika die „La Celeste“ aus Uruguay Südafrikas „Bafana Bafana“ kaltmachen. Und dabei hatte sogar der Hessen-Rundfunk den Auftritt von The Ocean mit einem Veranstaltungshinweis beworben. (Man hatte ihnen „eine Mischung aus Metal und Klassik“ nachgeplappert.) Immerhin war Don Nihili den langen Weg von Rheinhessen nach Frankfurt gegangen. Nur für The Ocean!
Mit einem schlichten „Hallo, wir sind RADARE aus Wiesbaden!“ hatte um 21.10 Uhr der Stoßtrupp seine erste Peilung ausgesendet. Und was für eine! Die Rotte um Bremer, Klöppel, Jurisch und Eichmann war mit ihrem Meisterstück „Morast“ eingestiegen! „Morast“ startete trügerisch still. Aber in der Stille liegt die Kraft... Und die wurde spätestens durch eine ungeheuer drückende Basslinie freigelegt. Eine jazzige Trompete mischte sich im Verlauf ein, bis das Ganze in abstrakte harsche Schreie mündete. Dabei wies „Morast“ die epische Länge von einer Viertelstunde auf! „Morast“ allein jagte mir die Schauer nur so übers Kreuz! „Licht aus“ wiederum, lebte dann zu einem nicht geringen Teil aus einem Klapprechner, der den Radaren weltfremde Echos verlieh, sowie von bestürzend schönen Trommeln. Experimentelle Splitter schmuggelten sich ein. Und immer wieder kulminierte alles in verstörend herausgeschrienen Wortfragmenten, die der kleine, wollbemützte Gitarrist meist im Mittelteil von der Kette ließ. „By the Flood“ war der reinste Grenzgang von Doom über Jazz bis Postrock. Bevor die sludgige Annäherung „Asthenic Doubts Revolve“ nach 41 Minuten diesen ganz phantastischen Auftritt von Radare vollendete. Die subtile Stille von Bohren, der ungestüme Nihilismus von Esoteric, und im Inneren die flirrende Melancholie des Postrocks: So lassen sich Radare am besten mit Worten wiedergeben. Radare waren vier stille, fast schon scheue Jungen aus Hessen und für mich schon etwas mehr als nur die Helden der Nacht.
Das Unwichtigste vorab: Ich war nur für Radare gekommen. THE OCEAN hätte ich schon 2004 sehen können, als sie die Hauptdarsteller für Versus The Stillborn-Minded waren. Aber schon damals war mir der Rummel um die Gruppe zu groß. Nach Kursänderungen vom Post Hardcore über Prog Metal hin zum Metalcore, noch mehr Wendungen in der Besetzung (um die 40 Menschen sollen in wechselnder Ergänzung durch The Ocean gegangen sein), und nach der Auswanderung von Berlin in die Schweiz, war die Horde sechs Jahre später mit einer prallen Wand an Verkaufsartikeln aufgefahren. Prall - und zu ausufernden Preisen. 25 Euro für eine Doppel-CD und 35 für ein Doppel-Vinyl waren eine Schande. Manche Besucher haben sogar um Nachlaß gebeten - vergebens. Nach halbstündigem Umbau waren um 22.20 Uhr die Kulissen gerichtet. The Ocean hatten nicht nur ein neues Album - 'Heliocentric' - sondern in Loïc Rossetti auch einen neuen Sänger. Ferner bedienten Robin Staps und Jon Nido die Gitarren, Louis Jucker den Bass, und Luc Hess das Schlagzeug. Man hatte ein krachendes Programm zusammengestellt. Hochgradig brausende Stahltrossen klatschten auf neurotische Schreie, auf derbes Röcheln und Grunzen, und manchmal auch durchaus schönen Gesang. Die Geschwindigkeit variierte wie die Optik. Mal lag die Bühne völlig verdunkelt vor einem, dann war die Klangwelt pathetisch erhöht (wie bei „Origin of God“ unter anderem). Selbst das Publikum verfolgte die Schau nun geradezu andächtig still. Dann wieder flackerten Lichter in vielen Farben und das Tempo überschlug sich geradezu. Und bisweilen sprangen die fünf fast schon wie Raubkatzen über die Planken. Wobei der einzig verbliebene Deutsche - Denker und Lenker Staps - seinen Sechssaiter auch mal einem Schwert gleich über den Schädeln der Meute kreisen ließ. In diesen völlig überbordenden Augenblicken wäre „Kaventsmann“ sicher der bessere Gruppenname gewesen! Nach vier Wochen hatten die Männer am Ende ihrer Kreuzfahrt durch Europa auch die entsprechende Abgewichstheit, Schlagzeugzertümmerung inbegriffen. Mit „einem Stück über die Evolutionstheorie, was das Christentum heute immer noch nicht zu schätzen weiß“, war der Ozean nach einer Stunde verebbt. „The Origin of Species“ hieß die achte Offenbarung.
 
Im Übrigen...
Grüße vom Mammon
und...
Gute Nacht, Nachtleben!

Für den Eintritt wurden 15 Euro abkassiert, für ein Weizen 3,80.
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus an Peanuts Sonnenaufgangstag, 18. Juni 2010
ABSPIELLISTE RADARE
1. Morast
2. Licht aus
3. By the Flood
4. Asthenic Doubts Revolve
 
ABSPIELLISTE THE OCEAN
(Liedfolge ohne Gewähr!)
1. Shamayim
2. Firmament
3. The Origin of God
4. The First Commandment of the Luminaries
5. Stenian
6. Metaphysics of the Hangman
7. Hadean
8. The Origin of Species