THE PSYCHIC PARAMOUNT, GOLDEN GORILLA
D-Darmstadt, Oetinger Villa - 12. Dezember 2005
Einen „Blasting Instrumental Wall of Distorted Noise from NYC vs. Heavy High Gain Buzzing Sludge from DA“ hatte das Programm der Oetinger Villa für den heutigen Montag versprochen. Es war unser erster Gang ins umkämpfte Anwesen in der Kranichsteiner Straße Nummer 81. Das dort ansässige linksautonome Zentrum wird vom Magistrat zum Umzug gedrängt. Das „Deutsche Polen-Institut“ soll in die Villa, damit dieses mehr Platz für seine Bücher hat. Ein Kampf unter der Ägide des Schuld- und Sühnekultes gewissermaßen. - - Um neun waren wir angerückt. Das Objekt fand sich hinter einer Mauer auf der Wiese des alten Herrengutes Karlshof. Rabenschwarz war diese Nacht, und das auf einer Anhöhe thronende, verwitterte Gebäude nur fahl belichtet. Man stelle sich die Villa aus „Psycho“ vor... Nun gut, wir waren pünktlich. Schließlich sollte es „pünktlich losgehen, weil Psychic Paramount ein mächtiges Brett auffahren werden.“ Und - Überraschung! - die Künstler waren mit fünfstündiger Verspätung aus Genf eingetroffen und schon bei der Probe. Man tippte auf einen Beginn um zehn herum. Noch eine Stunde, die wir - unter argwöhnischer Beobachtung, da hier stark politisierte Gruppen aktiv sind - mit einem Rundgang durch die Villa killten. Schmutzige Böden, Fäkalien im Klo, die Wände voller Schmierereien: Was für die Altvorderen ein Graus war, schien für die Besetzer ein Fest. Auf dem Rückweg vom Bier im „Ponyhof“ gegenüber, kreuzten Punker unseren Weg. Das Dunkel hatte sie schon geschluckt, als plötzlich eine Rote Zora kehrtmachte - um meine Mütze zu inspizieren: „Darf ich g´rad nochma gucken?“ Der eingestickte, „Troublemaker“ ähnelnde Schriftzug 1. FC Dynamo Dresden, geriet jedoch nicht zum Corpus Delicti... Nicht vollends unverfänglich, letztlich aber doch ideologisch korrekt, durften wir die Villa erneut betreten. Für sieben Euro verloren sich dreißig Besucher im voluminösen Konzertsaal. Überwiegend solche aus der Abteilung der intellektuell Kopfbeschnittenen. Zur Abwechslung noch etwas Hirnverkehrendes zu trinken bestellt, und dann ging es auch schon los.
Ab 22.15 Uhr waltete der Heavy High Gain Buzzing Sludge des GOLDEN GORILLA. Ein Bollwerk aus brachial dröhnenden Stahltrossen (die natürlich heruntergestimmt waren), ein niederfrequent herumscharrendes Rhythmuskommando (ohnehin tiefgestimmt) und feist-derbes Grölgekotze. Das schwer anstampfende Groove-Ungetüm „Slaughterhouses of Tomorrow“ erschütterte das alte Adelshaus gleich zum Auftakt heftig. Und dem doomsüchtigen Vitus, dem hatten sich die Gorillas vom ersten Augenblick an feste in die Eier gekrallt. Jetzt war Abdoomen angesagt! Golden Gorilla rekrutierten sich aus fünf Typen, bärbeißigen Kerlen aus der Darmstädter Punkszene: den Gitarristen Mr. Vegas und Dr. Hinkel, Basser Senor Hub, Trommler Don Schueler und dem Alpha-Rammbock Tomasz Kong. Und die wußiten, was gut ist. Darum machen sie ja Sludge. Eine Musik voller abstrakter Propaganda und radikalem Nihilismus. So wie in den „Trajectories“. Welche tonnenschwer daher surrten und vom bulligen Kong mit sarkastisch herausgeseierten Inhalten und Durchsagen veredelt wurden. Bei den Gorillas wurde gemahlen, gerammelt und gerommelt. Und dies alles war weder von einem Wüstenfuchs noch von einem bekifften Stonerhippie untergraben. Nein, einzig und allein malmender Doom war hier am Werk gewesen. Massive, mit Wucht und Aggression herausgedonnerte Core-Geschosse tief im Geiste der Namensgenossen Iron Monkey. Meinetwegen hätten die Gorillas bis in die Unendlichkeit sludgen können. Aber leider war nach 35 Minuten mit „Black Sun, White Logic“ das so selten erlebbare Universum des Doom schon vorbei. Hinterher konnte ich paar Worte mit Vegas wechseln. Der durfte vier Tage zuvor mit der Skeleton Army in der großen „Halle 2“ von Hanau für die US-Punkrocker Nashville Pussy eröffnen. Und wer weiß... vielleicht stehen auch Golden Gorilla schon bald vor einem dankbareren Volk - beim „Low Frequency Assault“ in Nürnberg!!
ABSPIELLISTE GOLDEN GORILLA
1. Slaughterhouses of Tomorrow
2. Trajectories
3. Hurling Fists at Nothing
4. Dogged-Down and Broken-Assed
5. My Name is Trouble
6. Black Sun, White Logic
Nach dem späten Beginn glich es einem Wunder, daß wir THE PSYCHIC PARAMOUNT überhaupt noch zu Gesicht bekamen (Abfahrt des Lumpensammlers nach Frankfurt: 0.35 Uhr). Die kurze Spieldauer der Gorillas und ein hurtiger Umbau machten es möglich. 23.10 Uhr starteten die Herrschaften aus New York City ihren Blasting Instrumental Wall of Distorted Noise. Drei smarte Freaks, die gekommen waren, das reglose Darmstadt mit dem Neuwerk 'Gamelan Into The Mink Supernatural' zu beehren. Gitarre: Drew St. Ivany, Bass: Ben Armstrong, Schlagzeug: Jeff Conaway. Keine Stimme also. TPP sind eine der augenblicklich inflatorisch das Licht der Welt erblickenden Instrumentalbands. Weiches Frickeln und experimentelles Improvisieren hatten wir erwartet. Von wegen. Die Amis entpuppten sich als Hartmänner der speziellen Art. Sie waren sehr geil. Etwas distanziert zwar, aber hier waren Zauberer am Werke. Die drei lieferten einen krachenden Mix aus spirituellen Siebzigergitarren und bizarren, elektronischen Klangkaskaden zwischen der Ambientikone Isis und Gitarrenwizard Hendrix. Wobei St. Ivany mit seinem Afroschnitt auch noch optisch verdammt an den toten Meister erinnerte. Es war ein regelrechter Blizzard, ein wilder und dabei arschtaffer und kristallklarer Sturm von Gitarrenläufen, Trommeln, Akustika, Elektronika, Lichteffekten, Sex und Nervenkitzel, was da auf uns niederprasselte. Einfach nur Gucken und Staunen. Mit dem Makel, daß die Yankees ebenso schnell von der Bildfläche verschwanden, wie sie aufgetaucht waren. Ohne ein Sterbenswort. Es fiel nicht eine Silbe, es gab keine Zugabe, kein Merchandise und keine Liedtitel. Und dabei tragen die so klangvolle Namen wie „Megatherion“, „Para5“, „Echo Air“ oder „Gamelan“... Eine Viertelstunde vor Mitternacht ging in der Villa das Licht an.
 
Etwas Rumquatschen noch mit Sänger Lepar von der Skeleton Army. Tiefere Erinnerungen wurden von der Hochstimmung weggeschwemmt. Was aber hängen blieb, war ein affengeiles Konzert. Mit den Hirnen im Doom und den Bäuchen voll Bier machten wir uns auf den beschwerlichen Heimweg von Süd- nach Mittelhessen - und erreichten um zwei Uhr F.
 
Und hier mal ein Dank
an meine Partnerin Peanut für 13 Jahre Begleitservice, Rückenfreihalten, Gedächtnisstütze, Packeseldienste, Streit und Freude auf ungezählten Konzis. Ohne dieses starke Interesse an der Musik und den einfachen Leuten im Untergrund wäre das nicht möglich!
 
 
Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 14. Dezember 2005