THE ROXY FLAMES, ZOOMA, SOLEÏLNOÏR, VERLEN, GEORGE
D-Frankfurt am Main, Café KoZ - 19. Dezember 2003
Zwei Tage nach der Schlacht auf den Pelennor-Feldern, zwei Tage nachdem der Ring in den Feuern des Orodruin vernichtet war und Bilbo und Frodo hinter den Grauen Anfurthen weißen Strand und grünes Gras fanden, setzte es Krach im Hier und Heute. Gleich zwei Ereignisse lockten: Stachelpunk mit A.C.K., Azrael und Pestpocken in der Punkerfestung AU; und das vom Alternative-Fanzine Maingold.com ausgerichtete Festival ROCKMILIEU LIVE VOLUME ONE auf dem Unicampus Bockenheim. Den Ausschlag gaben die dort auftretenden, hochinteressanten Soleïlnoïr. Und weil die gleich als Zweite ran sollten, blieb das Hintertürchen Rödelheim, wo vor 22 Uhr sowieso nichts geht... Um neun trudelte ich mit Fräulein Peanut im Parterre des Studierendenhaus ein. In jenem Trakt, wo im Sommer ´98 Dead Moon ihren schon legendären Auftritt zelebrierten. (Die Aura von Fred, Toody und Andrew war auch fünfeinhalb Jahre danach noch direkt greifbar.) Damals war das „Kommunikationszentrum“ (kurz: Koz) mit vierhundert Leuten rammelvoll. Heute waren laut Veranstalter 160 vor Ort. Im Eintritt von studentischen fünf Euro enthalten: eine CD der Krautrocker Verspielte Zeit, von denen zwei die Stellung hinter der Kasse hielten.
 
Verwirrung dann, daß nicht die Alternative-Rocker Verlen den Abend eröffneten, sondern ein auf einem Barhocker drapierter Singer/Songwriter. Jener erklärte, er sei ein Freund von Zooma. Deren Sängerin sei erkrankt. Zooma würden deshalb nur ganz kurz spielen, und er - GEORGE - deren Auftritt ergänzen. Nach zwanzig Minuten hatte der Liedermacher ausgeleiert.
Um 21.20 Uhr stiegen VERLEN aus Kelkheim in den Ring. „Verlen“ stand für (v)ery (e)legant (r)ocking (l)oud (e)motional (n)oise, und mit diesen Attributen war der Stil der Hessen mit den Spitznamen Joey Elliot, Crip Vida, Feel X und Raul Seamoon auch treffend umrissen. Der Vierer kam optisch wie eine Studentencombo und servierte mit Nummern aus den Langrillen 'Days Like Yesterday' und 'Beach Life“ eine Art Postgrunge. Verlen waren mal schnell, mal langsam, mal euphorisch, mal pessimistisch, und doch meist sehr schnell - und insbesondere LAUT. Entschieden zu laut! Auch wenn „loud“ in Verlens Mitte steht - für Lärm dieser Machart bin ich zu alt. Für Erregungen orgastischer Art sorgten unterdessen zwei an meiner Seite in Go-Go-Girl-Manier posierende Biester mit drallen Rundungen. Derweil die Damen sich triebhaft räkelnd eine Flasche Rotwein aufnippten, fluchte die Horde vorn übers Klavier. Verlen trieben mit einer - zugegeben geilen - viertelstündigen Noise-Orgie, am Ende ihre Spieldauer auf ungeplante sechzig Minuten!
Um 22.40 Uhr wehte dicker Nebel in den Raum, Blitz und Donner prasselten aus den Lautprechern: Aufgang der Schwarzen Sonne - und Signal zur Flucht für unzählige Studiwichtel. Maggot, Erdmann, Beck und Reinschmidt alias SOLEÏLNOÏR gossen ihren düster lärmenden Metalcore aus. Broken-Fronter Flow war mal Mitglied bei Soleïlnoïr, Basser Jörg kannte ich von einigen Konzis im Untergrund, dazu das Überlied „Interlude“, für das allein das Kommen lohnte: drei triftige Gründe also, die „Intellektuellen Liebesgötter“ aus Frankfurt endlich mal in Aktion zu erleben. Und es war supergeil! Soleïlnoïr waren ein verrückt-geniales Chaos, ein explosiver Nervenkitzel, ein abgefahrener Trip vom Thrill des Metal in die endzeitliche Magie des Doom. Bei Soleïlnoïr trafen hypnotisierende Melodien auf ultrabrachiale Klangwälle. Verzweiflung und Freiheit, Beklemmung und Kraft, Haß und Liebe entluden sich in Maggots emotionalem Organ zwischen schrillen Schreien und deathigem Geröchel. Nach der Gefühlsachterbahn um den Heavyrocker „Twentythree?“, dem Wutausbruch „Resistance“ und Subversivem wie „Remote Control“ kam es schließlich zum Overkill „Interlude“. „Interlude“ vereinte das komplette Universum der Schwarzen Sonne in fünf fesselnden Minuten. „Interlude“ war wie ein brodelnder Vulkan, der nach bedrohlicher Stille mit Urgewalt explodiert - um sich in todbringender Schönheit zu entfalten. Soleïlnoïr schienen in einer eigenen Welt zu sein und hätten ewig so weitermachen sollen. Final zerdonnerte „Dust“ - ein psychedelischer Noiseklumpen von zehn Minuten - den Saal. Dreadlockmann Maggot stieg nach der Hälfte vom Podium, zog ein Hemd über den nassen Körper, zündete sich genüßlich eine Papirossa an, und betrachtete die Krachterroristen an seiner Seite nun vom Publikum aus. Der schwergewichtige Riese Erdmann folgte ihm, darauf Beck, und nachdem auch Reinschmidt die letzten Trommelschläge gewuchtet hatte, erstarb die Schwarze Sonne.... Doch es gibt keinen Grund zur Trauer: Es war das Ende vorm Anfang. Seit 19.XII.2003, 23.25 Uhr haben Soleïlnoïr zwei neue Devote: Elbin Peanut und Doomjunkie Vitus! - Nach dem Inferno Soleïlnoïr überlegten wir, rüber zu den AU-Punks zu düsen. Dort hätten wir zwei Gruppen verpaßt. Deshalb blieben wir. Hatten letztlich einen Leidensgenossen. Denn Beck mußte ausharren, weil von Soleïlnoïr noch Technik auf der Bühne stand, die von den Nachfolgern verwendet wurde. Wir versüßten uns den Abend mit Bier bei heißen Kyuss vom Band...
ABSPIELLISTE SOLEÏLNOÏR
1. Intro CD 1
2. Intruder
3. Twentythree
4. Resistance
5. Intro CD 2
6. Remote Control
7. Borderline
8. Nucleus
9. Interlude
10. Intro CD 3
11. Nurutrus
12. New Song
13. Dust
14. Outro CD 4
Zur Geisterstunde fiel die Klappe für die Alternative-Rocker ZOOMA. Die schwächelnde Frontfee Otterbein war doch noch gekommen. Auch Zooma stammen aus der Mainmetropole. Sie machten melodiöse, anschmiegsame Gitarrenmusik mit siebziger Einschlag und einer erdigen Stimme, die sich zwischen Janis Joplin und Melissa Etherdige verorten läßt. Nach einem halben Stündlein mit fünf filigran schwebenden Liedern wie „Helpless“, „If“ und „Lovesong“ schlossen Zooma ihre Darbietung. Wenngleich etwas gehemmt, waren Zooma doch zumindest ganz sympathisch. Es war eben reine Mädchenmusik. Respekt für die handikapierte Sängerin Carola und deren unbedingten Durchhaltewillen - keinen für die zärtlichen Cousinen von meinem Tisch, die in Richtung Bett davonstöckelten.
Um 0.55 Uhr hieß es „Ready, steady, go!“ für Hahn, Närvänen, Petrek, Feuerstein und noch mal Hahn, Go für THE ROXY FLAMES aus Mainhattan. Fronter Robby wünschte „Einen schönen Guten Abend (oder Guten Morgen) und danke, daß ihr geblieben seid! „, und schenkte den Überlebenden den „Mr. Healer“. Obgleich seit 1994 am Lodern, waren die Flames absolutes Neuland für mich. Immerhin hatten sie mit Lyle Närvänen einen Promi in ihren Reihen: Närvänen griff einst bei Finnlands Schmalztollen- und Spitzschnabelschuh-Rockern Leningrad Cowboys in die Sechssaitige! Jene gelangten mit dem Roadmovie „Leningrad Cowboys go America“ bekanntermaßen zu schrägem Ruhm in der Sparte des Dadaismus... Tja, wie sind die Flames denn so? Nun, sie waren gut, richtig gut. Sie machten herzerfrischenden Schnee von gestern, waschechten Hard Rock. Mit langen Loden, Chromnieten, Muckihemden, Schweiß und Glockenhosen. Slade, Sweet, Purple & Konsorten ließen grüßen... Knackige Gitarren, gänsehauterzeugende Synthesizer und eine entfernt an Robert Plant erinnernde Stimme, schossen uns zurück ins Jahrzehnt der Schlaghosen und Clogs. Und selbst das seinerzeit noch mit der Trommel um den Tannenbaum laufende (und heute kiffende) Studentenvolk huldigte der Nachhut mit versonnenem Blick. Die Flames haben die Ahnen nicht bloß aufleben lassen, ihre Schau war fast mehr Siebziger als die Vorbilder selber. „Bustime Ticket“, „The Anti“, „I Believe“ und „Untamed Youth“ hießen die Teile. Und jedes war packender und authentischer als das davor. Leider war 1 Uhr 30, nach dem wilden „Rock`n´Roll Demon“, der Retrorausch schon vorüber. Es gab keine Verlängerung - aber es war superschön!
 
Zur vorgerückten Stunde standen die von den Postrockern Datura abgestellten DJs Mental Maps an den Plattendecks. Wir genehmigten uns indes ums Eck im Bumslokal „Doctor Flotte“ einen letzten Schluck. Dort ließen sich betrunkene Uniprofs in Weihnachtsmannkostüm vom Schankweib Schlagsahne ins Gesicht spritzen. Um drei fielen wir ins Bett.
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 21. Dezember 2003