THE SWEET, MEETOO, CRAZY CATS
D-Friedberg, Stadthalle - 9. November 2013
Im Osten waren´s auf Schulranzen und Federmappen gekritzelte Schriftzüge von Sweet, Slade, Mud und T. Rex. Böse Pimpfe fügten Kiss hinzu. Im bessergestellten Westdeutschland baumelten Plakate von besagten Bands in den Zimmern der Jugend. Aber wer konnte damals auch nur ahnen, daß es vierzig Jahre später zu einer Begegnung mit einem der legendären englischen Glamrockstars in echt kommt? - - Zum Auftakt ihrer UK-Tour mit Slade gaben sich The Sweet im Wetteraustädtchen Friedberg nördlich vor Frankfurt die Ehre. Schauplatz war einer jener am Ortsrand hingeklatschten Vielzweckklötzer aus Beton, die man auch „Stadthalle“ nennt. Für Sweet waren die beiden Säle der Stadthalle Friedberg zu einem großen Saal mit Platz für knapp 1000 Personen zusammengelegt worden. Schätzungsweise an die 800 waren zugegen. Und die sehnten die Süßigkeiten aus besseren Tagen herbei...
 
Als Vorspiel waren zwei professionelle Unterhaltungscombos aus der Nähe gebucht worden. Die Oldiemixer CRAZY CATS aus Frankfurt am Main hatten das Feld halb neun dankenswerterweise schon verlassen.
Die Nächsten - MEETOO aus Butzbach - begannen mit Deep Purples „Perfect Strangers“. Nach allerlei Geklautem aus den Achtzigern bis in die Gegenwart vermeldete das moppelige Fräulein hinterm Mikro ein Stück ihrer Lieblingsband, mit dem Vermerk, daß „es nicht ihr Lieblingsriff sei“. Es handelte sich um „Allright Now“ von Free. Weiter ging´s mit etwas speziell für ihre Geschlechtsgenossinnen Ausgesuchtem, dem „Little Secret“ von Frau Etheridge. Meetoo standen für jene Kapellen, die auf den Sommerfesten der Freiwilligen Feuerwehr Rödelheim für Radau sorgen. Aber vor den Stars? Während Sweet sich hinterm Vorhang die Bäuche hielten, war ich in Langeweile erstarrt, und kämpfte zudem in der Schlange um neuen Stoff (der nur gegen Märkchen und doppeltes Anstehen erhältlich war). Mit dem am Schluß präsentierten Lieblingsriff „Smoke on the Water“ war erst der Ausstieg des Gitarristen besiegelt, und der „Summer of ´69“ brachte nach einer Stunde auch die Erlösung von den Gernegroßen.
 
Im Anschluß trat - von zwei weiteren wichtigen Herren flankiert - Friedbergs Bürgermeister auf die Bühne. Keller machte Stimmung für die Stars und appellierte, daß das Konzert von einer Aktionsgemeinschaft für Kinder und Jugendliche veranstaltet sei, und daß im Sinne des Hilfswerks alle auf den Getränkepfand verzichtet sollten. Ferner erfolgte ein Hinweis, daß Fotografieren erlaubt, Filmen jedoch verboten sei. Das Management habe das Recht, sämtliche Aufnahmen zu löschen. Nachdem der geneigte Gast bereits 27 Euro Einlaß blechen mußte (als Nachweis gab´s eine Ratschband-Fessel ums Handgelenk), nachdem er nun auch noch der Stadtobrigkeit den Arsch küssen durfte, und nachdem der Dreckbauer und sein Huhn ihre reservierten Stehplätze am Bühnenrand von mir zurückerobert hatten, war es schließlich soweit...
Gegründet 1968, standen THE SWEET anfangs im Schatten der Beatles, Stones, Zeppelins und Purples dieser Welt. 1972 kamen mit „Little Willy“ und „Wig-Wam Bam“ die ersten Hitsingles; 1973 gelang mit einer härteren Ausrichtung und Titeln wie „Block Buster“, „Hellraiser“, „Ballroom Blitz“ und „Teenage Rampage“ der große Durchbruch. Aus heutiger Sicht strotzt die Bandhistorie vor Superlativen. Über 55 Millionen verschacherte Platten... Als eine der wichtigsten Glam-Rock-Gruppen aller Zeiten, füllten Sweet Arenen von London bis New York. Bis zum drogenbedingten Aus von Sänger Brian Connolly († 1997) im Jahre 1979 spielten die vier aus der Grafschaft Middlesex in Urbesetzung, und bis zum Abschied des Schlagzeugers Mick Tucker († 2001) anno 1991 waren zwei Jahrzehnte immerhin noch drei Originalmitglieder dabei. Am heutigen Sonnabend stand nur noch Sechssaiter Andy Scott (heute 64) auf der Bühne. Sänger und Bassist Peter Lincoln, Tony O´Hora (früher bei den Thrashern Onslaught) und der langjährige Drummer Bruce Bisland komplettierten die neuen Sweet. Die Schau startete Punkt 22.07 Uhr mit Hellos „New York Groove“ und „Hell Raiser“ gleich richtig durch. Nach dem rasanten Eröffnunstriple folgte mit „Six Teens“ ein Stück aus einer Zeit, als viele noch gar nicht geboren waren, und darauf mit „Into The Night“ das einzige von Andy Scotts rauhem Organ vorgetragene Teil. Etwas betulicher, mit Doppelkinn, die Outfits weniger schrill, Glockenhosen und Plateauschuhe sind eh Geschichte, aber die Haare immer noch schulterlang; der Sound zuckerig und voller Glimmer, und trotzdem geradeaus und durchgeknallt wie ehedem: So waren The Sweet und ihr Kaleidoskop über die Siebziger anno 2013. Friedberg war aus dem Häuschen, die meisten tanzten, einer wurde headbangend gesichtet, und die weibliche Besucherin neben mir mußte vor Begeisterung manchmal regelrecht schreien. Nach „Wig-Wam Bam“ und den magischen drei Worten „We want Sweet!“ setzte es erst den „Teenage Rampage“ und darauf Übernahmen von Dead Or Alive und The Kinks durch „Spin Me Round“ und „Set Me Free“. Zu einem emotionalen Moment kam es im Mittelteil: Sweet gedachten ihren Toten. Scott war sich sicher, daß die ehemaligen Gefährten heute unter uns sind, und widmete ihnen das mit der „Fanfare for The Common Man“ veredelte „Love is Like Oxygen“. Aber auch der Neue hinter den Trommeln schwitzte in jener Nacht im November Blut. Auf die Sirenen zu „Block Buster“ schwächte sich der Auftritt kurzzeitig ab, doch mit dem „Ballroom Blitz“ prasselte final (nach 82 Minuten) noch mal ein Feuerregen hernieder, der in der Wetterau lange nachhallte.
 
 

Heiliger Vitus, 11. November 2013
(Bilder: Hl. Vitus)
Spicker zu „Into The Night“
ABSPIELLISTE MEETOO
(20.45-21.45)
1. Perfect Strangers [Deep Purple]
2. Didn´t I See You Crying (I Want You To Want Me) [Cheap Trick]
3. Dream On [Nazareth]
4. Bad Case of Loving You (Doctor, Doctor) [Robert Palmer]
5. I Am Waiting [The Rolling Stones]
6. All Right Now [Free]
7. Hold the Line [Toto]
8. Hush [Deep Purple]
9. Your Little Secret [Melissa Etheridge]
10. Smoke on the Water [Deep Purple]
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11. Summer of ´69 [Bryan Adams]
 
ABSPIELLISTE THE SWEET
(22.07-23.29)
1. New York Groove [Hello]
2. Hellraiser
3. Little Willy
4. The Six Teens
5. Into The Night
6. Wig-Wam Bam
7. Teenage Rampage
8. You Spin Me Round [Dead Or Alive]
9. Set Me Free [The Kinks]
10. Love is Like Oxygen
11. Block Buster
12. Fox On The Run
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13. Action
14. The Ballroom Blitz