THE WATER SAFETY, PAPER PLANES
D-Frankfurt am Main, Elfer Music Club - 21. Dezember 2013
Immer zwischen den Jahren gaben sich - passend zur Stimmung und wie ein Licht fürs Gemüt - Frankfurts melancholische Indierocker Colourful Grey die Ehre auf den Bühnen der Stadt. 2007 zum letzten Mal! Doch es gibt einen Nachfolger. Und der heißt The Water Safety. Nach sechs Jahren Pause stieg das Konzert nicht mehr im riesigen »Sinkkasten«, sondern im kleinen »Elfer Club«. Die Lokation ist neu. Wegen dem geplanten Abriß der »Batschkapp« mußte sich auch der in den Untergeschossen befindliche »Elfer« eine neue Herberge suchen. Die Wege trennten sich. Während die berühmte »Kapp« in einer vormaligen Fabrik im Stadtteil Seckbach ihre Kapazität verdoppelte, schrumpfte der »Elfer« im Kneipenviertel Alt-Sachsenhausen (früher mal »Die längste Theke Deutschlands«) auf die Hälfte zusammen. Aus der legendären Kneipe im Erdgeschoß und dem Liveclub im Keller wurde ein feuchter, abgerockter Kellerklub mit Platz für 230 Personen (150 im Konzert- und 80 im Nebenraum). Doch im Unterschied zur neuen Batschkapp in der Walachei Frankfurts, bekam der neue Elfer eins mit in die Wiege gelegt: Patina. Denn an gleicher Stelle stiegen in den Achtzigern die übelsten Massenschlägereien zwischen weißen GIs, schwarzen Boys und türkischen Kleingaunern. Es ging um Frauen und Drogen, und »Larry´s Inn« nannte sich das Bumslokal... Schräg davon befindet sich mit dem »Ponyhof« nun ein weiterer, gemäßigter Indieladen; die Luft riecht nach Bier; dazu bespritzt das Apfelwein-Original Frau Rauscher die Elfergänger ganz zufällig mit Wasser. Am heutigen milden Mittwintertag fanden sich rund 40 junge und alte Studierende in der rostbraunen, guten Stube des »Steinernen Haus« von 1464 ein. Die ersten 40 wurden mit dem Sampler 'Listen Up, Kids!' beschert. Es ging also gerade so auf...
Mit den PAPER PLANES machte eine Gruppe aus Frankfurt halb zehn den Anfang. Eine halbe Stunde hatte man noch gewartet, aber es wurden nicht mehr als anfangs zehn Besucher. Die Paper Planes hatten Peanut und ich vor drei Jahren in einem damals ebenfalls frisch eingezogen Klub, dem »Bett«, erlebt. Die Mitglieder blieben zusammen, und heute spielten Ben, Jan, Hanno und Fred ihr erstes, neunspuriges Album fast in voller Länge ab. Vor drei Jahren hatten Paper Planes extrem schüchtern gewirkt. Insgeheim hatte ich gehofft, daß das Quartett mit der gewonnenen Erfahrung mehr Kraft entfalten würde. Doch die vier Jungen gingen ihre Linie unbeirrt weiter und boten in sich gekehrten, rein instrumentalen Postrock mit viel Verve und Anklängen von Sigur Ros. Die Titel hoben vorsichtig ab, schwollen an, einmal tönten sogar Worte aus Menschenmund vom Band, und hin und wieder kam es zu emotionalen Turbulenzen, doch die währten immer nur kurz... bevor die Paper Planes wieder in minimalistischen, filigranen Klangsphären verschwanden. Der Wechsel von Gitarre und Bass machte ausgerechnet einen Titel namens »Popsong« zum wuchtigen Höhenflug. Im Finale schwebten die Papierflieger vom Main etwas flach daher, aber ich will nicht pesten. Paper Planes waren die Musik einer neuen Generation - und das kleine Auditorium fand an dem knappen Stündlein viel Gefallen. In der heutigen Zeit muß man froh sein, wenn überhaupt noch jemand für ein Konzert rauskommt!
Philipp Lemhöfer und Boris Werth sangen und spielten die Sechssaiter für Colourful Grey. Nach derem Ende und einer schöpferischen Auszeit gründeten sie 2008 zusammen mit Keyboarder Dennis Herzog THE WATER SAFETY. Mit Basti Schaurer und Jo Aeppli war die Besetzung 2011 komplett. Lemhöfer und Werth sind mittlerweile abgebrühte Hunde. Einen gewaltigen Wandel haben sie mit dem neuen Projekt nicht vollzogen. Was Ende der Neunziger mit einer Kombination aus englischem Postpunk, bittersüßem New Wave und knalligem Indiepop begann, ist lediglich gereift. Abgesehen von symbolisch angesteckten Weihnachtssternen, sind die schrillen Outfits und Körperlichkeiten Geschichte. Heute gab man sich ungeschminkt, trug Jesusbart und einen Fetzen der Schwarzmeteller Wolves in the Throne Room. Auch Whisky kam nicht mehr auf die Bühne (nur ein Bier für den Schlagzeuger, der hatte dringend darum gebeten!). Ferner hatte zumindest eins der Mitglieder die Nase voll von Frankfurt und sehnt sich nach einem Leben auf dem Lande. Wie gesagt: man ist reifer geworden... Die Musik quoll - wie schon bei Colourful Grey - geführt von der hellen Stimme Lemhöfers vor unterschwelliger Melancholie nur so über, besaß aber mehr Tiefe, elektronische Experimentierfreude und bewegte sich nicht selten auf der Grenze zum Postrock. Eingeleitet von smarten Sprüchen zelebrierten Lemhöfer und Konsorten weitgehend ihr Langrillendebüt 'Happiness Is A Warm Wookie'. Dabei stellten das verzerrte »Chapeau! Chapeau!«, der Synthie-Sturm »OK Cliché« und der fast schon doomige Noisebatzen »Postscript« die Glanzlichter der Schau dar - bevor die Zugabe »Fantômas« unmittelbar vor der Geisterstunde dieses wunderbare Konzert beschloß. Colourful Grey sind tot, aber The Water Safety leben!
 
Die nachfolgende Rockparty BREAKOUT mit DJ Deftig und grenzenlosem Stoff aus den letzten Jahrzehnten haben wir uns erspart. Wir sind schon sehr gespannt auf die letzten Tage von 2014!...
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 24. Dezember 2013
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
PAPER PLANES
(21.34-22.28)
1. I´ve Only Got ONE Rocket State
2. Monochrome
3. It´s Not OK Computer
4. Cape Canaveral
5. Bad Cough
6. Walfang
7. Popsong
8. Suburban Symmetry
9. Liv
10. Trompete
 
THE WATER SAFETY
(22.39-23.43)
1. Hoverboard
2. His Blonde Loveliness
3. Impressive! Most Impressive!
4. No, I´m Not a Striker
5. Roller
6. Chapeau! Chapeau!
7. OK Cliché
8 Tapdance
9 Postscript
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10. Fantômas