VARG, DEADWOOD, WINTERFALLEN
D-Frankfurt am Main, Nachtleben - 18. November 2010
Unter dem Betreff „Erstmalig Nazi-Band auf Wacken Open Air“ hatten Rote im Februar per Rundschreiben „Keine Bühne für VARG“ gefordert. „[...] Die Band gilt als sog. „NSBM-Band“, ihre Texte handeln von Blut & Ehre und könnten auch von jeder beliebigen Rechtsrock-Band stammen. Zwar bemüht man sich wegen neuerlichem Erfolg von „Nazis“ zu distanzieren, doch bestätigen Personen aus dem Umfeld der Band immer wieder die rechte Gesinnung der Bandmitglieder. Erst kürzlich ist wieder ein Foto vom Varg Frontmann aufgetaucht, wo dieser mit einem T-Shirt der NSBM-Band Absurd zu sehen ist. [...] Das Legacy-Magazin hat sich wortreich von VARG distanziert. Vom Ragnarök-Festival hat man den VARG-Frontmann ausgeladen. Sein Interview mit dem Rock Hard wurde nicht abgedruckt. Der Vertrieb Twilight Mailorder führt VARG nicht mehr im Sortiment. Und auch das große Label Nuclear Blast Records, welches noch vor weniger als einem halben Jahr den Vertragsabschluss mit VARG verkündete, hat alle Veröffentlichungen und Fanartikel von VARG aus dem Sortiment genommen. Wann wacht endlich auch Wacken auf und verhindert den Auftritt dieser Nazi-Band? [...]“ Das alles (und noch viel, viel Schlimmeres!) hatte in dem Brief des antifaschistischen Widerstands gestanden. Sogar „Wikipedia“ hatte sich ausführlich um Varg gekümmert. Unterdessen sich all der virtuelle Mummenschanz an diesem schönen Novembertag in Frankfurt im Nichts auflöste. Statt Pfeffer, Knüppel und Stiefeltritte von Links, bot die rote Frontstadt eher Ärger durch den Mammon auf: Der Einlaßdienst verlangte stolze 16 Euro, das Barweib für den Humpen Weißbier 3,80 (Euro, nicht Mark!). Man sollte sich also stets vor einem Gang ins „Nachtleben“ in Stimmung bringen - oder am besten mit klarem Kopf durch die Nacht gehen...... 31: Diese Zahl stand auf meiner Karte, und mehr als 50 Zahlende wurden es auch nicht. Davon war ein Viertel Frauen. Kaum zu glauben, daß sich die Schäfchen von Varg vom angekündigten Terroranschlag abhalten ließen......
Mit einer halben Stunde Verzug setzte ab 21.18 Uhr ein schwarzmetallisches Sturmtief namens WINTERFALLEN ein. „Guten Abend! Wir spielen zwei Stücke für euch.“ So hörte sich die Begrüßung an. Zwei Stücke bedeuteten auch, daß Winterfallen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Auftritt der Abteilung „Einmaliger Kult“ werden würden. Winterfallen setzten sich aus vier Menschen zusammen, wobei Stimme Murderous Frenzy Geleitschutz durch Gitarrist Irrlicht und Bassist Moorseele von den nachfolgenden Deadwood erhielt. Ein blutjunger Trommler in Deadwood-Hemd vervollständigte die Rotte aus Hessen. Winterfallen machten Black Metal mit heidnischem Hintergrund, der an Burzum in ihrer 'Hvis-Lyset-Tar-Oss'-Phase erinnerte. Der Grundton war atmosphärisch, extrem untergrundig und roh, die Gitarren verdammt schnell, und über allem gellten verzweifelte Schreie, die nach einer großen Einsamkeit klangen. Das war ziemlich gut und fast schon beängstigend wahr, und das symbolische Erdrosseln des Frontmanns mit der Mikroschnur bestimmt mehr als nur gespielt. Winterfallen wären nicht die Ersten, die sich selber ins Jenseits befördern. Zumindest bei mir hat dieser Autritt große Emotionen hinterlassen! Winterfallen waren der absolute Black-Metal-Underground!
DEADWOOD verwirrten mich erstmal mit ihrer Besetzung. Lange wurde ein Sänger gesucht - und nun war einer gefunden. Was wiederum das Ausscheiden Groms bedeutet hätte. Aber so war es nicht! Grom hatte lediglich beschloßen, sich ganz auf die Gitarre zu konzentrieren und für die Propaganda einen Fünften in den Bund zu holen. Damit waren Grom, Irrlicht, Moorseele und der neuerdings unter dem Tarnnamen Gothmog operierende Schlagwerker heute mit neuer Stimme zugange. Es war bereits 22.08 Uhr, als die Gruppe aus dem Odinwald zur Sache kam. Deadwood wirkten heute wie eine schwere Dampfwalze. Das lag zum einen an der Optik - ich sag´ nur: sehr bullige Saitenmänner -, andererseits auch an einer neuen, entschleunigten Ausrichtung. Black Metal war das kaum noch, eher Death Doom oder etwas schweratmiger Black Doom (was kein Makel ist)! Deadwood zeigten sich heute auch erstmalig bis über den Schädel tätowiert ungeschminkt, wobei zum neuen Sänger nicht nur ein räumlicher Graben klaffte. Und ja: Ich habe es ersehnt - und Deadwood haben es gebracht: das rasende Mahnmal für die Heimat. „Dresden“ wurde gleich an der zweiten Stelle erbaut. Und zwar „für einen, der aus Dresden ist!“ „Dresden“ war das einzige echte Black-Metal-Teil von Deadwood, es war fanatisch herausgeschrien und es schuf die bewegendsten Momente. (Ich selbst mußte mir Tränen aus den Augen wischen und habe den Sänger als Dank für „Dresden“ abgeküßt!)
Mit den Coburger Viking-Metallern VARG hatten sich die Veranstalter des „Nachtlebens“ erstmals eine wirklich umstrittene Gruppe ins Boot geholt. Erstmalig in der 17jährigen Geschichte des Klubs stand eine Gruppe auf der Bühne, der eine Freundschaft mit den NSBM-Szenehelden Absurd unterstellt wird. „Kannste ma ´n Meter zur Seite geh´n?“ Dieser Rüffel von Trommler Fenrier war die erste Berührung mit Varg für mich. (Der Mann wollte an seine Ausrüstung, vor die ich mich zufällig hingestellt hatte.) Um 22.55 Uhr schwang sich das Wolfsrudel schließlich zum Angriff auf - und nach wenigen Takten war bei mir Ernüchterung eingezogen. Es war nicht nur die allzu aufdringliche Aufmachung, die den rechten Zauber fehlen ließ - mit ihrer schwarz-roten Kriegsbemalung, mit Harnischen, Furchtlocken und im Hintergrund aufgestellten Blutfahnen wirkten Varg wie gepuschte, und auch etwas hochnäsige Kunstfiguren - sondern auch die Musik an sich. Freki, Hati, Skalli, Managarm und Fenrier spielten ihren germanischen Sound, in dem es um Ehre, Stolz und alte Werte ging. Der Ahnenkult wurde beschworen, die alten Feuer. Ferner auch „Blutaar“, der Blutadler, als heidnische Bestrafung für den Feind. Das an sich war furchtgebietend und ehrenwert. Nur leider nicht die Darbietung. Allzu plump wirkte dieser vertonte Angriff aus heldischen, wuchtigen Stahlsaiten, aus pfählenden und abschlachtenden Gesten und Parolen, und über allem aus Frekis barbarischem Gekrächz. Varg waren Rauhbeine vor Odin, aber die Faszination der Endstille konnten sie zu keiner Zeit erreichen. Nach vierzig Minuten Varg (um 23.35 Uhr) war für mich der Endpunkt erreicht.
 
 
Heiliger Vitus, 22. November 2010
(Bilder: Hl. Vitus)
ABSPIELLISTE WINTERFALLEN
1. Kälte bricht ein
2. Illusio
 
ABSPIELLISTE VARG
(ohne Gewähr)
1. Windzeit
2. Viel Feind Viel Ehr
3. Skal
4. Schildfront
5. Blutaar
6. Wolfzeit