WINDAND, SATAN´S SATYRS
D-Wiesbaden, Schlachthof (Kesselhaus) - 30. September 2017
Mit Windhand und Satan´s Satyrs gaben sich am letzten Tag im September in Wiesbaden zwei Gruppen die Ehre, die beide in Richmond, Virginia leben, grundverschiedener Natur sind, aber wie ein altes Ehepaar zusammen durch die Welt tingeln. Daß nicht jeder Ort ein schöner ist, zeigte sich erneut in Hessens Hauptstadt. Um seine Unberührbarkeit hinterm Wiesbadener Hauptbahnhof weiter zu untermauern, hatte der »Schlachthof« im Außengelände ein riesengroßes Schild mit seiner Hausordnung aufgestellt, das einer Flughafenkontrolle oder dem Checkpoint Charly ähnelte. Demnach verstießen wir gegen mindestens drei Punkte: unsere Tasche war größer als DIN-A4-Format, darin befand sich eine Fotokamera, und ich selber trug ein sexistisches Textil: eine Dame mit gespreizten Beinen, Bong und der Schriftblase »Electric Wizard« vorm Heiligsten. Was in den Köpfen war, war bestimmt auch verboten. Nichtsdestotrotz waren wir sehr früh gekommen, um im vorgelagerten »60/40« Tickets für das Konzert mit Ufomammut und Usnea zu kaufen. Dort durfte man nicht gerade homophob veranlagt sein. Denn das von befreundeten Paaren und spielenden Kindern heillos überforderte Kneipenpersonal hatte den Vorverkauf kurzerhand geschlossen. So beobachteten wir bei einem Stehbier vom Fensterbrett aus die sich anbahnende Enttäuschung des Abends... und bewegten uns später im Regen vom Abenteuerspielplatz »60/40« zur Konzerthalle »Kesselhaus«. Zum Glück ließ man uns nicht lange draußen warten. Drin tummelten sich lauter Menschen mit einwandfreiem Charakter, an die hundert. Solche, die nicht für die Musik rauskommen, sondern um dagewesen zu sein, weil sie da sein mußten. Heiße Köpfe, die sich mit den ersten Klängen plötzlich in naiv und völlig unpolitisch verwandelten. Man konnte glatt mißtrauisch werden. Leider übersah man ein Fräulein mit einem Aufnäher der bösen Mgla und einen Typ mit stilisiertem Keltenkreuz... Klar, es gibt dunklere Orte. Welcher Veranstalter übernimmt mit der Konzertkarte die Hin- und Rückfahrt in allen Bussen und Bahnen im Rhein-Main-Gebiet, stellt kostenlos Ohrstöpsel, bietet Augustinerbier für 2,60 Euro, und das in einem blitzblanken, historischen Bau? Trotzdem wird am Ende immer und immer wieder der sprachlos machende Heimweg in der S-Bahn alles zerstören - stundenlang eingepfercht unter Neonlicht und lauter guten Menschen, nur den Besten aus der ganzen Welt... So verkam auch dieser Abend zu einem Dienst an der Sache.
Pünktlich halb acht begann die Vorstellung. SATAN´S SATYRS aus USA betüttelden die Menge mit frühem Achtzigerjahre-Heavy-Metal im Stile von Blue Cheer, gemeinhin so was wie dem Feind des Doom-Metal-Addikts (der mich nach wenigen Minuten auch etwas anödete, aber wir waren für Windhand da). Entgegen ihres Gruppennamens und des gemeinsamen Wohnorts mit Edgar Allan Poe wirkten die vier Langmähnigen weder schwarzmagisch noch von überhöhtem Sextrieb gesteuert. Vielmehr ähnelten Satan´s Satyrs einer comichaften Überzeichnung aus grellem Fledermausgequieke, ballernden Stromgitarren, superlässigen Rockposen und allerlei Plattitüden zwischen den Liedern. Mal warfen sich die Saitenmänner die Licks zu, mal rieben sie sich als hautenges Tandem aneinander, bis schließlich nach dem vierten - vor »You-Know-Who« - erst der neu dazugestossene, superlanghaarige Gitarrist Nate Towle den Leib blankzog, und eins später - vor »Alucard« - auch Frontmann Clayton Burgess (nebenbei Bassist von Electric Wizard!) sein Jäckchen auszog (um sich fortan in Unterhemd im Leopardenlook zu zeigen). Ein Titel kam wie der andere: energetisch, verschwitzt, auf Hasenficktempo und rettungslos aus der Zeit gefallen.
WINDHAND waren eine der sich epidemisch ausbreitenden Gruppen, die sich zeitgenössisch »Doom« nennen. Bei Windhand war alles zusammengemaust: der gefrickelte Wah-Wah-Sechssaiter von Saint Vitus, die honigsüße Frauenstimme von Acid King, die schamanischen Tänze von Jex Thoth, das Shirt des Gitarristen von Dead Moon, das in sonorer Zeitlupe endlos dahinwehende Klanggewand von Sleep. Der Auftritt hatte sich wund gekrochen, noch bevor ich mit Cottrell, Morris, Chandler und Wolfe überhaupt auch nur warm werden konnte. Vielleicht kein Wunder... bei der undoomigen Umgebung... die auch durch die spartanischen grünen und blauen Strahlenbündel nicht magisch wurde... Windhand hoben sich zuvorderst durch ihren kleinen, ausgemergelten Kerl am Sechssaiter ab, der die unterschiedlichen Welten aus traditionellem Doom Metal und voll entschleunigtem, rauschhaft brummendem Stoner-Stoff verband. Dennoch werde ich nie der größte Windhand-Anhänger sein. Allzu stromlinienförmig, unbeseelt und - trotz der harten Akustik im Raum - verwässert fühlte sich die Performanz an, fürchterlich unecht. Für eine Doomgruppe befremdlich geradezu. Mit »Orchard«, »Woodbine« und »Cassock« präsentierten Windhand ihre besten Teile. Zur frühen Stunde von 21 Uhr 11 sagten sie bereits ihren »last song« an - der um eine Zugabe erweitert halb zehn endete. Im Schlußakt wurde die Heilerin Dorthia selbst schwach und offenbarte sich mit glühender Kippe im Mund. Ob es eine neue Geschichte aus dem Schlachter geben wird, weiß nur der Wind...
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 2. Oktober 2017
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
SATAN´S SATYRS
(19.30-20.03)
1. Full Moon and Empty Veins
2. Witch
3. Thrill
4. Show Me Your Skull
5. You-Know-Who
6. Alucard
7. Creepy Teens
 
WINDHAND
(20.20-21.30)
1. Orchard
2. Woodbine
3. Forest Clouds
4. Summon the Moon
5. Kingfisher
6. Cassock
7. Winter Sun