WUCAN, MOTOROWL, STICKS IN THE CASINO
D-Dresden, Chemiefabrik - 27. Dezember 2018
Der heutige Abend stand im Zeichen der Kräuterrocker Wucan, die nach zig Auswärtsspielen kreuz und quer in Europa am Ende des Jahres ihr einziges Konzi in ihrer Heimatstadt Dresden ablieferten. Dazu hatten sie mit Motorowl und Sticks In The Casino zwei weitere Retrokapellen aus dem Osten eingeladen. Der Schauplatz, Dresdens führende Undergroundadresse, die „Chemo“, zeigte sich als hübsche Lokation aus stimmungsvoll ausgeleuchteter Fassade, einem noch recht frischen, großzügigen Saal, sorgfältig austarierter Technik, aus Fahrradketten, Kettenblättern und Ritzeln geschmiedetem Raumteiler, und entspannter Bar mit den gewohnten regionalen Getränken zum volkstümlichen Preis. Für elf Euro konnten drei Gruppen mit Meriten bestaunt werden. Hundert Gäste füllten den Laden luftig aus. Einzig die knutschenden und fummelnden Pärchen störten.
Hinter STICKS IN THE CASINO steckten der Trommler und Bassist von Wedge (hier an Gitarre und Hammondorgel), erweitert um einen zweiten Gitarristen und einen zentral postierten Langhaarigen am Bass. Man könnte auch sagen: Dave und Holli hatten sich von ihrem nervenzerrenden Vokalisten getrennt - um mit Eli und dem Doctor richtig geile Musik frei von Geträller zu machen. Dazu sei gesagt, daß ich Wedge 2015 in Frankfurt erlebt, und Dave und Holli als leidenschaftliche Freaks in Erinnerung hatte. Der Wegfall des Sängers gab ihnen den nötigen Raum zur instrumentalen Entfaltung - den sie weidlich nutzten! Das aus dem thüringischen Saalfeld stammende und nun in Berlin ansäßige Quartett lieferte einen prickelnden Mix aus Prog, Psych und Stoner Rock. Melodramatisch britzelnde Trossen kopulierten mit einer spaceig hupenden Orgel und Hollis obsessives Geknüppel im Hintergrund. Und obwohl Eli den Bass wie eine dritte Gitarre spielte, hatte alles einen wohltuend bassigen Unterton. Es war ein bißchen wie ein Treff von Black Sabbath mit Emerson, Lake & Palmer und Deep Purple. Besonders in puncto Esprit konnten sich alle Nachfolgenden ein Scheiblein abschneiden. Ja, so sah´s aus! Paradoxerweise machte der Doctor am Ende einen Knicks vor Motorowl, indem er ein lautes „Motorooowl!“ ausstieß, die Faust reckte und Luftgitarre spielte. Im Anschluß vertickte er den vor neun Jahren erschienenen, DDR-mäßig aufgemachten Silberling 'Walking With The King'.
Auch MOTOROWL hatte ich schon mal gesehen - im Vorjahr im großen „Beatpol“ als Eröffner für Sólstafir. Ich mochte diesen Auftritt durch und durch. Die fünf aus Gera spielten die Berühmten aus Island bei brutaler Hitze mit immenser Wucht an die Wand. Das war purer, doomig angehauchter Untergrund. Aber danach drehte sich die Geschichte. Schon die Platte zum Konzert - 'Om Generator' - wollte daheim nicht recht zünden. Mit 'Atlas' hatten Motorowl nun ein zweites Album am Start - daß - Euronen, ich hör´ euch rollen - vom Schweden Dan Swanö abgemischt wurde. Motorowl hatten sich den Versuchungen offenkundig schnell ausgeliefert. Sie waren in Siebziger-Hemden geschlüpft, der Frontmann trug Glitzerschminke, und alle fünf zusammen wirbelten von Anfang bis Ende manisch die Mähnen (geradezu aberwitzig: der Organist). Doch die Musik tönte piepsig und weich. Motorowl vermischten Candlemass, Lake of Tears, Deep Purple und Krux, bittersüßen Mainstream und powernde Retroschnulzen. Erst zum Schluß brachten Motorowl etwas Doomiges, etwas, daß sie lange nicht gespielt hatten: den „Om Generator“. Aber auch hier groovte der Mammon. Als die Hälfte schon den Saal verlassen hatte, brachten Motorowl für den harten Kern in einer spontanen Zugabe ihr bestes Stück: noch einen Doomer, der mit „Can you see the black horse?“ angesagt war. Final erklärte der Max, daß Motorowl von Wucan eingeladen waren.
Das bombastische Finale stellten also WUCAN. „Coming heeme“: Schon die anglo-sächsische Losung zum Konzert schien daneben. Und leider war auch die Performanz in echt wie eine Gala für den Freundeskreis (oder: Onanie vor einer Bussi-Gesellschaft). Nach Motorowl waren nur drei Dutzend geblieben. Die feierten die Heimkehr ihrer Prinzessin. Francis war Wucan, Wucan war Francis. Jene trug eine hautenge Lackhose und ein tief ausgeschnittenes Nicki, aus dem ein roter Spitzenbody quoll. Francis war wild, zuckersüß und defensiv-sexy - wie eine Mischung aus Melissa Etheridge, Doro und Kati Witt. Sie fuhr alles auf: Gesang, Gitarre, Flöte und sogar eine berührungslose Theremin-Orgel - während ihre männliche Eskorte zu Randfiguren verblasste. Der Sturm aus Schmelz, Schmalz, biederem Friede-Freude-Eierkuchen-Schmus und neu aufgelegten Jethro Tull, zog mir schnell den Nerv. Draußen die Petrikirche schlug Mitternacht als ich mit Frau P. ging.
 
 
Text: Heiliger Vitus, 2. Januar 2019; Bilder: Peanut
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STICKS IN THE CASINO
(21.15-22.00)
Titel unbekannt
 
MOTOROWL
(22.18-23.09)
Atlas
Norma Jean
To Take
Om Generator
Rest unbekannt
 
WUCAN
(23.29-XXX)
Titel unbekannt