ZOUNDS, SPLIT
D-Frankfurt am Main, AU - 19. April 2003
Jesus war cool! Dank dem Nazarener gibt´s Ostern - und für den Knecht zwei Feiertage mit Zeit für das Schöne im Leben. Und Punk sei Dank hörten wir heute auch keine Kirchenlieder. Nein! Ostern 2003 stand Anarcho-Punk auf dem Programm: Die „Curse of Zounds Euro Tour“ machte Halt in Rödelheims autonomem Widerstandsnest „AU“. Streß ist dem Punk fremd. Da es keine offiziellen Zeiten gab, schien uns um zehn Uhr abends eine angemessene Stunde für den Konzertbeginn. Wir rechneten mit vielen Besuchern. Es wurden vierzig. Und wie gesagt: Streß? Nein, danke!
Im Tempo von Faultieren stieg der Stoßtrupp in den Ring. „Hallo, wir sind SPLIT aus Zürich!“ Mit dem ersten Schlag auf die Saiten hatte Punkt 23 Uhr das Phlegma ein abruptes Ende. Hopp Schwiiiz! Es gab Hardcore! Verdammt lauten!! Gitarrengewitter und Trommelgeknüppel in einer Lautstärke, als würde ein Jagdflieger die Nachbrenner anlassen! Viel zu laut für den niedrigen Keller, und nur mit Ohrtorpedos auszuhalten! Wer so lärmt, hat Haß im Bauch. Und davon hatten die Eidgenossen extrem viel. So trug der Frontmann einen Fetzen mit dem Schlagwort DO NOT QUESTION AUTHORITY. Wer würde es wagen? Wir sind Devote, angepisste Kettenhunde, die nur auf den rechten Augenblick warten! Rabiat und immer auf Vollgas im Stil der Dis-Bands belferten Split ihre Miniplatte von Racheakt in die Meute - krude Tiraden namens „All We Hate“, „The Others“, „Peacekeepers“, „Ta Geule“ und „The Truth is Outhere“. Kaum eine währte länger als neunzig Sekunden. Und dies mit allen Reglern im dunkelroten Bereich. Was bedeutete, daß außer „Suck!“, „Fuck!“ und „Why?“ nicht viel „Sprache“ zu hören war. Aber die brauchte man auch nicht. Die Botschaften waren schlicht, aber radikal. Ansage gefällig: „Das nächste Stück ist für all die Nazis, die sich irgendwo in Deutschland versammelt haben. Sie sollen Scheiße fressen! Fuck this Way!“ Nach vierzig Minuten endeten die Krachterroristen mit „We are Alive!“.
 
Der reinste Gegenentwurf zur Bühne bot sich am Stand der Schweizer. Dort verhökerte ein strickendes [sic] Mädel Pulswärmer und Wollmützen aus eigener Herstellung für 15 und 20 Euro. DIY, sagt man dazu! Einen Tiefschlag gab es für mich, als mich ein Fräulein nach „Longpapers“ frug. Hatte ich nie gehört. Sie wollte sich ´nen Joint drehen. Aber in den Achtzigern wurden noch mühsam mit Spucke drei Rizzlas zusammengeklebt. Wie die Zeit vergeht.
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Ab 23.55 Uhr gab es Soundz von ZOUNDS aus Reading bei London. Obwohl die 1977 gegründete Gruppe nie den Status der Sex Pistols oder The Clash erreichte, zählen Zounds (ugs. für „God´s Wounds“) zum inneren Kreis des Punk. Neben Conflict sind Zounds eine der wenigen noch aktiven Anarcho-Punk-Bands aus den Anfangstagen. Nach einem im schodderigen Cockney-Charme dahingesagten „Ladies and gentlemen, boys and girls!“ machte „Burn“ sofort klar, wohin die Reise ging: Man hatte sich keinen Millimeter von den Wurzeln entfernt. Zounds waren 100 Prozent Anarchy, Garbage, No Future, Fuck, Abfall und Müll. Wie einst Johnny Rotten, forderte auch Steve Lake die Meute mit spöttisch-zynischem Blick aus glasigen Augen heraus. Mimik war Programm! Lake stellte seine Bühnenbesetzung vor: „At the drums: Stick.“ Stick trug Dreads, einen Fetzen von Black Sabbath [sic] und nebenher trommelt er bei den Crusties Extreme Noise Terror und Doom. Bassist Martin Protag Neish wiederum mimte - unter Kappe und Sonnenbrille maskiert - das smarte Gegenüber. Drei Figuren mit den Macken der Engländer. Und jene schrammelten reifer als Split. Nicht so laut, aber knackiger, eindringlicher. Neben kurzen Hieben gegen die Mächtigen gab´s es auch längere wie den Sechsminüter „Teenage Suicide“. Die alten appellierten an die jungen Hausbesetzer: „Help each other! It´s a bit christian funkadelic!“ Das Lied hierfür hieß „Dirty Squatters“. Krieg war heute. In Anspielung auf den Irak machte man auch keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen Amerika. Treu dem hinter der Bühne baumelnden Leitgedanken THE CURSE OF WAR FEVER hagelte es verbale Propaganda: „Do you want a little bit more? Here is 'A Little Bit More'!“ Und noch ein Denkzettel fürs Kapital durch „This Land“ mit der Ansage „This land is Deutschland. Does it belong to McDonalds? - No! Does it belong to the USA? - No! Does it belong to the UN? - No! Does it belong to the government? - No! It belongs to YOU!“ Um 0 Uhr 40 hatten die Veteranen von der Insel ihre flammende Performanz beendet. Der Mob wollte mehr - und er bekam mehr. Zum einen das zynische „New Band“ (gewidmet ´nem Ex-Zounds-Gitarristen, der nun mit ´ner anderen Combo zum Mammon kriecht); zum anderen den siebziger Punkrocker „So What!“. Der war so klasse, das die Peacepunks noch mal ran mußten. Die servierten ihre finale Abrechnung mit System und Kapital mit den Worten „Against expansion of America and the force of Coca Cola! I don´t want to be a part of you“ und dem dazugehörigen Titel „Target/Mr. Disney/The War Goes On“.
 
Es war ein Uhr. Des Osterfests noch nicht müde, nahmen wir an der Bar einen letzte Schluck. Plötzlich flogen Flaschen und Fäuste. Es ging schnell - und war schnell vorbei. (Jemand hatte „Save Israel“ an die Wand gekritzelt.) Schade, daß uns drei lachende Stinker noch die Stimmung verleideten.
 
 
Text und Bilder: AK-47, 20. April 2003
AU-Impression