AGNOSTIC FRONT, KOHATRED
D-Frankfurt am Main, Batschkapp - 17. Juli 2008
Die örtliche Bookingagentur „MusicXtreme“ hatte wieder mal eine Berühmtheit in die große und in puncto Subkultur mittlerweile so öde Stadt am Main geholt: niemand anders als New Yorks Hardcore-Legende Agnostic Front! Zunächst mit den Vorgruppen Hoods (USA) und Do Or Die (Belgien) geplant, sollten später Radio Dead Ones und Kohatred (beide Deutschland) die 'Warrior World Tour' in Frankfurt eröffnen.
 
Weil die Berliner Punkrocker RADIO DEAD ONES jedoch nach Auskunft eines Batschkapp-Mitarbeiters „nach Schwierigkeiten mit ihrem Bus irgendwo liegenblieben“ (paar „Kreuzberg 36“-Shirts waren zwar zu sehen, nicht aber die Musiker, Anm. Verf.), war von zwei internationalen letztlich nur eine nationale Vorgruppe übrig geblieben.
... KOHATRED aus dem Raum Darmstadt. Die Hessen durften sich damit richtig austoben. Sie taten das mit einer Kreuzung aus rostigem Hard- und modernem Metalcore. Die Horde um Kling, Stab, Reichard, Wagner und Schickedanz räuberte im Dunst von Agnostic Front, Pantera und Converge. Druckvolle Gitarren knallten auf rüdes Gekreisch mit spitze Schreie. Das Ganze mal hartkern schnell, mal sperrig schwer, und im Zweifel immer volle Kanne! Leider hatten es Kohatred mit einer totalverweigernden Kampfzone zu tun. Nur fünf wilde Mosher rammten sich ab „Porn for My Girl“ gegenseitig die Ellenbogen in die Rippen. Dazu drückte die Alterskluft sehr auf die Optik. Derweil sich die Alten an Gitarre und Mikro nach aller Kunst den Arsch aufrissen (Kahlkopf Klings zornige Posen und Panthersätze standen denen eines Herrn Anselmo in nichts nach), enttäuschte die Jugend - abgesehen von einem Karatetritt des Bassisten beim ältesten Lied, dem Gruppenfavoriten „In Contempt“ - mit einer blutleeren Schau im viel bemühten Aktionsradius eines Bierdeckels. Mit elf Nummern in vierzig Minuten hatten Kohatred alles gegeben. Die schnellste von allen, „What is It for“, besiegelte eine alles in allem tapfere Leistung.
 
Rund 150 Leute hatten das Schicksal von Kohatred gelindert. Die Mehrzahl - rund 250 - hatte den Wucher der Batschkapp jedoch bestreikt (für die Adlerpisse aus Frankfurt waren 3,60 Euro zu blechen), und stattdessen die Abendbrise und das ein oder andere Dosenbier draußen konsumiert. Pünktlich zu den Helden waren sie dann alle im Inneren vereint, die etwa 400 als „Vogel“ abgestempelten Meckis und Skinheads (wobei „Ratte“ treffender gewesen wäre), Leute von der Straße mit rüden Manieren, viel Tinte unter der Haut und bösen Hemden von Steinthor, Agnostic Front und den Suicidal Tendencies (um einige zu nennen). Zu 90 Prozent Männliche. Unter den Vogelfreien diesmal auch der Vater der „Batsche“ seit 1976 höchstselbst.
Ab 22.05 Uhr hieß es „Und Action!“ für die wiedervereinten Ahnen der Hardcore-Bewegung, die 1982 gegründete Lower-East-Side-Crew AGNOSTIC FRONT. AF wurden zum erwarteten Selbstläufer. Vinnie Stigma, Joseph James, Mike und Steve Gallo sowie der in einem Viva Hate-Hemd aufmarschierte Godfather of Hardcore, Roger Miret, legten nach einer martialischen Eröffnungszeremonie mit „Dead to Me“ stark los - und nach dem starken Auftakt ging es immer weiter so. Vom rohen Geknüppel des ersten Minialbums über das hymnische „Crucified“... vom unschlagbaren Oi!-Ohrwurm „Riot Riot Upstart“ über den stampfenden Knochenbrecher „Warriors“... bis zum alles überragenden Geniestreich „Gotta Go“, bei dem die Meute geschlossen die Fäuste reckte und laut mitgrölte. Von der ersten Sekunde tobte auch das Kesseltreiben der Adrenalinjunkies. Während sich eine Hundertschaft im Mosh- und Circle Pit rammte und schlug, waren es auch zig andere, die sich ohne Rücksicht auf Verluste kopfüber vom Geviert stürzten (mitunter in unglaublich hoher Amplitude). Stagediver, Mosher, Slammer und Crowdsurfer galore. Dazu das Rudel aus der Gosse New Yorks... Es war schon schwer beeindruckend, wie glaubwürdig die aus grauen Vorzeiten stammenden Tattoo-Ikonen ihre nach wie vor brennende Wut in den Mob droschen. Diesen explosiven Cocktail aus Patriotismus, Stolz und Gewalt, mit dem sich AF schon immer von der Links-Gestapo absetzten - auch zum Preis von Anfeindungen. Aber Stigmas sind Miret und Kameraden gewöhnt. Agnostic Front und der New-York-Hardcore vereint gegen die Welt: Nur das zählt. Von der Ostküste bis zur Westküste, und wieder zurück. Hart, schnell und mit der Wucht eines Baseballschlägers mitten in die Fresse. So wie ein rabiates Sperrfeuer aus halsbrecherischen Gitarren und dem gepresst-nüchternen Organ Mirets. Ein Mix, der trotz seiner simplen Machart nie hohl klang. Gegen die muskelstrotzenden Raubtiere aus USA hatte die Vorhut wie Feingeister gewirkt. Leider legten die Agnostischen nach 48 Minuten - nach dem Treuelied „Addiction“ und einem schlichten „Thank you! Good night!“ - die Waffen bereits nieder. Die Zugabe in Form einer Singalong-Partynummer rechne ich nicht mit. Was die sollte, weiß nur der Himmel... Ein Zwanni war kein schlechter Eintritt für 88 Minuten Musik aus dem Untergrund. Aber was tut man nicht alles für eine Legende...?
 
 

Worte und Bilder: Heiliger Vitus, 19. Juli 2008
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
KOHATRED
1. Prejudged
2. Warchild
3. No More Dreams
4. After the End
5. Porn for My Girl
6. Too Late
7. Decision (mafuko)
8. Peaceful Sleep
9. In Contempt
10. Promise
11. The Watcher (are you scared)
12. What is It For
 
AGNOSTIC FRONT
1. Intro
2. Dead to Me
3. unbekannt
4. For My Family
5. United Blood
6. Last Warning
4. unbekannt
9. Crucified
10. Warriors
11. Black and Blue
12. Gotta Go
13. unbekannt
14. unbekannt
15. Riot Riot Upstart
16. unbekannt
17. unbekannt
18. Addiction
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19. unbekannt