AMENRA, MYRKUR
D-Frankfurt am Main, Zoom - 3. Mai 2018
Am heutigen Donnerstag in Frankfurt galt es tief zu schlucken. Denn wer glaubte, mit den 35 Euro für Godspeed You! Black Emperor jüngst in der „Batschkapp“ sei der Gipfel der Verschlagenheit erreicht, irrte! Nachdem Amenra vor zwei Monaten mit Japans Drone-Doom-Legende Boris in Karlsruhe für 26 Euro im Vorverkauf aufgetreten waren, spielten sie für 35 mit der unbekannten Dänin Myrkur im kleinen „Zoom“. Fünfunddreißig Piepen für zwei Stunden Klubkonzert, sprich: 28 Cent pro Spielminute... Mit hohen Reisekosten oder aufwendiger Bühnendekoration konnte der Preis nicht begründet werden. „Liegt wahrscheinlich am super true Künstler Myrkur. Die braucht neue Designer-Klamotten“, hatte jemand im Fratzenbuch gemutmaßt. Nicht zuletzt wegen Amenras fahler Schau vor neun Wochen in Karlsruhe, hatte meine Konzertkumpeline mehr aus Spaß an einem Gewinnspiel teilgenommen, für das der Zoom-Klub drei mal zwei Freitickets spendiert hatte - und tatsächlich eine Glückwunsch-Mail empfangen. Die gewonnen 70 Euro wollten wir nicht verfallen lassen...
MYRKUR wurde vorab niedergemacht, trug das Herz aber am rechten Fleck! Hinter Myrkur stand Amalie Bruun, flankiert von zwei Kapuzenmännern und einem Trommler. Der auf das isländische „Dunkelheit“ (Myrkur) getaufte Bund aus Dänemark, vereinte sphärische Neo-Folklore mit der Kälte des Post Black Metal. Dominiert wurde die Musik vom glockenhellen Elfengesang ihrer Fronterin. Frau Bruun nutzte alle Klischees des Black- und Wiking-Metals, machte sie durch ihre Weiblichkeit aber reizvoll. Fiele die weg, blieben nur Pathos und Klischees. Und die klangen nach Bathory, Sólstafir und blonder Schönheit! Wie beiläufig widmete sich Myrkur dabei großen Themen: der Natur, der nordischen Mythologie und einer Verbundenheit mit Freja.
Sie sind Europas Isis, verrucht wie Wölfe, die coolsten denkbaren Typen. Van Eeckhout, Vandekerckhove, Bossu, Seynaeve und Lebon, kurz: AMENRA aus Gent. Aber auch wenn Belgiens Speerspitze in Sachen Post Metal noch so unberührbar, wie Kunstfiguren mitunter scheinen: Sie sind Menschen, sie haben Gesichter! Das zeigte ihre puristische, ungeschminkte Schau in Frankfurt, die den Auftritt im März schlug. Andererseits folgten ihre Lieder heute leider einem immergleichen Ritual: Sie begannen stark entschleunigt, fast sludge-doomig - um nach wenigen Minuten in einem selbstzerstörerischen Trip zu explodieren, der von rasenden Gitarren, in erster Linie jedoch vom verzweifelt-geplagten Geschrei ihres Frontmanns getrieben war. Amenra wirkten wie eine andere Gruppe, wie Hardcoreler manchmal. Die Flamen lebten in dieser Nacht die Kontraste, den wuchtigen, mächtigen Aufeinanderprall von Finsternis und Licht, endzeitlichen Visionen und Spiritualität. Mit dem zusätzlich ins Programm genommenen „Aorte. Nous Sommes Du Même Sang“ loteten Amenra in neun Liedern mit einer Dauer von achtzig Minuten heute auch ihre körperliche Grenzen aus. Amenra waren atemraubend umwerfend. Wahnsinn im Wortsinne. Aber das ging auch noch besser!
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 4. Mai 2018
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
MYRKUR
(21.04-21.52)
1. Longer Drone in Em
2. The Serpent
3. Elleskudt
4. Dybt i skoven
5. Onde børn
6. Vølvens spådom
7. Jeg er guden, i er tjenerne
8. De Tre Piker
9. Ulvinde
10. Måneblôt
11. Skøgen skulle dø
12. Skaði
13. Villemann og Magnhild
 
AMENRA
(22.21-23.41)
1. Boden
2. Plus Près De Toi (Closer to You)
3. Razoreater
4. Diaken
5. Aorte. Nous Sommes Du Même Sang
6. Nowena | 9.10
7. Terziele
8. Am Kreuz
9. Silver Needle. Golden Nail