ARMS AND SLEEPERS, CNJR
D-Dresden, Groovestation - 13. Mai 2018
Die Ambientrocker Arms and Sleepers aus USA führte im April und Mai ein langer Feldzug von Paris bis Moskau und von Leningrad bis Budapest. Dresden war die 21. von 33 Nächten nahezu in einem Rutsch. Begleitet wurden sie dabei von so namhaften Postrockern und Elektroakteuren wie And So I Watch You From Afar, Sun Glitters, Ef und Caspian.
In Dresden hieß die Vorhut CNJR. CNJR war die Kurzform von »conjure«, auf gut Deutsch: »Beschwörung« - nach eigener Auskunft als Folge des »melancholischen Ringens in unseren unzufriedenen Träumen«. CNJR hob die Musik sozusagen auf eine metaphorische Ebene. Hinter dem Projekt mit den vier Buchstaben stand der Portländer Soundtüftler Chris Richards. Verschiedene Quellen berichteten, daß Richards schon mit Godspeed You! Black Emperor zusammengearbeitet und veröffentlicht hat (das kommt davon, wenn einer vom anderen abschreibt!). In Wahrheit ist Richards nie bei Godspeed involviert gewesen, sondern nur »stark beeinflußt« durch sie. In diesen Tagen kam Chris von einem gestohlenen Land im pazifischen Nordwesten nach Europa, um sich mit Freunden zu treffen, drei Deutschland-Auftritte von Arms and Sleepers zu eröffnen, und dabei sein noch unveröffentlichtes Minialbum 'Ansible' vorzustellen. In dunkles Licht getaucht und von bewußtseinserweiternden Filmchen im Hintergrund forciert, servierte er Dresden seine Version von elektronischer Musik. Die war subtil, subversiv und halluzinierend finster, also fantastisch. Der mit Bart und Feldmütze getarnte, tief über zwei Klapprechner gebeugte Richards schien dabei genauso versunken in seine Klangkaskaden zu sein, wie das gespannt lauschende Publikum. Rund dreißig ließen sich mucksmäuschenstill verzaubern. Im Nachklapp durfte ich Chris die Hand geben. Die war feinnervig wie die eines Künstlers. CNJR spielte von 20.15 Uhr bis 20.47 Uhr.
ARMS AND SLEEPERS waren drei Boys in einem Alter und der gleichen studentischen Optik wie ihre Gäste. Gitarrist und Keyboarder Max Lewis, Elektroorgler Mirza Ramic und ein Geist hinterm Schlagzeug gaben Boston, genauer gesagt: Cambridge als Wohnsitz an. Besonders der aus Bosnien stammende Ramic schien sehr am Klubleben interessiert. So erfuhr ich vom Ende der »Abbey Lounge« in Somerville, die wir vor zehn Jahren im Anschluß an den Boston-Marathon beehrt hatten. Arms and Sleepers galten zwar seit ihren Anfängen 2006 als Postrock-Gruppe, aber die Beschränkung auf einen Stil reichte ihnen nicht. Also fügte man im Laufe der Jahre pumpenden Trip-Hop, leierndes Witch House und die Stimmen von Studiovokalisten hinzu. Allerdings beinhalten die Tonträger keine Texte. Die Ausrichtung stammt von den Liedtiteln, Videoprojektionen und den Sprachfetzen, die live aber nicht rauszuhören waren. So blieb Raum für eigene Auslegungen. 'Find The Right Place' hieß das neue Album, das bereits neunte! Auf Konserve ist es wie Pudding löffeln, in natura jedoch ein Augen- und Ohrenschmaus. Die Leinwand war dystopisch bebildert mit großstädtischem Gewirr, Krawattenfiguren, Politikern, Spruchzeilen - das meiste in Schwarz-Weiß und als Trickfilm. Lauter gehetzte Szenen waren da scheinbar ohne Zusammenhang nebeneinandergestellt. Das Beachtliche waren jedoch die Akteure, die mit ihrer von harten Trommeln und einer britzelnden Postrockgitarre getriebenen Musik zusammen mit den Bildern einen unheimlichen Sog auslösten. Mitunter blieb Raum zum stillen Genießen. Das war zuletzt auch bei Godspeed You! Black Emperor so. Aber da war zwei Stunden Zeit einzig zum Entspannen. Bei Arms and Sleepers ging jeder Titel gleich von Anfang an richtig ab. Zwei Makel trübten das Bild minimal: Erst fiel auf der Hälfte des Wegs einer der beiden Beamer aus (der linke, wir sollten fortan nur nach rechts sehen). Und dann verzettelte sich Ramic vor den beiden Zugaben in einem fordernden Geschwätz mit der Meute (natürlich auf Englisch), das sich im Kern auf Bamberg reduzierte, und die Franken und das spezielle Bier mehr verehrte als Dresden. Schade. A&S spielten von 21.05 Uhr bis 22.12 Uhr.
 
Heimlicher Held war für mich ein weiteres Mal der Klub. Wenn es im »Szeneviertel« Äußere Neustadt je einen Konzertraum gab, der über Kreuz untergrundig und trotzdem warmherzig und ganz normal war, dann ist es die Groovestation. Anstelle von Eintrittskarten oder dem Kontrollstempel auf die Hand, konnte sich der Besucher als Andenken eine Art Visitenkarte im A6-Format mit dem Steckbrief des Hauptakts mitnehmen (Stil, Foto, Bandmitglieder, Anreiseweg, Alben, Gründungsjahr).
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 17. Mai 2018