TOUNDRA, BIG UPS
D-Dresden, Groovestation - 24. Mai 2018
Für Goofy.
 
Dieses Konzert Ende Mai in Dresden stand im Schatten persönlicher Gebrechen. Für mich selbst war es so was wie eine Stunde null. Die Macht des Schicksals (und wohl auch eine Vorsehung) hatte mich ins Krankenhaus eingewiesen. Ein Flattern im Herz mit verheerenden Auswirkungen seit knapp vier Jahren konnte ich nicht mehr loswerden. Ohne Eingriff wäre ich sicher bald gestorben. Doch im Krankenhaus war ich nicht allein: Auf der Station begegnete ich nach 36 Jahren erstmals wieder meinem Freund „Goofy“ Reinfeld. Einst sind wir Radrennfahrer bei Dynamo Dresden gewesen, heute lagen wir Wand an Wand im Lazarett Friedrichstadt. Goofys erste Worte waren: „ICH DACHTE, DU BIST TOT!“ Genau so wurde meine Flucht in den Westen Anfang der Achtziger in Radsportkreisen erklärt. Wie nichtig gegen das, was Goofy passierte. Der wäre ohne Gegenwart seiner Freundin vor wenigen Tagen nämlich jetzt wirklich drüben im Jenseits. Goofy erinnerte sich noch an jeden Kilometer, den wir fuhren, bei jedem Wetter, ob Regen, Hitze, Kälte oder Sturm, an die schönen wie traurigen Momente. Wir haben so viel zusammen erlebt. Während ich am Vormittag des 24. Mai aus dem dunklen Ort entlassen wurde, mußte Goofy noch etwas länger drinbleiben. Mit einem schweren Moralischen um das Schicksal Goofys daheim angelangt, plante meine Frau bereits einen schnellen Schritt mit mir zurück ins „Leben“ - mit einem Abend in der Groovestation. Dort gaben sich zwei komplett unterschiedliche Gruppen die Ehre. Auf der einen Seite eine zornige Indiegang aus USA, auf der anderen atmosphärische Postmetaller aus Spanien. Auch jene hatten Glück im Unglück: Eine tags zuvor in Löbtau gesprengte Fünf-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg war nur am Zünder explodiert und konnte erst am Vormittag entschärft und abtransportiert werden. Mit dem heißen Blindgänger lag in Dresden nicht nur der Verkehr am Boden, sondern auch der zu Luft bis wenige Stunden vorm Konzert lahm.
Die New Yorker BIG UPS hatten sich aus Hamburg kommend noch rechtzeitig zur Groovestation durchgeschlagen. Kurz nach acht standen sie auf der Bühne. Und zwar vor gut beseelter Bude. Auf 120 bis 130 bezifferte der Kassenwart die Besucher. Mit Rücksicht auf meinen Zustand hatten wir uns einen Großteil der Amis und ihres auf Post-Punk getrimmten Schreihalses Brendan Finn erspart. Ein bekanntes Pärchen fand die Amis unterdes 'klasse“. Musik ist eben Geschmackssache. Während sich die Yankees bei unsrem Eintreffen noch schnell und schmutzig zeigten, erstaunten sie später mit zwei betont stillen, fast schon demütigen Liedern am Ende. Einen passenderen Ausklang konnte es für diesen Tag nicht geben!
Die Madrilenen TOUNDRA waren über Berlin in Dresden angereist und hatten neben ihrem fünften Album 'Vortex' (nachdem alle bisherigen durchnumeriert wurden: dem ersten mit einem Namen), sowie einem Riesenarsenal an Devotionalien, auch eine Überraschung im Gepäck: Nachdem uralte Pink Floyd die Vorstellung eingeleitet hatten, spielten Toundra nämlich nicht wie im instrumentalen Postcore üblich mit verklärt gesenktem Blick, sondern von der ersten Sekunde an mit ungezügelter Heißblütigkeit. Toundra waren Überläufer aus dem Hardcore, Fugazi benannte Frontmann Esteban als einstige Idole. Er selbst war es auch, der gleich beim ersten Stück vom Geviert sprang, um die Frontreihen aufzumischen, und die Meute später mit Prösterchen und Teufelszeichen zu manipulieren. Das hat man im Postrock oder Post-Metal so noch nie gesehen. Mit ihrem zwischen Leichtigkeit und Schwermut changierenden Stoff hatten die Sechssaiter Girón und López, Bassist Tocados und Trommler Pérez schnell unsere Herzen erobert. Der Sound der Spanier wehte, wirbelte, brauste und säuselte wie Wind über eine heiße Wüste oder die karge, kalte Tundra. Er war stilvoll verpackt in einen blauen Hintergrund mit weißen Lämpchen - wie in einen Sternenhimmel. Alles wirkte wie ein Rausch aus überwältigenden Trossen und manischen Bewegungen, der locker runterging und keine Schmerzen machte. Zu Glanzlichtern in einer weiteren legendären, ausgedehnten Stunde Post-Metal, während der niemand sprach - außer beim Luftschnappen, diesmal auf Spanisch, mit Cojones -, stiegen das facettenreiche „Tuareg“, der zwölfminütige Gigant „Mojave“ und das dramatisch dunkle „Cielo Negro“ auf. Im Ausklang lief „Helter Skelter“ von den Beatles vom Band... Am Ende ihrer Schau zeigten sich Toundra als geerdete Figuren mit wilden schwarzen Augen und verschrobenen Yeti-Bärten, die abseits der Bühne in aller Seelenruhe ihren Anhängern Platten signierten.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
BIG UPS
(20.10-20.46)
Titel unbekannt
 
TOUNDRA
(21.13-22.33)
1. Cobra
2. Tuareg
3. Kitsune
4. Bizancio
5. Magreb
6. Kingston Falls
7. Mojave
8. Cielo Negro (Black Sky)
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9. S.C.
Vitus & Goofy (beide Dynamo Dresden-N) 1982 in Dresden
In Gedanken war ich die ganze Zeit bei Goofy, der wie ein kleiner Herkules die Last seiner Ahnen buckeln mußte. Während wir die wonnige Atmosphäre in einem Hort der Freude genossen, lagen vor Goofy Tage, Wochen und Monate voller Angst und Schmerzen - lauter Probleme. Manches in unserem Leben läßt sich vielleicht nicht geradebiegen, aber so vieles ist auch unsagbar überflüssig. Wir werden es versuchen, uns auf die wichtigen Dinge besinnen, auf das was wirklich zählt. So wollen wir im Herbst wieder zusammen aufs Rennrad steigen. Totgeglaubte leben länger, heißt es doch...
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 29. Mai 2018