ARROYO, ABE KAMUI
D-Frankfurt am Main, Yellowstage im Hazelwood Studio - 13. November 2010
»Man sieht sich immer zweimal im Leben«, sagt der Volksmund. Für heut traf das gleich dreifach zu. Es war unser zweiter Abend im Hazelwood Studio (nach 2005), unser zweites Konzert mit Abe Kamui (nach 2007), und das zweite auch mit Arroyo (nach 8 Monaten). Dabei wußten wir nicht so recht, was wir vom Ort des Geschehens überhaupt halten sollten. Hatte das Hazelwood im Namen der Initiative »Freies Rödelheim« doch wenige Tage zuvor ein Rundschreiben mit einem Aufruf zum Stop des Sanierungswahns im Stadtteil versendet. Was auch immer von der Losung »Stoppt Rödelheim 21!!!« und dem stilisierten RAF-Stern zu halten war: seltsam war´s allemal. Doch manchmal kommt es anders, als man glaubt... Nach einer Schnitzeljagd durch die Gänge der ehemaligen Schuhmaschinenfabrik waren wir um neun am Ziel. Im Studio war alles schön gerichtet. Der Einlaß betrug acht Euro und für sechs konnte man eine der handgefertigten, in Naturfaserhüllen steckenden Arroyo-CDs erwerben, die heute offiziell freigegeben wurden. Man feierte eine »Releaseparty«! Kostenlos lagen ferner Textblätter zum ersten Minialbum von Arroyo aus. Die »Yellowstage« war heimelig verdunkelt, und direkt am Eingang gab es eine Bar über der ein Außentank eines sowjetischen MiG-21-Jagdflugzeugs schwebte. Der Barmann klärte mich insofern auf, daß man im Hazelwood Pazifist sei (deshalb hing da auch ein Tank und keine Bombe), kommunistisch denke, und Plaste scheiße sei (auf mein Ersuchen nach einer Tüte zum Verstauen der Einkäufe wurde ich der Umwelt zuliebe mit einer ökologischen Baumwolltasche beschenkt). Aber das war alles mit einem Zwinkern gemeint! Über den »Newsletter« waren rund vierzig Leute gekommen (die allerdings nicht nach Fans sondern nach Partyludern aussahen).
ABE KAMUI eröffneten den Abend mit einer Dankesrede an die Adressen von Hazelwood (für die warme Verpflegung) und Arroyo (für die Einladung zum Konzert), sowie einer Entschuldigung für die dünne Perfomanz (Der Frontmann hatte sich vor drei Monaten die Kniescheibe gebrochen und konnte nur im Sitzen spielen, eine lange Geschichte... Jedenfalls war Corn über sein Handikap derart enttäuscht, daß er sich beim Publikum entschuldigte). Von 21.25 Uhr an regnete es dann aber Feuer vom Himmel. Die ersten Töne gingen sofort durch Mark und Bein. Corn, Voltage, Luke und Bo zelebrierten ihren Sturmangriff, der sich zwischen Post-Hardcore und Postrock verorten läßt, wobei sich die Gewichtung im Laufe der Zeit zu Letztem hin verschoben hat. Verzweifelte, barbarische Schreie attackierten maschinenpräzise Endzeitgitarren, die häufig in wüste Sperrfeuer mündeten. Inhaltlich ging es bei Abe Kamui um die Zwänge des Lebens, um Gleichschaltung und um verschüttete Träume. Corn war durch die Verletzung zwar zu einer Art Sitzkrieg gezwungen, aber das Adrenalin strömte nur so. Und was ihrem Gitarristen physisch verwehrt blieb, machten seine Kameraden durch umso stärkeren Köreinsatz wett. Nicht auszumalen, wie Abe Kamui mit gesundem Frontmann gewesen wären... Doch Abe Kamui waren ganz großartig! Der Auftritt der Feuergötter aus Frankfurt währte 43 Minuten, und mir war schon jetzt klar, daß es die eigentlichen Helden des Abends sehr schwer haben würden. Ein Lied namens »Schmutzraum« beschloß diesen wahnsinnigen Trip zwischen Beklemmung und Magie.
Ab 22.25 Uhr warfen ARROYO ihre emotionalen Pflastersteine. Die ebenfalls aus dem Main-Taunus-Kreis stammende Gruppe tönte atmosphärischer als der Spähtrupp, aber nicht minder packend. So ist das mit dem heutigen Tag freigegebene erste volle Album etwas milder ausgefallen als die Miniplatte 'Individuum & Massen', aber immer noch hart genug, um sich deutlich vom klassischen Postrock abzugrenzen. Nach dem Frühjahr war zudem mit dem Sänger und Organist der fünfte im Bunde ersatzlos ausgestiegen. Damit teilten sich Arroyo heute in die Worte. Wobei der Gitarrist für die gesprochene und der Bassist für die geschriene, fast schwarzmetallische, Propaganda stand (Letzter ließ mit seinem Bart und seinen paralysierenden Blicken in die Ferne sehr an Graf Grishnackh denken). Die in Metaphern verhüllten Dinge des Lebens um Ohnmacht und Trennung wurden vom bekannt heftigen Bollwerk aus episch-melancholischen Gitarren getragen. Leider nahm der Trashtalk zwischen den Liedern etwas die Tiefe (neben der herrschenden Hitze mußte sich jemand auch noch dauernd über seinen offenen Hosenstall auslassen). Zudem war das Mikro des Leitgitarristen zu leise ausgesteuert. Doch im letzten Akt wurde es noch mal richtig schön. Mit der Verlängerung wurden die alten Zeiten zurückgeholt. Der einstige Weggefährte Senzek kam auf die Bühne - und vereint wurde die Überhöhung der noch jungen Nacht zelebriert: »Kanaan«!
 
Zwei zum Schluß aufkreuzende Schlüpferstürmer, die direkt vor meiner Nase ihre Puppen abknutschten - zwei ziemliche Zicken, die mehr mit dem Stecken ihres Haars beschäftigt waren -, vermiesten mir »Kanaan« geringfügig. Trotzdem gehört das Konzert von Arroyo und Abe Kamui im Hazelwood für mich zu den D e n k w ü r d i g s t e n 2010!
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 16. November 2010
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
ABE KAMUI
1. Lämmer
2. Brücken
3. Nest
4. Shinji
5. Schmutzraum
 
ARROYO
1. Segel setzen
2. Hunde werden wie Wölfe
3. Zwischen den Trümmern
4. Krater / Ausbruch
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5. Kanaan
Die Gitarre von Abe Kamui