20. AU BESETZERFEST
 
BANDA BASSOTTI, SPERMBIRDS, THE PEEPSHOWS, 1982, BRAINLESS WANKERS
D-Frankfurt am Main, AU - 7. Juni 2003
Deutschlands längstbesetztes Haus steht in Frankfurt, genauer gesagt am Rande des westlichen Stadtteils Rödelheim: die AU. Rund siebzig Gymnasiasten, Lehrlinge und Arbeitslose hatten am 4. Juni 1983 die vormaligen Lagerräume der Stadtbibliothek In der Au 14-16 eingenommen. Eine Liegenschaft, die nach der Vertreibung ihrer letzten Nutzer (zwei griechische Familien) von Baggern dem Boden gleichgemacht werden sollte. Die Hausbesetzer, die sich „Anarchisten“ nannten, vereitelten das, und der Tag im Sommer ´83 war die Geburt eines linksautonomen Zentrums, in dem nichtkommerzielle Konzerte und Volksküche stattfinden. Am heutigen Pfingstsonnabend jährte sich die Besetzung zum 20. Mal. Anlaß für ein gebührendes Freiluftkonzert. Und viele kamen. Fahrzeuge aus dem gesamten Land parkten in Rödelheim, in großer Zahl besonders solche mit südwestdeutschen Kennzeichen.
Halb sieben - nach der Fußball-Lümmelei Schottland-Deutschland - war ich mit meinem Mädel bei mulmigen 28 Grad ins AU-Areal rübergestiefelt. Das Fest hatte pünktlich um vier begonnen. Die als Vorhut herhaltenden Berliner Trompeten-Punks mit dem postpubertären Namen BRAINLESS WANKERS waren uns durch die Lappen gegangen. Einem der sieben „Hirnlosen Wichser“ begegneten wir auf dem Abmarsch, schweißgebadet eine Box in seine Karre wuchtend... Für acht Euro durften wir die AU betreten. Die zu der Zeit rund 800 Personen ließen Bewegungsfreiheit für jeden. Das war gegen 18.45 Uhr...
... gerade so zum Ende von 1982. 1982, fünf Cover-Punks mit Nieten, Tattoos und schlechter Attitüde ließen die Helden des Deutsch-Punk hochleben. Besonders jene aus dem Jahr 1982. Slimes „Yankees raus“ war der erste gemauste Knüppel, den uns die Bonner um die Ohren hauten. Frontassel Rene bellte wütende Texte gegen Politiker, Hipster und Reiche ins Mikro, er spuckte in Punkmanier in die Frontreihen, die Band tobte, die Zecken vor der Bühne dankten mit Rempeltanz. Als nächstes kläfften die Rheinländer „Helden“ von Middle Class Fantasies in den Mob. Und noch eine Kampfansage hatten die Jungen vom Rhein, noch was von Slime: „Deutschland“ - samt der strittigen Zeile „Deutschland muß sterben (Damit wir leben können!)“ Um sieben war die Lektion für die Society ausgekläfft. Hätte 1982 gern vom Start weg erlebt...
 
Wir drehten eine Platzrunde. Im Vorhof klebte eine Wandzeitung mit Artikeln aus den Junitagen ´83. Jemand torkelte an mir vorbei, drehte sich vor meinen Augen einmal um die eigene Achse, knallte in die Wandzeitung, und bettelte vor mir liegend um Bier. Der Aufklärung folgte die Hirnnahrung: „Gegen Spende“ von zwei Euro gab´s Licher Nullfünf. Der Tanke schlossen sich Händlerbuden mit Platten, Klamotten, Ansteckern, Haarfarben und sonstigem Krimskrams an. Hungersnot drohte auch nicht. Es gab Vega-Würstchen, Oliven, Frühlingsrollen, Pakora-Teigtaschen, Börek, Würstchen brutzelten vor sich hin, Putenschaschlick, Grillsteaks und Kartoffelsalat. Auf Speis und Trank folgte wieder was zum Lesen: Linke Buchläden aus Frankfurt und Mannheim hatten Pamphlete wie „Das Recht auf Faulheit“, „Der moderne Überwachungsstaat“, „Die Sprache des Hasses“ und „Rechtsrock“ mitgebracht. In die Büsche gehen mußte dank Plumpsklos auch keiner; und wer früh gekommen war, konnte im Grün sogar sein Picknickdeckchen ausbreiten. Wir selbst leisteten uns ein Getränk an der „Furcht-Bar“. Mittlerweile waren rund 1000 Piepel aller Couleur vor Ort: Punks, Skins, Mods, Hardcoreler, Rocker, Metaller, Stadtstreicher, Bauwagenbewohner, Ökos samt Kinderlein. So weit das Auge reichte: Irokesenschnitte, Stachelfrisuren, Glatzen, lange Haare, Dreads, Tollen, Mörderkoteletten, Tattoos, Piercings, bedruckte Leibchen mit radikaler Gesinnung, Muschelkettchen und betrunkene Girls. Die AU-Bewohner trugen Shirts mit der Aufschrift „Sch-Au-mschläger - das ist mein Laden“, und die schweren Burschen fungierten als „AU-Bouncer“. Ein Skin in Lonsdale-Hemd und Doc Martens taumelte vorbei. Ein starker Duft nach Cannabis hing in der Luft. Auf dem Dach wehte die Fahne der Revolution in Rot-Blau mit gelbem Stern, am Balkon baumelte zum Lob der Anarchie Ches Losung „Hasta la victoria siempre!“ (Bis zum endgültigen Sieg!). Nichts schien verboten in diesem Mikrokosmos aus Rebellen und Revoluzzern, Querulanten und Dissidenten, dieser Freakshow, die fern aller gängigen Vorstellungen lag. Nur Hunde durften nicht rein...
Halb acht fiel der Peng für die „Swedish Rock Invasion“ in Gestalt von THE PEEPSHOWS; für nichtsexistischen (!) und unpolitischen (!) Kick-Ass-Rock´n´Roll à la Hellacopters und Backyard Babies. Das „The“ im Namen bedeutet ja so viel wie die Lizenz zum Rocken. Und wenn man aus Schweden stammt, muß der Rock mit Punk gepfeffert sein. Inzwischen ist dieser Cocktail aber schon schal. The Peepshows versuchten was Neues, und wollten sich mit einem Klavier von der Masse abgrenzen. Was jedoch mißlang. Speedrock ist und bleibt flaches Kabinengewichse, Onanie im Dreiminutentakt. Mit gespreizten Beinen und wedelnden Armen ließ man die Saiten flitzen, die Jungs reckten die Gitarren gen Himmel, und sie rotzten dreistimmig von „Midnight Angels“, „Feel the Action“ und „On My Own“. Anmachen konnten sie damit niemand. Entgeisterung, als plötzlich Ex-Rock-Hard-Schreiber Müller neben uns stand. Wir redeten im Radau kurz über - - Doom. Die Svenskas packten einen „brandnew song“ namens „Muddy Waters“ aus, und Fronter Oswald frug (vermutlich wegen der lahmen Resonanz): „Are you happy?“ Es waren wenige. Und für die setzte es „1-2-3-4-Go!!!“; für den Rest „Dirty Motherfucker“. ´Ne blutjunge Punkette interessierte sich für meine Notizen, und ein Punk befand mein Hemd von Death als „cool“. Man mochte sich! The Peepshows legten mit „I Wanna Feel All Right“ und „Let´s Get It Tonight“ noch zwei brennende Herzen drauf und endeten nach vierzig Minuten. Und weil keiner danach verlangte, gaben sie von sich aus noch zwei Valiumrocker drauf. Dies war Tri-Trå-Trullålå!
 
In der Pause fanden wir ein letztes Mal Zuflucht an der „Furcht Bar“. Immer neue Horden fielen ein und erzeugten eine zunehmend unbehagliche Überfüllung. Unbemerkt von allen schlichen die Schweden mit ihren Rucksäcken und Koffern wie getretene Hunde vom Platz.
21.10 Uhr (nach einstündigem Umbau) stieg Deutschlands älteste Hardcore-Combo in den Ring: die SPERMBIRDS aus Kaiserslautern. Gleich das Auftaktmassaker „Politics“ verwandelte die Wiese in ein Knäuel aus wild tanzenden Menschen. Spermies versprengter Exil-Amerikaner Lee Hollis wieselte Gift und Galle speiend über die Bretter, die Riffmänner sorgten mit ihren rasenden Gitarren und Luftsprüngen für mächtig Power, und neben mir puschte eine dralle Diwotschka in figurbetonender Bluse mit „Small but Dangerous“-Aufdruck das Testosteron. Der „KKK Rep“ beruhigte den Puls, und die furiosen Altigkeiten „Shit for Sale“ und „Something to Prove“ trieben ihn wieder hoch. Und als Gott leibhaftig auf dem Rollerbrett ritt - „My God Rides a Skateboard“ - wuchs der Moshpit ins Unermessliche. Fast sekündlich stürzten sich Stagediver kopfüber vom hohen Podest. Der Frontgnom krächzte, daß er hier und in diesem Moment unter Migräne leide, und rasend weiter ging´s mit „Set an Example“ und „Brainless Warrior“. Klar, daß auch bei den Spermavögeln die Mächtigen im Fadenkreuz standen. „George Bush is not the leader of my country“, so die Ansage des kleinen Texaners hinein in die einfallende Dunkelheit (und von der Wutkanonade „Texas Cowboy“ untermauert). Und er konnte sich nicht erklären, daß das Thema Nazis noch immer so bedeutsam ist. „Fascist“ kreischte Hollis noch ins Gemenge, bevor er sich mit „Vielen, vielen Dank“ in eine Pause verabschiedete - die keine war. Nahtlos ging´s weiter, mit „Agent Orange“. Das Gewühl des stetig anwachsenden Publikums griff nun auf die hintersten Reihen über. Geschätzte 2000 erlebten das Remake der Boston-Skater Gang Green „Try Again“. Hollis betätigte sich als Crowdsurfer, und nach 66 Minuten - nach „Lights Out“ und einem untertänigen „Tausend Dank“ - war endgültig Schluß.
 
Wir verkrümelten uns an den letzten Ort ohne Körperlichkeit: auf die Rückseite der Bühne, hauteng an den Akteuren.
Schon lange war es Nacht im Freistaat. Allein die linke Blaskapelle BANDA BASSOTTI aus Rom zeigte noch lange keine Kampfbereitschaft. Tausend Dinge wollten manipuliert sein (alle gleichzeitig): Gitarre rauf, Gitarre runter, Klangprobe ja, Klangprobe nein, Rampe abschreiten, Papierknäuel wegtreten, Kohlensäure-aus-dem-Wasser-schütteln und, und, und... Blinder Aktionismus? Zumindest schien´s eine logistische Herausforderung zu sein, zwei Gitarren und Trompeten, ein Saxophon, einen Bass, ein Schlagzeug und einen Sänger zu vereinen. Denn genau damit operierten die Italiener. Gegen 23 Uhr, nach tausend „Pronto!“ und immer ungeduldigeren „Bella ciao!“-Rufen, war es soweit: der erste Trompetenstoß durchschnitt die noch immer heiße Juniluft. Die Banda existiert seit 1987 und ihre Musik ist ein Mix aus Reggae, Ska und Punk. Dem Aufgalopp, einem feurigen Partisanenlied auf Italienisch, folgte die Durchsage „Gridalo no al fascismo! No al razzismo!“ Darauf gab´s vier, fünf Clash-Rocker ohne die uniform in Signalrot gekleidete Bläsersektion. Besonders der in einem Antifa-Hemd steckende Sänger agierte jetzt mit starker Hingabe. Vor der Bühne tobte ein Meer aus schwitzenden Leibern; „Viva Zapata!“ und „Bella ciao!“-Rufe hallten über die Au; und als achtköpfige Schar blies die Squadra „Guantanamera“ in die Nacht. Ja, Ska ist wieder da! Und die „Roma Rude“ waren sichtlich angetan von der Menge. Unablässig schlugen die Seniorpunks Kapriolen, improvisierten, provozierten und jammten - mit den lästigen Raggazzi im Kreuz. Nur um gleich darauf mit einem fulminanten Punkrocker noch mal richtig Feuer zu geben. Auch wenn niemand Italienisch verstand: alle waren hellauf begeistert. An der Front rempelten rasierte Schädel, Arschbomben klatschten in die Pogotänzer (manche mit den Stiefeln voran). Ich bin kein Punk, erst recht kein Ska-Punk. Zur Geisterstunde hatten wir die Faxen dicke.
 
Draußen liefen wir am Bulli der Straßenköterpunker 1982 vorbei. Die fläzten ziemlich breit in der klapprigen Karre herum, hatten auch keinen Sinn für Ska. Die Klänge aus der AU waren noch in großer Entfernung zu vernehmen. Die Besetzer müssen einen superfetten Friedensbong mit der Nachbarschaft gepafft haben...
 
Am folgenden 8. Juni nahm das Besetzerfest mit dem Fußballturnier um den AU-Pokal seinen Lauf: Hundert Punks zogen auf der Kuhlmannwiese von Rödelheim in die Schlacht um den legendären, zentnerschweren Wanderpokal. So wie jedes Jahr im Juni...
 
 
AK-47, 8. Juni 2003
(Abbildungen: Hl. Vitus)