DRIVE BY SHOOTING, BEAM ORCHESTRA, BEISSERT, CHURCH OF MENTAL ENLIGHTMENT
D-Dresden, Chemiefabrik - 21. April 2017
Grundverschieden zum veröffentlichten Programm sollte die Abfolge der vier Gruppen der Nacht sein. Zwei Stunden vor Beginn wurde sie komplett auf den Kopf gestellt. Nichts verändert hatte sich indes im Inneren der »Chemo« seit unserem letzten Besuch bei Mother Engine vor genau einem Jahr. Vorm Klub unter der Petrikirche loderte immer noch ein Lagerfeuer, und drin machten rund 150 Leute den Laden auch an diesem Tag rammelvoll. Zu trinken gab´s wie ehedem günstiges Coschützer und günstigen Wodka, randvolles Glas zu Zweifünfzig. Gleichfalls ein Witz: die acht Euro für den Eintritt. Auch die zu Lampenschirmen umfunktionierten Stahlhelme der NVA hingen nach wie vor über den Tischen neben der Bar. Zum ersten unerwarteten Höhepunkt geriet indes die Wiederbegegnung mit Gorilla Monsoons Sandro, der heute für Beissert hinterm Schlagzeug saß. Seb Beissert selbst hatten wir vor zwölf Jahren zuletzt gesehen, als er schon bei Gorilla Monsoon ausgestiegen war. Wie durch einen absurden Zufall hatten wir uns zur gleichen Zeit an der gleichen Körperstelle das Saint-Vitus-´V` unter die Haut spritzen lassen. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie wir unsere Arme unserem damaligen Gastgeber zeigten - der darauf völlig vom Glauben abfiel. Später wurde auch noch Willi, der Chef vom »Heavy Duty«, als Schlagzeug-Roadie für Beissert erblickt...
Um eine halbe Stunde verschoben startete die Blackened-Blues-Kommune CHURCH OF MENTAL ENLIGHTMENT in die Nacht. Drei von denen - darunter ein weiblicher Wirbelwind hinter den Trommeln - waren schon länger auf der Bühne. Nur der Bassist fehlte. Doch der kam nach dem Ablegen seiner Straßenkutte schnurstraks zur Sache. In der Folge schlingerten die vier aus Leipzig etwas unentschlossen zwischen Heavy Blues, Psych und Fuzz Rock hin und her. Im Grunde war man froh, wenn COME sich mal zwei Titel lang für eine Richtung entscheiden konnten. Der Spaß hielt sich in Grenzen. Doch andererseits passte das Gebräu nach der bewährten Abhottrezeptur auch perfekt zu dem kleinen, verlotterten Laden (und weil die meisten Kunden sowieso besoffen waren). »Die spiel´n das alles ganz gutt, aber umhau´n kann mich das ni.« Die Erleuchtung eines Besuchers im Abort lasse ich so stehen.
»Wir sind Dresdens dienstälteste Punkband - Die Harten!« Diese Ansage stand am Anfang von BEISSERT. Bssrt, Bldg, Anti und Lunebacher sind alte Hasen in der Subkultur, Vorreiter der wilden Aufbruchszeit im Osten. Man träumt immer noch von einer besseren Welt - und davon, daß der Hellrock mal groß rauskommt: skeptisch, genervt, mit sarkastischen Sprüchen auf den Lippen und dem Finger in offenen Wunden. Genau so begannen sie ihren Auftritt. Allein die wie entfesselt headbangenden Akteure und die hardcorig aufgestellten Scharmützel des Frontmanns mit dem ersten Sturm waren eine Wucht. Der Stil, den Beissert machten - ein nicht greifbarer, schwarzer Mix aus unkonventionellem Straßenköter-Sludge, Neuer Deutscher Härte und dem epidemisch groovenden Alternative Metal der Neunziger - ist vielleicht nicht mehr der heiße Scheiß wie zur Millenniumswende, aber er rockte. Besonders wenn die Dresdner das Tempo bis auf Doom-Niveau drosselten, oder wenn Boldog eine seiner jaulenden Gitarrensoli im Stile der alten Metalhelden in die Meute belferte. Immer dann entwickelte sich eine dermaßen intensive Präsenz, daß man nur unterwürfig niederknien konnte. Nur der Rodeo zwischen englischen und deutschen Texten (ver)störte etwas (wobei der fremde Tonfall beinahe besser rüberkam, als die indierockig anmutende Muttersprache). Am Ende eines teils wüsten, teils weisen, stets erquicklich und mit sehr viel Herz gespielten Dreiviertelstünders, stand mit »Boheme Noir« eine Hymne, die Fragen offen ließ...
Nach ihrem lasziv prickelnden Einstieg durch »Kasumatra« erinnerte das BEAM ORCHESTRA daran, daß heute Freitag sei, und wir uns also auch so benehmen sollten! Ein super verzerrter Kick-Ass-Fuzzrocker im Stile der alten Hellacopters folgte. Doch das war erst der Anfang. Und was niemand ahnte: Das Trio aus dem sächsischen Freiberg sollte die Überraschung der Nacht werden. Mit ihrem Album 'Cosmic Spoof' im Gepäck, fackelten Ykcin, Eric und F-J ein gigantisches Feuerwerk ab, ein funkelndes Universum zwischen Stoner- und Fuzz-Rock, eine Donnerrakete aus knackigen Apparillos, heiserem Gekrächz und simplen aber hocheffektiven Melodien. Dazu kamen diese entrückten Verrenkungen der Akteure, die wild in den Nacken geworfenen Köpfe. »StonerPunk« nannten sie diesen gänzlich enthemmten, hochenergetischen Stoff, der auf keinen Fall perfekt sein wollte. Denn der Untergrund lebt vom Unperfekten. Im Endteil ging den Heißspornen dann etwas die Puste aus. Trotzdem erntete das Beam Orchestra nach der Schau staunenden Applaus vom Dresdner Publikum. So viel Ausgelassenheit und - im besten Sinne - altmodisches Rebellentum war schon lange nicht mehr oben auf den Brettern. Hier wurde ganz auf geschrammelte Gitarren, unkontrollierte Energie und atemlose Geschwindigkeit gesetzt, die besser waren, als wir es den Dreien aus der Provinz zugetraut hatten.
 
Berlins »Wüstenpunker« DxBxSx alias DRIVE BY SHOOTING alias Die Berliner Strolche alias Drei Bier Später waren uns nach den Hörproben im Netz pfft. In den kommenden Tagen sollte ein Konzert das andere jagen - das nächste in vier Tagen am selben Ort... Cult of Occult...
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 2. Mai 2017
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
CHURCH OF MENTAL ENLIGHTMENT
(21.54-22.32)
1. Y.L.D.D.E.
2. Dry Your Innocent Eyes
3. Coffin Boogie
4. Grave Danger
5. Behind the Grey
6. Alley Cats
******
7. Humanimals
 
BEISSERT
(22.57-23.38)
1. Harvest Song
2. Weltenbrand
3. Panzerpapst
4. Zeitgeist
5. Die diamantenen Tore der Hoelle (Polaris)
6. Perm Trias
7. Auf einen Friedhof
8. De Profundis Clamavi
10. Boheme Noir
 
BEAM ORCHESTRA
(0.00-0.51)
1. Kasumatra
2. Peggy
3. Leggo Mio!
4. Tabula Rasa
5. Verdi Go!
6. Geschlechtertrennung
7. Happy Arthrose
8. Roy
9. Space Eggs
10. Valhalla
******
11. Cheap?!
 
DRIVE BY SHOOTING
(???)
Titel unbekannt