CULT OF OCCULT, GRIM VAN DOOM, SIBERIAN
D-Dresden, Chemiefabrik - 25. April 2017
Während an Dresdensias Bäumen das Grün sproß, der Flieder seine lila Blüten entfaltete, und der Winter ein letztesmal gegen den Frühling aufbegehrte, versammelte sich am letzten Dienstag im April (Dienstag ist der beste Konzerttag in der Elbestadt) am Lagerfeuerrund zu Füßen der Petrikirche eine kleine Schar von fünfzig Doom-Junkies. Sie hatten allen Grund dafür: ein Sludge-Ritual in der »Chemo«. Wenngleich der Typ hinter der Kasse den Klub »wegen Überfüllung« als geschlossen erklärte, war das maue Interesse keine Überraschung. Schließlich sollten wir es mit der krätzigsten und unbehaglichsten Schattierung des Doom zu tun bekommen. Im Unterschied zu andersgearteten Konzerten trug aber immerhin fast jeder ein Shirt oder eine Kutte einer Band...
Die erste große Verblüffung hieß SIBERIAN und kam aus Schweden. Jene lieferten mit ihrem Neuwerk 'Through Ages Of Sleep' eine Geschichte, die noch verrückter war als die üblichen Punkcombos, die in der Chemo antreten. Der Sound aus Skandinavien blies - teils von einer Stalinorgel unterstützt - wie eine russische Kriegsmaschine durch den Klub. Überfallartig schnell, ohrenbatäubend laut, alles schien klirrend kalt und pragmatisch. Dazu fegte der Vokalist im Mittelteil wie ein Irrwisch durch die Meute. Doch da diese völlig anders, nämlich doomig drauf war, blitzte Gus Ring mit seinem heiseren Gebell ab. Siberian hatten sich als Post Hadrcoreler respektive Post Metaller entpuppt, deren knallhartes Brachialgekloppe selbst Anhängern des Sludge zu wahnsinnig daherkam. Immerhin kippte die Darbietung nicht ins Hysterische. Und: Der Sechssaiter trug ein Hemd der gefährlichen Mgla!
Mit GRIM VAN DOOM folgte die Fortführung. Zumindest zwei Nummern lang. Denn - Entschuldigung Lansky & Co. - das war kein Doom, sondern eine ultrabrutale Demontage des ersehnten Gefühls. Ab viertel elf lag die Bühne für eine halbe Stunde unter Rotlicht. Dazu räuberte das Kommando aus Wuppertal anfangs im Hardcore, später bei Black Shape of Nexus; es unterhielt aber prächtig mit Krach, Aktion und Attitüde fürs anarchistische Chemo-Volk (das heute allerdings nicht vor Ort war). Leider mangelte es dem Auftritt an Seele, da verband kaum etwas. Die Instrumente wirkten zu harsch, die Akteure grimmig und auch etwas von sich selbst eingenommen. So blieb das Spiel aus Härte und Zorn oft reine Selbstbehauptung. Übrig blieb das Wissen, das keine Nacht der anderen gleicht. Wenigstens lärmten Grim van Doom etwas langsamer als der Undoom davor. Im Anschluß blätterte die Orga dem Mann im Hexer-Shirt im Abteil neben der Bar aus einer Geldkassette heraus einhundertfünfzig Euro auf die Hand. Der dankte und nannte als Abreisezeit den folgenden Vormittag um zehn. Hail Saitan!
Noch nie wurde in einem Konzert in der Chemiefabrik so hart und laut gedoomt, so viel gelitten, gehofft und gebangt. Ich selber hatte den Verstand derart verloren, daß ich meinen Einsatz als Konzertfotograf praktisch aufgab. Nach einigen Wodkas versank das Ritual im Chaos. Daß es nicht zum Totalschaden verkam, war einzig CULT OF OCCULT zu verdanken. Denn ab der Stunde vor Mitternacht zelebrierten die Franzosen als Einzige den so sehr herbeigeflehten Doom. Und dabei war die Geschichte so denkbar einfach, und wirkte doch total. Kein Wunder, das Tempo wurde nun in Richtung des zermalmerischen Stillstands gedrosselt - endlich Doooooom! Was den Auftritt aber so besonders machte, waren die echten, aus dem Leben gegriffenen Akteure. Rudy und Komplizen verbargen sich heute nur am Anfang geisterhaft unter Kapuzen. Später bekamen wir gestandene Männer mit eremitischen Bärten zu Gesicht. Die spielten etwas betrunken, aber mit sehr viel Herz! Das Publikum erlebte das Gefühl, wirklich oben mit dabei zu sein. Cult of Occult performten nicht nur äußerlich neu, nein, auch ihr okkulter Blackened-Sludge-Doom klang ziemlich verwandelt. Besonders prägnant dabei: ein regelrechter Schwall an alles verachtender Propaganda - der auf der neuen Platte in fünf Akten kommt: »Alcoholic«, »Nihilistic«, »Misanthropic«, »Psychotic« und »Satanic«. Doch mit diesen Themen schloß sich wiederum der Kreis zu ihren Anfängen, mit denen uns die Rotte aus Lyon schon bei den Dutch Doom Days so überwältigte. Hail Misanthropia! Hail Cult of Occult!
 
Salutionen gehen an die beiden Macher von Elbsludgebooking, die sich mir beim Verlassen des Klubs vorgestellt haben, und ohne die der Doom in Dresden noch sehr viel ärmer wäre. Diese heftige Nacht endete mit dem Versprechen, sich wiederzusehen.
 
 

Text : ((((((Heiliger Vitus)))))), 3. Mai 2017, Bilder: Vitus und Cult of Occult
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
SIBERIAN
(21.00-21.38)
1. Transcend
2. Kingdoms
3. Witness
4. Anima Astray
5. Paragon
6. Birthmarks
7. Heird
8. Gift/Curse
9. Axis Mundi
10. Heresy Breath
11. Age of Sleep
 
GRIM VAN DOOM
(22.13-22.47)
1. Crimson
2. Thulsa
3. Family Girl
4. Rust
5. Nilsis
6. Azure
 
CULT OF OCCULT
(23.11-0.11)
2 vom Album 'Five Degrees Of Insanity', Rest: geheime Verschlußsache