BUSHFIRE, SHEVER, DOT LEGACY
D-Dresden, Chemiefabrik - 15. September 2017
Die gemütliche Dresdner Art ist es nicht, wenn die ermäßigte Kartenreservierung des ausrichtenden Klubs nur bis eine halbe Stunde vor Showbeginn (21.00 Uhr) gilt, der eingemietete Veranstalter den Start aber via Facebook kurzfristig auf 21.30 Uhr verlegt... Mit unsrer Ankunft um neun Uhr hatten Gräfin Peanut und ich den Anspruch auf Ermäßigung sozusagen um dreißig Minuten verwirkt, und noch vorm Betreten der »Chemo« ein Problem mit dem notorisch bösen Onkel hinter der Kasse. Nach dem Adrenalinstoß vor der Tür zeigte sich der Klub drin zum Saisonauftakt leicht runderneuert: Die Aborte waren geputzt, die Bar grob gereinigt, und im Konzertraum eine Trennwand ausgesägt sowie das Gitter vorm Mischpult entfernt. Dadurch ergab sich ein Gefühl von mehr Weite, doch an der niedrigen Decke und der stickigen Luft hatte sich überhaupt nichts geändert. Etwa achtzig Kunden fanden sich ein.
Zum Auftakt ließ es die Pariser Horde DOT LEGACY mächtig krachen. Mit einem glamourösen Varieté-Jäckchen in Schwarz-Gold, einem schiefen Krähennest auf dem Kopf, einer leuchtend roten Pudelfrisur, einer stilvollen Rickenbacker-Gitarre, und mitunter drei wilden Stimmen, spielten, sangen und balancierten die Franzosen zwischen pille-palle Fuzzed-out-Rock´n´Roll, volltönendem Heavy-Psych und organischem Stoner-Rock. Sie ließen die Königinnen der Steinzeit in neuem Glanz erstrahlen, schwebten wie Sputniks über die Planken, erklommen die Lautsprecher, headbangten, propellerten ihre Arme und demonstrierten Karatekicks. Dazwischen klaute der Vokalist einen Stock und malträtierte zusätzlich die Trommel. Das alles war zwar nicht tiefgrabend, aber es war originell und peppig, es sprühte vor Esprit und Energie, und es war hart, knallig und toll dargeboten. Wer weniger auf schwindelige Optik und krasse Aktion stand, wurde von Dot Legacy glatt zermalmt. Dot Legacy sollten auch die mit Abstand Intensivsten bleiben!
Zum Runterkühlen gab es Death Doom mit dem ersten reinen Mädel-Doom-Bund der Welt: SHEVER. Nur für die waren wir gekommen. Nach zwei gescheiterten Treffs beim legendären »Doom Shall Rise« (2009 fehlten shEver, 2010 wir) war es heute soweit. Allerdings fanden sich die Hexen aus der schönen, schoggi Schweiz nach Abschluß der Gear-Verhandlungen nur im Sandwich zwischen den Männern wieder. Genau genommen müßten sich shEver auch in biEver umbenennen. Denn von den anno 2003 vier gestarteten »She«s waren mit Sechssaiterin Jessica und Vokalistin Alexandra nur noch die Schwarzhaarigen dabei. Hingegen die langjährigen Blondinen Nadine und Sarah respektive Melanie durch Chris und Heiko an Bass und Drums ersetzt werden mußten. Mit dem Zerfall der femininen Bande ging nicht nur ein Wandel im Klangbild einher (das in hohem Maße vom exakten Trommeln Sarahs geprägt war), nein, zu einem gewisssen ketzerisch-kritischen Unterton trug man heute auch einen Fetzen mit dem Aufdruck »Capitalism« zur Schau. Womöglich war diese Attitüde in Verbindung mit dem Geröchel und Geschrei, der etwas schrillen Gitarre und einem um mindestens zehn Beats per Minute zu schnellen und flachen Postcore-Sound ein Kniefall vor der punkigen »Chemo«, die shEver regelmäßig beehren. Es sei eine »geile Location«, alles sei »vollkommen«... shEver kamen wie viele Gruppen aus Switzerland dicht und groovy, aber auch etwas phlegmatisch, wie schlapper Sex daher. Am Ende stand ein rätselhaft unterkühltes Stündlein vor einem langen doomigen Hintergrund, der in meinen Augen verschenkt wurde. Was fehlte, war die Kraft und Seele einer echten Doomgruppe, die Gefühle. Bemerkenswert war indes das dunkel hingehauchte »Guten Abend«, mit dem mich eins der Mädel begrüßte. Aber letztlich haben wir alle mal einen nicht so guten Tag...
Nachdem er sich den ganzen Abend mit Beschützergesten und Christusposen als Verkörperung des Allmächtigen inszeniert hatte, sich kurz vorm Auftritt mit einem Schnaps und Bier rituell eingestimmt, und auf der Latrine mit den Worten »Can I piss before I crucify myself« letzte Hand an sich angelegt hatte, stand der New Yorker Heilsbringer von BUSHFIRE eine halbe Stunde nach Mitternacht auf dem Geviert. Von den rund fünfzig aus dem Publikum, die bis dahin ausgeharrt hatten, zogen im Verlauf immer mehr ab. Im Grunde war die Luft raus. Der Auftritt fand nahezu im Dunkeln statt und war deutlich schlechter als der vor zwei Jahren vor Mammoth Mammoth: Er fühlte sich ausgebrannt an und war trotz Doors-Anleihen eindimensional und visuell dröge. Die fünf in South of Hessen gestrandeten Gestalten aus Amerika, Portugal, Italien und Deutschland lieferten antiquierten Heavy Blues Rock ohne den letzten Kick. Neben dem Augenweh aus einem bildgewaltigen Riesen und seinen vier schmächtigen Schäfchen (vereint durch spirituelle Bärte), gingen besonders Mister Browns anglo-amerikanische Nuscheleien, Treppenwitze und höhere Weisheiten auf den Geist. Doch manche Menschen wurden eben vom lieben Gott erleuchtet. »Useless in so Many Ways« und »Little Man« hielten wiederum als Nachbrenner her. Überdies brachen Brown & Co. die Regeln und servierten als spontane Zugabe eine Uraufführung (die ich leider nicht verstand). Das »Good night, Dresden!« davor, hörte sich allerdings sehr depressiv an...
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
DOT LEGACY
(21.37-22.18)
Titel unbekannt
 
SHEVER
(22.53-23.51)
1. 3 Seconds
2. Failed to Avoid
3. La Fin
4. Smile
5. Hagazussa
6. An Illusion
 
BUSHFIRE
(0.20-1.22)
1. When Darkness Comes
2. The Conflict
3. Glossolalia
4. Black Ash Sunday
5. You Should Have Known
6. Shelter
7. Fallen
8. Useless In So Many Ways
9. Little Man
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10. Neues
Unser Heimweg mit dem neuen alten Doomkumpan Arvid per pedes durch Pieschen und eine lange Unterhaltung auf der menschenleeren Straße unter Dresdens funkelndem Sternenzelt tröstete über dieses So-lala-Erlebnis hinweg.
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 22. September 2017