CHOIR OF YOUNG BELIEVERS, TALKING TO TURTLES
D-Frankfurt am Main, Brotfabrik - 19. Januar 2010
Die Brotfabrik ist ein Ort, der nur einen Katzensprung von unsrer Bude entfernt ist - für uns aber wegen seinen Wucherpreisen und dem vom selbstverwaltenden „KP 21“ aufgestellten Konzept (Schwerpunkte: Salsa, Weltmusik, Sozialtheraphie etc etc) stets Sperrgebiet war. Nach 18 Jahren bot das heutige Indie-Konzert einen Grund, das Kapitel unbekannter Nachbarschaft zwischen Rödelheim und Hausen zu beenden. - So ab acht sollte das in der Brotfabrik losgehen, kurz vor neun waren wir in den alten Gemäuern angelangt. Fünfzig Zuhörer fanden sich im Laufe der Nacht im luftigen Saal des ersten Stocks ein. Studierende und kultiviertes Nachbarschaftsmilieu. Was auch sonst? Der Preis von 13 Euro beinhaltete ein Computerticket, was ja auch nur noch selten vorkommt (wozu der Kurzlebigkeit auch noch Andenken stiften?). Unerwartet hatte das Konzert schon halb neun begonnen...
... TALKING TO TURTLES waren kurzfristig und unangekündigt auf die Tour aufgesprungen, um in Köln, Frankfurt, Berlin und Hamburg für Choir Of Young Believers zu eröffnen. Nur in diesen vier Städten, mehr gab das Studium in Leipzig nicht her. Geboren wurden Talking To Turtles aber nicht in Sachsen, sondern in Norddeutschland. Rostock ist die Heimatstadt von Fräulein Claudia und Herrn Flo, in die sie eines Tages auch zurückkehren wollen. Zum Auftritt kann und will ich nicht viel sagen. Wir erlebten nur die letzte Viertelstunde. Die Turtles stellten ihr Album 'Monologue' vor. Und zwar alle Stücke, bis auf eins. Wir bekamen stille, fast scheue Lieder voller Gefühle. Handgemachte, untergrundige Vokalmusik mit einer Wandergitarre, einem Tasteninstrument und einem großen leuchtenden Globus dazwischen. Federleichte Poesie wie aus dem Lehrbuch des Indierock. Es war alles bis zum Äußersten sinnlich und zerbrechlich inszeniert - auch das finale „Monster´s Teeth“! - und meiner Begleiterin haben die Schildkrötenflüsterer von der Ostsee so gut gefallen, daß sie eine ihrer brandneuen Scheibletten erstehen mußte (die noch gar nicht im Umlauf waren, von denen Claudia aber einige auf der Bühnentreppe verschacherte - geheim und handsigniert!).
Eigentlich hatte ich bei CHOIR OF YOUNG BELIEVERS mit einem intimen Duett gerechnet. Alle Meldungen zu den als „Low Key Folk Indie Pop“ angekündigten Dänen liessen das vermuten. Es sollten aber ein paar Glaubensgenossen mehr werden. Sieben an der Zahl! Fünf Männer und zwei hochgradig erotische Walküren mit hochgestecktem blonden Haar und rotem Mund, die sich alle zusammen in Form eines Zickzacks aufgestaffelt hatten. Hier mal die Namen der Mitwirkenden und deren Requisiten (von links nach rechts): Fridolin (Perkussion, Trompete, Horn, Klavier), Anders Rhedin (Schlagzeug, Perkussion), Cæcilie Trier (Violoncello, Gesang), Jannis Noya Makrigiannis (Gesang, Gitarre), Casper Henning Hansen (Schlagzeug), Jakob Milung (Bass) und Mette Sand Hersoug (Keyboards). Dem nicht genung, steuerten alle (außer dem Schlagzeuger) dem Sound ihre Stimme bei, manchmal als Sextett im Chor, wie der Gruppenname schon sagt. Klingt kryptisch? Klingt spannend? Zu spannend? War aber zauberisch leicht! COYB boten ein visuelles und akustisches Schauspiel erster Sahne, Klänge aus dem Nordland, Hymnen, die in einer sehr weisen Ästhetik bebildert waren. Zuweilen tönte es meditativ, mitunter auch kräftig eruptiv, zumeist aber unheimlich sphärisch. Vokale voller dunkler Leidenschaft, sehr einfühlsam und eindringlich gesungen, trafen auf einen unglaublichen Sturm aus schwermütigen Klangerzeugern aller erdenkbarer Art. Der „Chor der jungen Gläubigen“ war einfach nur ungläubiges Staunen und andächtiges Genießen (und für mich pure Gänsehaut). Über allem ragten dabei das herzzerreißende „Why Must It Always Be This Way“ und das arktisch-wehmütige „Next Summer“ heraus, das mich an die Japaner Mono erinnerte. Das Album 'This Is For The White In Your Eyes' ist ein Muß für jeden, der auf Indierock und hymnische Ultima Thule steht. COYB währten verdammt kurzweilige 66 Minuten. Das von einer jaulenden Heavygitarre getriebene „Claustrophobia“ stand am Schluß des regulären Teils - und der Kern der Kommune, Jannis Noya, hatte als Solist ein Lied seiner persönlichen Favoriten First Floor Power hinzugefügt, das den Namen „Goddamn Your Fingers“ trug.
 
Wir sind in einer gepflegten Lokation gewesen, hatten zwei tolle Gruppen erlebt, zwei Tonträger erstanden, und sind für das alles nur drei Stunden unterwegs gewesen. Die Aufführung endete 22.20 Uhr.

 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 20. Januar 2010
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
TALKING TO TURTLES
(Liedfolge ohne Gewähr)
1. Stones Through Thin Glass
2. Can´t Make My Day
3. 25th Anniversary
4. Beam Me Up Scotty
5. Too Rough
6. Dive into the White
7. Turntable Turns
8. 20 Years
9. Notice My Oh Ohs
10. Monster´s Teeth

 
CHOIR OF YOUNG BELIEVERS
1. These Rituals of Mine
2. Hollow Talk
3. Why Must it Always Be This Way
4. New One
5. Action/Reaction
6. She Walks
7. Next Summer
8. New One
9. Claustrophobia
10. Yamagata
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11. Goddamn Your Fingers [First Floor Power