CHURCH OF MISERY, VERSUS THE STILLBORN-MINDED, THE WALRUZ
D-Wiesbaden, Kulturpalast - 29. September 2005
Wider den totgeborenen Wesen, die Vierte! Versus The Stillborn-Mindeds Chefideologe Boris hatte per Netzpost zu einem spiritistischen Ritual mit einer minderwertigen Musik namens Doom gerufen. Wer nicht käme, wäre weder die eingesenfte Wurst in Popo, noch zwei Wiener Würstchen in die Ohren wert. Schauplatz sollte ein weitgehend unbekannter Ort sein: der Kulturpalast zu Wiesbaden. Für sechs Euro öffnete sich die Tür zum vormaligen „Tattersaal“. Drin boten sich doomige Schwingungen und lange Haare soweit das Auge reichte: von „The Skull“ Serkan, dem „Doom Dealer“ aus Oldenburg, über die Lipinski-Clique aus Dintesheim, den Müller, bis hin zu den Nürnbergern Versus The Stillborn-Minded und Japans Church of Misery. Bei Letzteren gleich mal Andenkenerwerb für 45 Euro und Winseln nach einer Abspielliste. Erst Entgeisterung beim Japaner - „You look like Wino“ -, dann dessen verlegene Auskunft, daß die Titel „secret“ (Geheime Kommandosache) seien. Torsten T. lotste mich hinter die Kulissen, wo man sich an einer üppigen Nudelbar und Bier verlustierte. Hart für mich. War ich doch mit Blick auf den Dresden-Marathon im absoluten Verzicht. Noch drei Wochen voraus - und das zwischen all den Sonderlingen... Und dann dieses quälende Warten auf Doom...... Sturmkind berichtete mir vom Auftritt in Zschopau. Von Scharmützeln mit Sächsischen Skinheads. Und das der „High Point“ trotzdem das Größte war... Nur keine Anstalten der Helden, endlich loszulegen. Mit einem Hinweis auf unseren letzten Zug und Torstens Hilfe ging´s halb zehn los...
THE WALRUZ rafften sich als Erste auf. Lex Braselli, Carlos Cabrero, Stuart West und Joe Cobra. Bisher wenig Bekannte. West gab mir etwas Basiswissen zum Mitreden: The Walruz gibt´s seit 1998, drei sind aus Köln, einer aus Fürth. Man hatte sich auf dem niederländischen „Dynamo“ kennengelernt (bei Goatsnake), ein Demo veröffentlicht und danach drei Jahre nicht mehr gesehen. Ein Blitzkurs als Auffrischung - und heute zerdonnerte das Walroß die Planken des „Kupa“. „Close“ blies unter viel Ächzen den Staub aus den Lautsprechern - und vierzig Anwesende in tiefes Staunen. Denn was sich durch den Raum schob, war Musik von einem anderen Stern, Zeitlupenmusik pickepackevoller Siebziger-Vibrationen! Nicht gemacht von einer kurios zusammengetackerten Horde, sondern von einer taffen Einheit aus tierisch rumsenden Bässen, harten Trommeln und einer begnadet wehmütigen Stimme. Von ´nem Sänger mit Afroschnitt, Rockshirt und Gitarre über den schmalen Schultern. Gerade so wie Hendrix auf Doom! Das war kein Doom Rock, kein Stoner Doom, weder Sludge noch Funeral, einfach nur Doom! Schleppte sich „Close“ irre ergreifend und superlangsam über die Bühne, so entpuppte sich „Shuffle“ mit seinen lässig nach vorn wuchtenden Melodien als Goatsnake in der deutschen Version - nur viel emotionaler und echter. „Crack-Brained“ war dann wieder der reinste Zerrer, ein kolossaler Doomer vorm Herrn, pure Magie! Zwanzig Piepel offenbarten sich als Memmen und verpieselten sich. Scham unterdes bei mir, nicht erbarmungslos die Haare gewirbelt zu haben. Man soll mit dem Wort nicht spielen, aber was Walruz machten war Kult! Der Auftritt endete mit Ace Frehleys Altigkeit „Snow Blind“. Von Cobra und Braselli zusammen gesungenen, mal schleppend, mal forsch, und atemraubend gespielt. The Walruz waren wie eine dunkle Perle: jahrelang verborgen, für eine Nacht ins Licht geholt - und gleich wieder ins Dunkel gelegt! Lex Braselli ist einer der leidenschaftlichsten Sänger im Doom und für den Silberling gilt Kaufpflicht. - In der Pause informierte West mich, daß er mal für die Funeralisten Worship ausgeholfen hatte. Deren Franzose Mad Max hatte sich 2001 von einer Brücke in den Tod gestürzt...
Nun setzte sich die böse Spinne des Doom in Bewegung. Noch tiefer, noch behäbiger, noch drückender als das Walroß. Eingeleitet und inthronisiert durch unheilvoll verzerrtes Dröhnen im Sunn-Stil. Dann diese Stimme. Eine so gar nicht nette Stimme. Kratzig wie eine schlechtrasierte Vulva. Laut wie zu Eis erstarrende Lava und spürbar bis in die feinste Nervenfaser schob sich „Across the River“ durch den Raum. Endend erst nach einer Viertelstunde, so wie er begann: in dunkel dröhnenden Visionen. VERSUS THE STILLBORN-MINDED, so der Name des alles vernichtenden Ungetüms. Die Herkunft: Nürnberg. Die Personen: Boris, Satti, Sturmkind, Robin und (sich im Staube wälzend) Torsten. Unterhalb der Kanzel: fünf, sechs Groupies. Darunter der sich abregende Vitus. Clean bis auf die Knochen. Nichts geschluckt, nichts geraucht, nichts inhaliert oder injiziert. Nur Maracujasaft und die Rauschdroge Sludge Doom! Zu schwer, zu enigmatisch, zu anstrengend für all die totgeborenen Weichlinge aus Wiesbaden. Doch zwanzig Doommänner- und Frauen harrten aus - und ernteten Katharsis durch „Stormborne“. Wie der Titel ahnen läßt: eine Sturmgeburt in Demut vor den heiligen Saint V. Darauf tigerten die Geister unter der Vormundschaft umher: die „Spirits under Tutelage“. Haßerfüllt, getrieben und durch tolle Trommeleffekte überhöht. Dann eine Unterbrechung. Boris beschuf Klebeband - um das Licht „Notausgang“ zu verdunkeln. Und es ging noch durchgebrannter. Mit der sperrig-deathigen Ode an die Sinnlosigkeit allen Lebens durch „Vivamus Ergo Delebimur“ (Wir leben, also werden wir sterben). Und noch eine Sinnfrage, noch ein Extrem der Zeitlupe. Inszeniert und dominiert von einem markanten Riff: der krude Sludger „A Place Called Earth?“. Das heißeste Eisen hoben die Franken aber erst nach siebzig Minuten aus dem Feuer: ihren bisherigen Schaffenshöhepunkt - abartig bleiern einsteigend... bedrohlich Geschwindigkeit aufnehmend... und unter massiven Trommeln, tiefen Trossen und postapokalyptischen Rückkopplungen krepierend: den „No Land´s Man“. VTS-M waren heute so finster und morbide wie noch nier. Das ersehnte Gruppenfoto kam nicht zustande: Satti wollte sich unbedingt vor mir entblättern - doch der Rest war vom Winde zerstiebt.
Nach Mitternacht wurde gelächelt. Die 1995 formierte CHURCH OF MISERY aus Shinjuku im Reich der aufgehenden Sonne schritt zur Tat. Nach ihrem gestrigen Auftritt im „Rosi´s“ in Berlin war dies erst ihr zweiter auf europäischem Boden überhaupt. Aber waren die Japaner zum Lächeln gekommen? Mitnichten! Ab sofort wurde gequält, gemetzelt und getötet. Ging´s der Church doch nur um eins: der Huldigung von Serienmördern! Um die Finsterlinge mal beim Namen zu nennen: Tatsu Mikami (der Gruppengründer am Bass), Takenori Hoshi (Gitarre), Hideki Fukasawa (Vokale und Orgel), sowie Junjy Narita (Schlagzeug). Vor den überlebenden Snobs und Unterstützern stand jetzt ein Rudel mit schwarzen Pilzköpfen, knalligen Blusen und knallengen Jeans. Bizarre Optik, bizarres Thema. Massenmörder, wie gesagt. Jedes Church-Stück trug den Beinamen eines Triebtäters! Alles begann bekifft entspannt mit von Hideki aus dem Moog gezaubertem Raumgeblubber... bis sich der Genannte das Mikro krallte - und zu einem amoklaufenden Samurai mutierte. Sämtliche Gänseblümchen ersoffen fortan im Blutrausch, in einem höllenlauten Inferno aus paranoidem Geheule, Gegröle, Gekreisch, wütenden Äxten und wild schlagenden Knüppeln. Das Ganze unter abstrusem Werfen der Gliedmaßen. Alles was nach Mitternacht durch den Äther fackelte, war ein eine wilde Durcheinanderwirbelung von Doom, Rock, Blues, Psych und Freejazz, ein Strudel aus Tiefsequenzen, durchgebranntem Geschrei und vollem Körpereinsatz (wobei der Fronter durch einen exzentrischen Kampf mit seinem offenen Hemd und dem Mikroständer noch herausstach). Nach dem ersten Germanentrunk waren dem Burschen sämtliche Sicherungen durchgeknallt. Außer der Vokabel „Suffer“ gaben die unaussprechlichen Einlassungen nichts her. Eine Geisha filmte das Spektakel (todesmutig auf einem kippligen Barhocker stehend) mit. Mich selbst konnten die Mörderballaden weniger begeistern. Zu schräg, zu bizarr, ein bißchen wie eine kalte Schlachteplatte von rohen Sushis. Um eins haben wir kapituliert.
 
Der Abschied von Versus fiel schwer. Torsten machte einen Diener vor Frau Peanut und Sturmkind schoß ein letztes Erinnerungsfoto. Der Abzug aus der Snobcity verlief wie immer ärgerlich und teuer, die letzte Bahn war lange weg. Damit blieb uns nur ein Taxi zu 48 Euro. Freitagmorgen um halb drei lagen wir im Bett.
 
So, und jetzt spring´ ich aus dem 14. Stock.
 
 
Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 5. Oktober 2005
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
THE WALRUZ
(21.33-22.23)
1. Close to the...
2. Shuffle
3. Dry
4. Death Waltz
5. Crack-Brained
6. Snow Blind [Ace Frehley]
 
VERSUS THE STILLBORN-MINDED
(22.40-23.55)
1. Across the River
2. Stormborne Pt. II
3. Spirits Under Tutelage
4. Vivamus ergo delibimur
5. ... A Place Called Earth?
6. No Land´s Man
 
CHURCH OF MISERY
(0.15-XXX, Reihenfolge ohne Gewähr)
1. Killfornia (Ed Kemper)
2. I, Motherfucker (Ted Bundy)
3. Candyman (Dean Corll)
4. Red Ripper Blues (Andrei Chikatilo)
5. Megalomania (Herbert Mullin)
6. Boston Strangler (Albert Desalvo)
7. Sick of Living (Zodiac)