DARK BUDDHA RISING, FUOCO FATUO
D-Dresden, Chemiefabrik - 8. November 2018
(((O))) Das Doom-Ritual an jenem herbstgrauen Donnerstag im November stand auf tönernen Füßen: Der Konzertraum der „Chemo“ war im Umbau. Er war durch einen Anbau verlängert und neuer Boden verlegt worden; das Mischpult stand jetzt zentral im Raum. Doch das Wichtigste - Bühne und Beschallungssystem - fehlte. Damit blieb er geschlossen. Als wir um acht eintrafen, war der Vorraum mit dem Podest gegenüber der Bar - auf dem sonst das Merchandise steht - zur „Bühne“ improvisiert worden. Alles ballte sich in einem Raum kaum größer als eine Stube. Der via Fakebuch angesetzte Beginn verschob sich um eine Stunde auf neun Uhr. Zum Glück hielt sich die Besucherzahl in Grenzen. Frau Peanut und ich waren die ersten Zahlenden, am Ende waren es um die dreißig. Ein Maximum lieferte dagegen die Vorgruppe bei der Probe. Uns flogen bald die Ohren weg. Gleich am Anfang raunte der Schankbursche auch besorgt: „Ich hab extra Ohrstöpsel hingestellt.“ Und das war wirklich erst der Anfang! Dazwischen gab ihm der blonde Finne von den Buddhas einen doppelten Wodka aus, den er exen mußte. Doom awaits......
Nach einem knappen „Uno, due, tre“ brach Schlag neun die Hölle los. FUOCO FATUO. Der Gruppenname beruhte auf einem phosphoreszierenden Licht, das in der Nacht über sumpfigem Boden schwebt, und von dem angenommen wird, daß es durch das Verbrennen von Gasen entsteht. Mystisch ausgedrückt, ließe sich auch von schwefeligen Irrlichtern reden. Schwelend und stinkend wie Schwefel, zur Tristesse verrottet, brutal laut, aber phänomenal und irre fesselnd, war auch das, was sich vor uns bot. Die Grundstimmung erinnerte an die Genreerfinder Thergothon, Esoteric und Worship, und sie funktionierte, weil die Italiener sie hochgradig glaubwürdig umsetzte und sie beseelte Akteure hatten, die überdies klingende Namen trugen: Piazza, Collaro, Bacchetta sowie Sechssaiter und Vokalist Angeloni als einzigem Kahlkopf unter den Langhaarigen (Letzter ließ nicht nur durch seinen geschorenen Schädel, den Philosophenbart und die kleine Erscheinung an Versus The Stillborn-Minds´ Boris denken. Nein, auch Angelonis kauzig-morbides Geröchel erinnerte an ebenjenen). Statt große Effekte aufzufahren, kitzelte der Doom der Italiener das Spektakuläre aus dem Unspektakulären heraus. Fuoco Fatuo zelebrierten drei der vier Lieder vom Langwerk 'Backwater'. Wie der Titel Nummer eins orientierte sich der Mittelteil am Funeral der Neunziger, wobei die vier aus Varese Orgel-Effekte vermieden und die Stimmung nicht zuletzt durch ein verhalltes, beckenlastiges Schlagzeug spürbar und sehr echt rüberkam. Beim finalen Teil hatten die Lombarden wohl die deathigen Winter im Hinterkopf. Denn nach einer Dreiviertelstunde tiefster Zeitlupe explodierte „Nemesis“ wie ein brodelnder Vulkan. Hier zeigten sie sich auch alle waschbrettbäuchig mit nacktem Oberkörper. Zur Perfektion fehlte einzig der Rahmen: Fuoco Fatuo spielten vor einem Dilemma aus bunten Aufklebern und roten Funzeleien von der Wand. Man stelle sich vor, sie hätten in einem schwarzen Nichts gestanden. Welch´ sympathische, authentische Typen die Italiener waren, zeigte sich im Anschluß am Plattenstand. Da sie ihr Album 'The Viper Slithers In The Ashes Of What Remains' nur in Einzelteilen mitführten, entschuldigten sie es erst mit „Sorry, we have no jewelcase“, und beschenkten den Berichter dann auch noch mit einem funeraligen Plakat. Fuoco Fatuo hatten unfaßbar finster geglüht...
Für den nominellen Hauptakt konnte es nur die Flucht nach vorn geben. DARK BUDDHA RISING - schratige Finnen aus Tampere - lieferten einen nicht minder leisen und ungleich schnelleren Pulp-Krawall aus Okkult, Prog, Sludge, Space und einigen Drone-und Black-Metal-Parts, den sie selber Psychedelic Doom nannten. Dabei inszenierten sie sich bis zum letzten Stück als Ensemble zu fünft. Mit einem spindeldürren Sänger in Black-Metal-Optik und einer raumgreifenden Orgel boten sie einiges fürs Auge, wirkten aber zugleich etwas überladen, und erzeugten erst als Kerntrupp zu dritt (Ajomo und die Gebrüder Rämänen) mit minimalsten Mitteln die maximale Wirkung (eine sehr organische!). Nachdem der neurotisch keifende Vokalist und der hypnotische Keyboarder vorm fünften und letzten Stück mit griesgämigem Blick vom Podest gestiegen waren, kehrte der Sänger im Endteil noch mal zurück - um Auge in Auge mit dem Trommler als zweiter Perkussionist zu dienen. (Erste Erkenntnisse und spätere Nachforschungen zeigten, daß Herr Neuman bei seinen vorherigen Niederknie-Aktionen nicht nur Texte ablaß, sondern daß die Buddhas bereits dessen achtzehnte Gruppe waren. Eine böse Zunge würde sowas Hure nennen.) Insgesamt wirkte der Dunkle Buddha aus dem Nordland etwas frostig und abstrakt, und er hatte zu viele Wendungen und dadaistische Gaga-Anwandlungen, um wirklich glücklich zu machen. Dunkle Esoteriker wurden womöglich auch durch die von einer riesigen Schwarzen Sonne gezierte Plattenhülle von 'Abyssolute Transfinite' verkehrt. Gegen die Geisterlichter aus Italia konnten die Finnen zu keiner Zeit anstinken. Keine achtundvierzig Stunden später ging´s weiter in der „Chemo“ mit Doom. Am Morgen dazwischen erwachte ich mit einem dumpfen Ohr......
 
 

Text : ((((((Heiliger Vitus)))))), 13. November 2018, Bilder: Peanut
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
FUOCO FATUO
(21.00-21.50)
1. Sulphureous Hazes
2. Rainfalls of Debris
3. Nemesis
 
DARK BUDDHA RISING
(22.15-23.05)
Fünf Lieder, Titel unbekannt