FISTULA, GRIME, UR
D-Dresden, Chemiefabrik - 10. November 2018
Pieschens „Chemo“ hatte wiedermal zum Doom gerufen; diesmal zur US-Sludge-Ikone Fistula! Nach meinem Beinahe-Tinnitus vor achtundvierzig Stunden bei Fuoco Fatuo, den vagen Zuständen am Veranstaltungsort (zwei Tage zuvor war die Chemo ein Rohbau!), und nicht zuletzt durch meine Rückkehr zum Sport, war diese Nacht für mich tabu. Aber die Karten waren vor langer Zeit über Vorverkauf zugestellt. Und der Gram über den Verzicht auf drei vermeintlich gute Gruppen wäre wohl groß gewesen. Also sind Frau P. und ich hin. Vor Ort stießen wir auf Erstaunliches: Die Chemo hatte sich wortwörtlich über Nacht von einem Klub zu einer vierhundert Personen faßenden Halle verwandelt. Damit ist sie endgültig Dresdens Nummer eins in Sachen Underground. Nach einem Probelauf mit den Punkern Oxo vor vier Wochen wurde der neue Konzertraum mit dem heutigen Sludge-Ritual amtlich eingeweiht. Achtzig Gäste stellten eine lockere Kulisse.
Ein nagelneuer Konzertraum auf dem Silbertablett serviert: Die Sludger UR waren die Auserwählten und der Hauptgrund für unser Erscheinen. Fast taggenau vor einem Jahr hatten wir die Mitglieder von UR aufgelöst im vielköpfigen Distilled Orchester im Saal der „Scheune“ erlebt. Und ich war mir überhaupt nicht sicher, ob UR in der Zwischenzeit nicht nur ihr Hauptquartier von Leipzig nach Dresden verlegt hatten, sondern ob es sich auch noch um dieselben Leute handelte. Paul, Machate, Weise und Ritter hatten sich äußerlich etwas verändert. Doch die Musik klang nach UR. UR spielten ihre extrem wuchtigen, harten Malmer, die zugleich mit viel Feingefühl zelebriert waren. Faszinierende Doomkunst, in der es um die Ausrottung der Tiere und das Verhältnis des Hominiden zur Kreatur überhaupt geht. Dem Zeitgeist entsprechend waren die Gefühle subtil gedrosselt, aber in Verbindung mit der Botschaft umso effektiver. Downfall of Gaia kamen mir beim Anblick des (für mich) erstmals auf der Bühne vereinten Vierers in den Sinn. Alles wirkte etwas anders, der Norm entzogen. Derweil sich der Frontmann in schmerzhaft-harscher Manier die Seele aus dem Leib röchelte, sich der Bassist manisch bog, und der Trommler geradezu hochkultiviert über sein Instrument hauchte, war es speziell der zweite Gitarrist, der mit dem Rücken zum Publikum - einzig zum Speaker hingewandt - eine Art Distanz und Abscheu ausstrahlte. Auf Ansagen verzichteten die Dresdner komplett. Nur ein unmerkliches „Wir sind Ur“ brachte die Gewissheit, daß es sich um ebenjene handelte. UR doomten außergewöhnlich lange, und zwar von 21.34 Uhr bis 22.36 Uhr. Danach hätten wir gehen müssen...
Die aus Triest stammenden Sludge-Metaller GRIME sollten das Fluidum der Italiener versprühen. So meine Hoffnung. Grime kamen mit zwei alten Kauzen - der Fronter mit langen Funzeln; der Viersaiter mit rasiertem Schädel -, jedoch war der Trommler nicht nur zig Lenze jünger, sondern auch erst in letzter Minute dazugestoßen. Damit litt die Optik. Zwei neurotisch schnelle, mit bizarr hoher Fistelstimme vorgetragene Heavynummern im Achtziger-Stil, machten den Auftakt. Gefolgt von einem durchaus doomigen, an EyeHateGod erinnernden Teil namens „Chasm“ - nebst einem Dank an den Schlagzeuger. Zwei weitere Projektile voller krätzigem, grimmigem und zerstörerischen Nihilismus hielten als Fangschuß her. Mehr hatten Grime auch nicht drauf. Und damit sei ihre Geschichte schon erzählt. Matta, Cougar und Bardy - ein Trio, das es in der Form nie wieder geben wird (was in gewisser Weise schon wieder berührend war) - rammelten nur eine halbe Stunde.
FISTULA waren eine Horde aus Cleveland, Ohio, die sich 1998 gegründet und neben unzähligen Mini- und Splitscheiben schon acht Langeisen veröffentlicht hatte. Die Amis mußten viele Besetzungswechsel um ihre beiden wichtigsten Mitglieder - Corey Bing und Bahb Branca - verschmerzen, und sie hatten sich von 2004 bis 2006 auch schon aufgelöst. Heute erschienen Fistula - was sich zu Deutsch am Treffendsten mit „Fistel“ übersetzen läßt - in der bewährten Besetzung Harrington, Bing, Branca, Peel und Easterly. Doch auch bei Fistula verloren sich die mit großem Aufwand betriebenen Vorbereitungen und das vom Vokalisten cool zur Schau getragene Iron-Monkey-Shirt rasch in flachem Gedöns. Ich rede hier von Amis, die gewohnt mit Pomp und Power kommen. Aber hier ging der Schuß nach hinten los. Fistula zeigten sich als blasse und ziemlich einfallslose Figuren, die ein extrem hartes Bleigewitter lieferten, dem komplett die Tiefe fehlte. Ein schrottiges Geschepper im Niemandsland zwischen EyeHateGod und Heavy Metal. Für Hardcoreler zu langweilig, für Doomer zu grausig. Neben einigen Shirtmotiven verkauften Fistula auch Testpressungen für 15 Euro, die eine potenzielle Anlage gewesen wäre. Ich hatte das Geld aber in Getränke gesteckt, und war am Ende glücklich über diesen Entschluß. In Nächten wie diesen merke ich, wie sich etwas in mir verändert hat. Ich beginne, mein Leben neu zu ordnen. Fistula hatten Mitternacht angefangen. Nach einer halben Stunde und Harringtons Erkenntnis „Fuck, we play shit! This is what we do!“, sind wir abgezwitschert.
 
 
Text: ((((((Heiliger Vitus)))))), 16. November 2018, Bilder: Peanut
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
UR
(21.34-22.36)
1. Grey Wanderer
2. Aurochs
3. The Rift
4. Condor
 
GRIME
(22.58-23.26)
Fünf Titel, darunter Chasm
 
FISTULA
(23.56-XXX)
Titel unbekannt
Der noch jungfräuliche Konzertraum in der Chemo Dresden