DATURAH, CHAPELLE D´AMOUR, FORM
D-Mainz, Grenzlinien Finissage - 5. Juni 2010
Unsere Radfernfahrt zur GRENZLINIEN-FINISSAGE begann am Sonnabendnachmittag um 14.45 Uhr. Von Frankfurt-Rödelheim hatten wir uns nach einigen Fehlleitungen über das Chemiewerk Hoechst (heute: »Industriepark Höchst«), über Kelsterbach und die postkapitalistische Brache um Ticona, über Raunheim, das »Rind« Rüsselsheim und das Opelwerk bis nach Bischofsheim durchgeschlagen. In Bischofsheim erfolgte die Überquerung von der Süd- auf die Nordseite des Mains. Nach einer Stärkung in einem der herrlichen Biergärten der Maaraue (Mündung des Mains in den Rhein) waren wir bereit zur Schlußetappe vom Weinort Kostheim über Kastel (wo sich auf einem Ska-Konzert in der Reduit etliche Glatzen rumtrieben), rüber über die Heuss-Brücke nach Mainz. Nach 5 ½ Stunden, 53 Kilometern und einem Sturz meines Mädels, war das Ziel Adenauerufer um 20.15 Uhr erreicht.
 
Im Rahmen des Kultursommers waren am Rhein - neben Livebühnen und Kunststränden - seit zwei Wochen auch Schiffscontainer für die Ausstellung »Grenzlinien« errichtet. Nach der Vernissage am 22. Mai bedeutete die heutige Finissage das Ende der Schau. Die abschließend auftretenden Daturah waren für uns der Grund der weiten Fahrt gewesen. Mit Lichtspender Raul war einer von Daturah im Grenzlinien-Projekt beteiligt.
 
Um acht hatte der Hip-Hopper FORM den Start vollzogen. Hip-Hop? Yo, Man! Es war meine erste Berührung mit dem Wesensfremden überhaupt - und die gewiss letzte zugleich! Nach dem von Form ins Weltnetz gestelltem »Anti-Stasi-Lied« war schon vorab klar, wessen Geistes Kind einen da erwartete. (Als aus den Spitzeln Fahnenflüchtige wurden, dürfte der Mundakrobat noch nicht in Planung gewesen sein.) Zur Musik an sich verkneife ich mir jedes Wort. Man muß ja nicht alles lieben. Form war zumindest der deutschen Sprache mächtig, und das Gehörte um 20.37 Uhr fertig und Geschichte. Mit der Einladung zum Kauf einer CD haben wir uns auf die Stahlrösser geschwungen... und fanden in einer italienischen Eisbude unter der Rheingoldhalle die ästhetische Entspannung.
Um neun waren die Zweiten im Bunde zugange. »Es gibt uns nicht als Band, aber wir spielen auch unter einem Namen. Dann heißen wir CHAPELLE D´ AMOUR. Vielen Dank, Rheinufer!« So lautete um halb zehn das Wort zum Abschied. Bis dahin hatte die vierköpfige Kooperation aus dem Rheinlandpfälzischen völlig entspannten Free Jazz an den Mann gebracht. Ein Dreadlockträger am Saxophon, eine gefrickelte Sechssaitige und die obligaten Trommeln waren die Basis für einen schlauen Kopf, der nachdenkliche bis kritische Texte und/oder Zitate zu den Kondensstreifen am Himmel sprach (die höchstwahrscheinlich vergebens waren). Offiziell trugen die Stücke die Namen von Göttern der griechischen Mythologie, wie »Phaeton« und »Midas«. Nach einer zehnminütigen Instrumenten-Improvisation mit Übergängen zum Ambientrock, waren die Töne aus der Kapelle der Liebe verklungen.
Am Horizont schimmerten die Berge des Taunus. Davor der ruhig dahinströmende Rhein mit hin und wieder einem Dampfer. Drei begehbare Überseecontainer standen auf dem Ufer (einer mit Collagen aus zerschnipselten und wieder zusammengesetzten Landkarten, im zweiten ein Daumenkino auf Knöchelhöhe, der dritte als Quartier der Grenzlinien). Zwischen den Behältern baumelten farbige Strahler und Fahnen, die aus zerschnittenen Nationalflaggen durchmischt und neu zusammengenäht waren (so verschmolz Frankreich mit Kroatien). Auf den Stufen von der Rheinpromenade hin zur Stadt saßen junge Menschen (im Fluß des Kommen und Gehens hundert, manchmal auch zweihundert). Der rostbraune Torbogen hin zum Mainzer Schloß rahmte alles ein. Maikäfer schwirrten durch die Luft, gute Laune und das Odeur von Bier und Gegrilltem. Das war die Kulisse für die Postrocker Daturah. - - DATURAH hatten sich in Form eines Pentagramms in Stellung gebracht. Die Gesichter zum Inneren des Fünfzacks gewendet, der Trommler fast durchweg mit geschlossenen Augen. Daturah schlugen heute leisere, mildere Töne an. Die lauschige Sommernacht hatte einiges vom dunklen Adrenalin der Klubschau im Mai genommen. Die Unendlichkeit des Raums ließ die Kraft der Gitarren ineinander verschwimmen, Windbrisen den Klang mal stärker, mal schwächer wirken. Räume ohne Grenzen haben keine Akustik. Eine fremde Jugendbande äußerte, Daturah seien »voll langweilisch«. Oh, ihr Lumpen! Für mich waren Daturah heute was zum Wolkenverquirlen. Der freie Raum machte Headbangen endlich mal möglich. Eine Fotografin bannte alles in Pixel, und der Nachbar meines Mädels folgerte: »Jetzt wird er verewigt.« Daturah waren heute etwas zum Träumen, fast schon Friedvolles geradezu. Im Sonnenuntergang war der Stechapfel gefallen... und in der Finsternis zum Stillstand gekommen.
 
Davor und bis tief in die Nacht waren noch die DJs Kontrolliertes Kreiseln, Groovintella & Spida am Werk.
 
Peanut und mir stand nach einem letzten Angekühlten aus dem Eisbottich am Rhein ein ungewisser Nachhauseweg bevor. Nach der schlechten Erfahrung südlich vom Wasser, beschlossen wir die Rückfahrt entlang der Weinberge im Norden. Wir hatten Leuchten am Rad, die zuvor noch nie im Dienst waren - und eine Strecke vor den Reifen, die wir noch nicht mal bei Licht besehen hatten. Von Mainz über Kostheim, Flörsheim, Eddersheim, Okriftel, Hattersheim, Sindlingen, Unterliederbach und Höchst, sind wir nach nach 2 ½ Stunden und 41 Kilometern gesund in Frankfurt-Rödelheim eingetroffen. (Insgesamt waren es 94 Radkilometer für Daturah.) Um 2.04 Uhr haben wir die Tür hinter uns zugesperrt. Der Tag war unglaublich schön!
 
 

Text und Bilder: Heiliger Vitus, 7. Juni 2010
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(21.54-22.56)
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2. Hybrisma
3. Larkin *
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