DOOM OVER MAINZ
 
HEXER, MORASTH, ODD, BLÆCK FOX
D-Mainz, M8 - 22. September 2018
((((((o)))))) Mit dem kalendarischen Herbstanfang war nach sechs Monaten Sonne der erste Regen gefallen. Endlich wurde der ganze Dreck von der Straße gespült. Die Temperatur sank abrupt. Tief die Luft einziehen. Endlich frei atmen. Endlich, endlich Herbst!... In hellseherischer Manier hatten die Jungen von Morasth im heimischen Mainz ein Doom-Ritual mit zeitgenössisch-radikalem Anstrich auf die Beine gestellt. Es stand am Ende ihrer Wellen-&-Weihrauch-Tour mit Hexer und ODD. Zusammen mit Blæck Fox waren es in Mainz vier im Bunde. Diese Nacht wurde zu einem Festival erhoben. DOOM OVER MAINZ war eine Premierenveranstaltung. Und sie stand buchstäblich unter keinem guten Stern. Sturm war im Anmarsch. Die Frankfurter Zuganzeige warnte, daß „wegen Sturmtief Fabienne ab 23.09.18 (sprich: der Mitternacht während Doom Over Mainz) Einschränkungen im Bahnverkehr möglich“ sind, und sich der Reisende „vor Fahrtantritt informieren“ soll. Nach einem erschöpfenden Dauerlauf über 25 Kilometer am Morgen war ich nun auch noch von der Sorge erfüllt, ob wir unter diesen Bedingungen einen Ausflug über den Rhein wagen sollen... Schließlich war es meiner Adjutantin Peanut und zwei Entscheidergetränken zu verdanken, daß wir den Weg zur Mitternachtsgasse 8 fanden. Es war eine gute Entscheidung! Für gerade mal sechs Euro Eintritt fanden wir durchweg entspannte Leute (etwa sechzig), hochgradige, mit ästhetischen Vinylplatten, Silberlingen, Aufnähern und Shirts bestückte Andenkentische, eine Bar mit naturbelassenem Mainzer Gerstensaft, und natürlich phantastische Protagonisten. Alles war mit viel Herz gemacht. Der unerfahrene Ton- und Lichttechniker fügte sich wunderbar in diese Szenerie ein. Einzig der späte Beginn sollte sich bitter rächen. Es ging weder um sieben noch um acht los, sondern um 20 Uhr 37. Damit blieb der Hauptakt vielen verwehrt.
Es waren BLÆCK FOX, denen die Ehre des Eröffners zufiel. Blæck Fox waren Spezln von Morasth; sie hatten schon einige Auftritte zusammen abgeliefert, Das Ergebnis war schließlich ein im Januar veröffentlichtes Split-Album, welches von keinem Geringeren als James Plotkin (ex-Scorn, Old Lady Drivers und Khanate) endbearbeitet wurde. Die Troika aus Mainz und Wiesbaden servierte einen eigenwilligen Mix aus Sludge, Crust, Noise und Post-Metal, der von krankem, kratzbürstigem Gekeife in der Machart von EyeHateGod, einer subversiven DYI-Attitüde und hoher Intensität geprägt war. Ich selber fühlte mich etwas an die Westfalen Nightslug erinnert. Rasch war der schmale, niedrige Konzertraum am Brodeln, und glich aufgrund der außer Betrieb gesetzten Klimaanlage schon bald einem brutalen Schwitzkasten. Etwas ungünstig wirkte ferner die allzu grell ausgeleuchtete Bühne. Blæck Fox durfte man trotzdem als würdigen Einklang zum Doom Over Mainz bezeichnen. Die Jungen sludgeten exakt 45 Minuten.
Nach einem schleppenden Umbau folgten in Gestalt von ODD ab 21 Uhr 54 die Nächsten. Auch wieder ein Trio. Jedoch aus Darmstadt. Und völlig anders. ODD hatten wir im Mai letzten Jahres zusammen mit Morasth am selben Ort erlebt. Damals gaben sich die Mitglieder nicht nur auf dem Geviert verdeckt, sondern auch davor und danach... Heute wich das etwas ab. Zumindest optisch. ODD trugen zwar Kapuze und Gesichtsschutz, verzichteten jedoch auf Nebel und okkulte Utensilien und wurden durch zu viel Licht noch mehr ihrer schwarzmagischen Aura beraubt. Im Wesentlichen machte Herr Haufen Boh alles selbst. Neben seinem über zwei Verstärker gespielten Sechssaiter keifte er furchterregende Sprachfetzen und dominierte mit seinem bizarren, ausgemergelten, tätowierten Körper, manischen Verwringungen und quirlenden Armen auch die Performanz. Zum Schlagzeug und den aus dem Off tönenden exorzistischen Bschwörungen gesellte sich heute auch eine Orgel. Vermißt wurde nach wie vor ein Viersaiter. ODD waren heute mehr Sludge als Black Doom. Ihr Auftritt war mit 39 Minuten kurz aber heftig und der womöglich doomigste der Nacht (was Hexer taten, bleibt ein Geheimnis).
Schlag 23 Uhr hatte sich das Spezialkommando in Sachen transzendentaler Klangkunst in Stellung gebracht. Doch nach der rammelvollen Bude bei ODD setzte ausgerechnet bei den Machern der Nacht der Exodus ein. Auf MORASTH, die nach ihrer alles zerdrückenden Drone-Doom-Demonstration vor Ufomammut 2016 in Wiesbaden zuletzt zwischen Ambient und Post Metal balancierten, lagen große Hoffnungen. Schon weit vor ihrem Auftritt wirkte die Crew aus Mainz extrem fokussiert und körperlich in Hochform. Ein zart über die Gitarre gestrichener Geigenbogen bildete heute den Einklang - - bevor der Sturm losbrach und die Bühne in eine unfassbare Kreatur transformierte; in ein Tier, das knurrt, murrt, schreit und flüstert (sinnbildlich, denn Morasth entwickeln sich noch immer stumm). Morasth kamen mit der ersten Sekunde unsagbar stringent, spielten mit urtümlicher Kraft und waren taff wie aus einem Guß. Kurzum: Morasth wandelten inszenatorisch in höchsten Gefilden. Aber wo blieb die Tiefe? Wie bei den Vorgruppen litt Morasths Darbietung unter einem zu hellen Klang und zu viel Licht. So muteten ihre alten Lieder schroffer denn je an. Aber - um Himmelswillen - ich kratze hier an etwas Großem, Unbeschreiblichem! Letztlich war es die Zeit, die alles zunichte machte. Nachdem sich die Reihen immer mehr gelichtetet hatten (am Ende standen dreißig Leute vor Morasth)...
... soll sich die M8 bei HEXER dem Vernehmen nach beinahe vollends entseelt haben. Viele waren von den Öffentlichen abhängig. Zudem hing nach Mitternacht das Damoklesschwert von Fabienne über Mainz (der große Sturm ging allerdings erst am Nachmittag danieder). Hexer hatten sich den ganzen Abend unverblümt und volksnah hinter ihrem Devotionalienstand gezeigt und mußten nun zusehen, wie einer um den anderen ging. Minute um Minute verrann, und spätestens beim langen Umbau vor Morasth war mir klar, daß die deepen Dortmunder Stoner-Doomer für uns verloren sind, und wir noch nicht mal deren Anfang erleben. Kurz vor Mitternacht sind Peanut und ich zugunsten der letzten sicheren Verbindung zum Frankfurter Berg aufgebrochen. Draußen wartete eine empfindlich kühle Nacht.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
BLÆCK FOX
(20.37-21.23)
1. Unbenannt
2. Primitive Man
3. Phantomschmerz
4. The Prey
5. T.O.S.
6. Seven Sisters
 
ODD
(21.54-22.33 / Titel ohne Gewähr)
1. Intro
2. 49°
3. 46'
4. 35.5“
5. N 9°
6. 11'
7. 01.8''E
 
MORASTH
(23.00-23.55)
1. Unbenannt
2. Evocatio
3. And On Celestial Shores I Build Enormous Sepulchres
 
HEXER
(XXX)
Titel unbekannt
Nachhall
 
Das erste Doom Over Mainz wurde von Morasth auf Selbstkostenbasis ausgerichtet. „Wenn es angenommen wird, wollen wir versuchen, es regelmäßig zu veranstalten“, lautete deren Angebot. Wir haben es in höchstem Maße unterwürfig angenommen und waren folglich äußerst gespannt. In den folgenden Wochen erfuhren wir, daß die Uraufführung ein voller Erfolg war, keine Verluste entstanden, und Personal und Akteure ordentlich verpflegt und bezahlt werden konnten. Damit wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit 2019 ein neues DOOM OVER MAINZ geben!
 
 

Text: ((((((Heiliger Vitus)))))), 25. September 2018; Bilder: Vitus und Hexer (Albumcover)