DOWNFALL OF GAIA, HAMFERD
D-Dresden, Loco Club - 6. Febuar 2018
Wie „Konk“ zu „Paula“ alias „Loco“ wurde. Oder: Das mirakulöse Bäumchen-wechsle-dich-Spiel der Klubs im Florenz an der Elbe. Unter einer dieser Schlagzeilen könnte der Auftritt von Downfall of Gaia mit Hamferð in Dresden stehen. Daß die Tour nach Dresden führte, stand ein Vierteljahr vor ihrem Start im November 2017 fest. Der anfangs geplante Schauplatz „Konk Klub“ wurde rasch in „Loco Club“ geändert. Beide befanden sich in der Industriesiedlung der riesigen Kasernenanlage Albertstadt. Der „Konk“ war Teil des „Eventwerks“ in der Hermann-Mende-Straße 1; das „Loco“ sollte in der Meschwitzstraße 14 zu finden sein. So weit, so gut... Doch in der Wirklichkeit sieht manches anders aus. Nicht nur, daß manche Gäste nach wie vor den Konk als Konzertort führten, und irrtümlich in die Mendestraße einbogen... Es ist ja nicht so, daß man als Einheimischer die Albertstadt zum erstenmal sieht: An der nördlichen Stadtgrenze trafen wir uns als Radsportler zum Training in Richtung Königsbrück; der Vater arbeitete im Industriegelände; im Wehrkreiskommando verpflichtete ich mich als Achtzehnjähriger zu 25 Jahren als Berufsoffizier; das „Magazin“ war die versteckte und einzige Einrichtung der „Iwans“, in dem Dresdner Dinge aus Rußland kaufen konnten... Heute herrschte sibirische Kälte. Das Labyrinth aus ehemaligen und leer stehenden Flieger- und Turbinenfabriken, Werkstätten und Lagerräumen - ein Paradies für Kluberöffner, Selbstverwirklicher und Visionäre, Heim zahlreicher Bandproberäume -: entseelt und in der tintenschwarzen Februarnacht kaum beleuchtet. Hausnummern? Fehlanzeige. Durch Zufall entdeckte ich einen Zettel mit einem Pfeil zum Loco-Club. Er fand sich im Hof eines Ziegelbaus mit einem leuchtenden „P“ über der Tür. „P“ stand für „Paula“ und war in seinen vorigen Leben ein Trafohaus und Technoschuppen. Der Verwirrung folgte eine Aufklärung, der man nicht böse sein konnte: Der Booker hatte sich mit dem Vermieter des „Konk Klubs“ überworfen, sodaß das Konzert verlegt werden mußte. Ein Kumpel überließ ihm die „Paula“, die heute für Downfall of Gaia herhielt, und zehn Tage später als „Loco Club“ neu eröffnet werden sollte. So waren die Latrinen - treu des legendären DEFA-Films - nach wie vor mit „Paul“ und „Paula“ beschriftet; davor stand ein rollbarer Jackenständer. Hinter der provisorischen Bühne erstreckte sich die gläserne Diskobeleuchtung „Halbkugel“... Fünfzig Studis nebst einer Handvoll Crustis hatten zum Eintritt von zwanzig Euro den Weg gefunden. Darunter ein gewisser Timothy Avalon aus Berlin, der den Auftritt vor zwei Tagen im „Cassiopeia“ verpaßt hatte, und extra für Downfall of Gaia über die Autobahn nach Dresden gefahren war. Zu trinken gab es neben Bier aus Bremen auch exotisches Spaten Münchner Hell. Beruhigungsmusik von Bohren & der Club of Gore lief vom Band. Das erste Konzi im Loco (oder die Beerdigung der Paula, je nach Sicht) war schlicht und handgemacht...
Halb neun stand das Färöer Funeral-Death-Doom-Sextett HAMFERD im schummrigen Blaulicht der Bühne. Die Herren Aldará, Egholm, Kapnas, Trøðini, Joensen und Johannesen hatten wir beim Hammer-Of-Doom-Festival 2014 erlebt. Mit ihren schwarzen Anzügen, Schlipsen und weißen Hemden kamen sie in derselben Sargträgerkluft wie vor drei Jahren, und wirkten mit ihrer Mischung aus linkischem Charme und trockenem Humor erneut wie unmittebar aus einem Kaurismäki-Streifen entsprungen. Ruhige, melancholische Instrumente im absoluten Trauermarschtempo paarten sich mit einem bizarren Mix aus dramatischem Operngesang, morbidem Gegrunze und Sprechgesang mit tragikomischem Anstrich - alles auf Färöisch. Andererseits blieb die Vorstellung durch ihren Sänger spannend. Denn in Sachen Körperlichkeit mangelte es ihr erneut völlig an Dynamik. Das halbe Dutzend von Hamferð stand eine komplette Stunde lang wie versteinert vor uns. Das „Dankeschön“ vorm finalen Stück wirkte reißerisch geradezu, es war genauso deplaziert wie das Diskopanel im Hintergrund, und es sollte zugleich die einzige „Ansage“ der ganzen Nacht bleiben. Musikalisch hui, inszenatorisch pfui: So ließe sich auch dieser Auftritt von Hamferð umschreiben. Meine Adjutantin war die einzige, die einen Silberling vom Debüt 'Evst' erwarb. 'Evst' wiederum erschien auf den Färöern! Ein paar andere weibliche Gäste kauften Shirts von Hamferð. Größer als zum Hauptakt konnte der Kontrast überhaupt nicht sein: Auf die todgeweihten Lämmer von der Insel im Nordatlantik...
… folgten die hungrigen Wölfe aus Nirgendwo. Für jeden, der DOWNFALL OF GAIA schon mal sah, lag lange bevor sie ins Licht traten eine ganz besondere Atmosphäre und Energie in der Luft - die Nasenspitze an Nasenspitze mit den Akteuren nur eine ganz große Intensität und Faszination zur Folge haben konnte... Frontmann Goncalves dos Reis, der aus Palermo stammende Sechssaiter Mazzola, Viersaiter Lisovoj und der New Yorker Kadnar zündeten ein Feuerwerk aus hammerharten Trommeln, sirrenden Trossen, dystopischem Geschrei und Gekeif, und einer wahnwitzigen, zügellosen Körperlichkeit, das seinesgleichen suchte. Im Laufe ihrer Stunde brachten Downfall of Gaia im Kern Titel ihre letzten Albums 'Atrophy'. Die Texte kreisten um die Weiterentwicklung der Menschheit, Fortschritt und Gier, und den Verlust des eigenen Lebens. Anders als vor einem Jahr, als sie für Englands Conan eröffneten, schraubten die Gaias ihren Sludge-Anteil jedoch gen Null und zeigten sich durchweg in einem Gewand aus atmosphärischem Post-Black-Metal gespickt von einigen Crust-Attacken - ohne bei aller Geschwindigkeit an Spirit und emotionaler Wucht zu verlieren. Im Unterschied zu all den Horden des „zeitgenössischen“ Post-Black-Sludge-Noise-Metals erreichten Downfall of Gaia dabei nicht bloß den Verstand, sondern auch unsere Herzen. Eine unwirkliche Zwischenwelt aus Nebel und plötzlichen Lichtblitzen tat ihr Übriges für dieses einmalige, geile Erlebnis. Das Ganze war derart am Rande des mentalen und körperlichen Zusammenbruchs, daß es den Fronter vorm letzten Stück fast umwarf. Wahrscheinlich hat es dos Reis noch nicht mal selbst bemerkt, wie er sich in den Kabeln am Boden verfing... Daß dieser Auftritt keiner nach Schema F war, bewies unter anderem die Auswertung der beiden Saitenmänner direkt im Anschluß (auf Englisch), und die Tatsache, daß die geplanten Langärmler mit dem „In Solitude“-Motiv nicht rechtzeitig zur Tour fertig wurden.

Nach unserem Besuch im klirrend kalten Dynamo-Stadion vor zwei Tagen (bei dem die Sportgemeinschaft über Bochum siegte), und der heutigen Expedition in den Dresdner Norden, lag ich mit extremen Halsschmerzen und einer Grippe am Boden. Aber was sollte Timothy Avalon sagen, der nur für Downfall of Gaia mehr als vierhundert Kilometer über die Autobahn gedüst war? Oder Downfall of Gaia und Hamferð? Die rollten in das Verderben im Osten... nach Krakau, wo sie eine Nacht später ran mußten.
 
 
Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 18. Februar 2018
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
HAMFERD
(20.38-21.37)
1. Evst
2. Deyðir varðar
3. Stygd
4. Tvístevndur meldur
5. Vráin
6. Frosthvarv
7. Hon syndrast
8. Ódn
 
DOWNFALL OF GAIA
(21.59-22.58)
Titel unbekannt, das Meiste von 'Atrophy'